Kurs auf Arabisch Wie sieben Flüchtlinge das Energiesparen lernen

Sie wollen Energiesparhelfer werden: Sieben Flüchtlinge lernen, wie sich der Stromverbrauch drosseln lässt, um es anderen beizubringen. Ein Sitzungsbesuch.

Die angehenden Energiesparhelfer nehmen den Kühlschrank in Augenschein. Vor allem alte Geräte sind oft Stromschleudern.
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Die angehenden Energiesparhelfer nehmen den Kühlschrank in Augenschein. Vor allem alte Geräte sind oft Stromschleudern.


Sieben konzentrierte Gesichter reihen sich hinter grauen Klemmbrettern auf, mit gerunzelten Stirnen schauen sie auf das weiße Ungetüm. "Wie alt ist der Kühlschrank?" fragt Referent Harald Richter. "Keine Ahnung", sagt Ali Mahkos lächelnd auf Arabisch. Wie die meisten Elektrogeräte in der Wohnung war auch er ein Geschenk.

Ali Mahkos wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern erst seit einem Jahr in Andernach nahe Koblenz. Zwei Jahre zuvor arbeitete er noch auf einer Polizeiwache in Syrien.

Sechs weitere Zuwanderer aus Syrien, Eritrea und Algerien sind an diesem Nachmittag bei ihm, um einen Energiecheck vorzunehmen. Sie alle wollen ein Zertifikat bekommen: als ehrenamtliche Energiesparhelfer. Es ist die achte und letzte gemeinsame Sitzung auf Arabisch, angeleitet von Harald Richter. Einer der Teilnehmer, Ali Shehade, versteht schon gut Deutsch und übersetzt für die anderen. Das Projekt ist eine Kooperation vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND und dem Jobcenter Andernach. Eine Kombination aus Umweltschutz und Integration - zu 100 Prozent gefördert vom rheinland-pfälzischen Umweltministerium.

Richter öffnet das Gefrierfach und zieht mit einem klirrenden Geräusch die oberste Schublade hervor, so dass sich eine dicke Schicht Eis entblößt. "Oh, ist das viel", entfährt es ihm. Schnell erklärt er, dass es wichtig ist, den Kühlschrank regelmäßig abzutauen. Das Eis absorbiert sonst die Kälte. Shehade übersetzt. "So hätte ich das auch gesagt", kommentiert Richter und lacht. Die anderen stimmen mit ein - ein bisschen Deutsch verstehen sie alle.

Billige Energie in der Heimat

Das Energiesparen ist für viele arabische Flüchtlinge Neuland. "Als ich in Syrien lebte, war Energie billig!", sagt Shehade. "Für 400 Kilometer Autofahren etwa zahlte man nur knapp drei Dollar für das Benzin." Ähnlich muss es in anderen Bereichen des Alltags gewesen sein.

Shehade ist Chemiker und will in Koblenz seinen Master in Chemie machen, die Anmeldung bei der Uni ist abgeschickt. Auf die zehn Jobbewerbungen zuvor hat er bisher keine Antwort erhalten. Als Übergang möchte der 36-Jährige Energiesparhelfer werden. Wenn er an diesem Tag das Zertifikat bekommt, kann er zunächst in Begleitung eines erfahrenen Helfers, später alleine in andere Haushalte gehen und die Bewohner beraten und informieren, wie sie im Alltag sparen können.

Der Bedarf ist da: In den meisten Haushalten in Deutschland wird viel Energie verschwendet. Laut dem Bundesumweltamt verbrauchten private Haushalte 2015 genauso viel Energie wie 1990 und damit gut ein Viertel des gesamten Verbrauchs in Deutschland. Das ist schlecht für die Umwelt - und für den Geldbeutel. Deswegen hat der BUND Rheinland-Pfalz die Schulungen ins Leben gerufen. Die ersten Durchläufe waren auf Deutsch, 40 Energiesparhelfer haben sie in der Region Koblenz bereits ausgebildet, überwiegend Studenten und Rentner.

Nun schließt zum ersten Mal ein arabischsprachiger Kurs die Lehreinheit ab. Das Ziel: Das Wissen, wie und warum man Energie spart, soll auch denen vermittelt werden, die es aus ihrer Heimat nicht kennen. Gleichzeitig wird es als eine sinnvolle Beschäftigung für die Teilnehmer angesehen.

Im Haushalt sparen, ohne neu zu kaufen

Die fünf Männer und zwei Frauen beschäftigen sich als nächstes mit dem Herd. "Wie viel wird er genutzt?", fragt Richter. Ali Mahkos erkundigt sich sicherheitshalber bei seiner Frau. Sie erblickt die Gruppe mit ihren Klemmbrettern unter den Armen und lacht: "Sieht aus wie in der Schule." Etwa eine Stunde am Tag sagen die beiden dann.

Die Gruppe schlendert anschließend in das gelb gestrichene Wohnzimmer. Stromfresser, wie einen DVD-, Blu-ray-Player oder Konsolen gibt es nicht, stattdessen begutachten die "Azubis" den Fernseher. Richter steckt ein Messgerät in die Steckdose, Mahkos schaltet den Fernseher an: 95 Watt. Im Stand-by-Modus nur noch 0,2 Watt. "Aber auf die Dauer ist auch der Stand-by-Betrieb teuer", sagt Richter. Es sei besser, schaltbare Steckdosenleisten zu nutzen. Wer so in seinem Haus fünf Geräte zwischendurch ausstellt - mit je zehn Watt Stand-by-Leistung - kann laut WWF pro Jahr 100 Euro sparen.

"Und worauf müssen wir beim Heizen und Lüften achten?" fragt Richter mit einem Blick auf die Fenster. Ein Drittel der Energie verbrauchten Haushalte für das Heizen und jeden Tag stoßzulüften sei wichtig gegen Schimmel, sagt er. Die Stifte kratzen über die Klemmbretter, während die Gruppe konzentriert notiert.

Richter mustert über den schwarzen Rand seiner Brille hinweg die beigen Sofas, die im Halbkreis das Wohnzimmer füllen. "Außerdem sollten alle Möbel etwas Abstand zu den Wänden haben, damit sich dazwischen keine Feuchtigkeit sammelt", sagt er. Mit einem Blick auf die Fenster ergänzt er: "Vor allem zu den Heizkörpern, sonst zirkuliert die Wärme nicht." Alle nicken. (Energiespar-Tipps - auch auf Arabisch, Russisch, Türkisch, Farsi, Französisch und Englisch - finden Sie hier).

Sieben Energiesparhelfer

Als nächstes die Waschmaschine: "Es ist egal, wann die Maschinen laufen, Strom kostet immer gleich viel!", übersetzt Shehade. Mahkos' Tochter ist überrascht, sie haben bisher immer abends gewaschen, weil sie von günstigem Strom am Abend gehört hatten.

Zum Schluss sind die sieben "Azubis" seit gut drei Stunden in der Wohnung, haben jeden Raum gecheckt, alle Lampen getestet, Geräte geprüft - und Pizza und Köfte im Magen. Insgesamt 25 Stunden haben die Referenten sie in den vergangenen Wochen geschult, jetzt ist es soweit: Projektleiterin Frauke Ganswind steht von der Couch auf, zieht die Zertifikate hervor und überreicht jedem der Teilnehmer ein Exemplar. "Am Montag treffen sich die Energiesparhelfer beim Netzwerktreffen in Koblenz", sagt Ganswind, "wer ist dabei?" Alle!

Das Projekt soll durch gute Vernetzung zum Selbstläufer werden. "Ich freue mich drauf, bald bei meinen Freunden einen Energiecheck vorzunehmen", sagt Shehade.



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