Hermann-Josef Tenhagen

Steigende Energiepreise Warum die Gasumlage das kleinere Problem ist

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Mit der Gasumlage wird es teurer, durch die ermäßigte Mehrwertsteuer wieder billiger. Wenn Sie Ihre Rechnung niedrig halten wollen, sind aber andere Faktoren wichtiger.
Gaszähler: Wie teuer wird es?

Gaszähler: Wie teuer wird es?

Foto: Rene Traut / IMAGO

Seit dieser Woche wissen wir, wie hoch die Gasumlage in den kommenden Monaten sein soll: 2,419 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Kurz darauf hat Kanzler Olaf Scholz (SPD) verkündet, als Ausgleich die Mehrwertsteuer auf den gesamten Gaspreis senken zu wollen: von 19 auf 7 Prozent. Wie heftig wirkt sich die neue Regelung auf unsere Heizkosten aus?

Kommt darauf an, wie viel Sie aktuell für Ihr Gas zahlen. Denn die Mehrkosten durch die Umlage beträgt konstant 2,4 Cent plus 7 Prozent Mehrwertsteuer, also knapp 2,6 Cent. Die Entlastung ist dagegen abhängig von Ihrem persönlichen Gaspreis.

Wenn Ihr Gaspreis bislang noch niedrig ist, und zum Beispiel bei 7 Cent plus Mehrwertsteuer liegt, sorgt die Gasumlage ab Oktober unter dem Strich für eine kräftige Erhöhung. Statt bislang 8,3 Cent inklusive alter Mehrwertsteuer zahlen sie künftig knapp 10,1 Cent – ein Zuwachs von rund 1,8 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde. Für eine vierköpfige Beispielfamilie im Einfamilienhaus mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden pro Jahr bedeutet das Mehrkosten von 360 Euro.

Hat Sie die jüngste Preiserhöhungswelle der Gasversorger dagegen schon erwischt und Ihr Energiepreis pro kWh liegt zum Beispiel bereits bei 18 Cent plus Mehrwertsteuer, dann haben sie bisher 3,4 Cent Mehrwertsteuer gezahlt, künftig müssen Sie nur noch knapp 1,3 Cent zahlen. Rechnet man die Umlage hinzu, wird das Gas unterm Strich pro Kilowattstunde nur um 0,4 Cent teurer. Für die Beispielfamilie läge die Mehrbelastung durch den Staat also nur bei 80 Euro pro Jahr. Den weitaus größeren Teil machen die Preissteigerungen der Versorger aus.

Zwischenfazit: Gaskunden mit niedrigen Preisen erleben eine kräftige Erhöhung, die aber gering ist im Vergleich zu jener Erhöhung, die andere Kunden nur von ihren Gaskonzernen schon gesehen haben.

Für Umlage und Mehrwertsteuerentscheidung ist die Politik verantwortlich. Hier eine Anleitung, wie Sie in eigener Verantwortung auf die hohen Gaspreise reagieren können – in elf Punkten.

1. Vermeiden Sie steigende Gaspreise und die Gasumlage komplett. Das gelingt fast, wenn Sie anders heizen. Wer eine Wärmepumpe  hat, ist von der Gaspreisexplosion gar nicht betroffen und von der Umlage höchstens indirekt, wenn der Strom für die Wärmepumpe mit Gas erzeugt wird. Dann zahlt der Stromanbieter die Gasumlage. Wenn Sie 100 Prozent Ökostrom bekommen, bleiben Sie ganz von der Umlage verschont. Ein ähnliches Phänomen gilt bei allen Einkäufen von Produkten, bei denen in Zukunft Gas eingesetzt wird. Sie zahlen für solche Produkte einen höheren Preis, weil Gas erheblich teurer geworden ist – und ein bisschen auch wegen der Umlage. Zum Beispiel bei Glasflaschen und Kunststoffen, bei deren Herstellung viel Gas eingesetzt wird.

2. Sie heizen mit Flüssiggas. Das zählt in diesem Zusammenhang rechtlich nicht als Gas, sie müssen deshalb die Umlage nicht zahlen. Sie sind vom klassischen Gaspreis unabhängig, aber auch die Preise von Flüssiggas haben sich im vergangenen Jahr verdoppelt .

3. Sie heizen mit Fernwärme. Hier kann es gut sein, dass Sie wegen der Gaspreisexplosion und der Umlage deutliche mehr zahlen müssen. 2020 wurden 44 Prozent der Fernwärme mit Gas erzeugt. Als Kunde werden Sie für die Erhöhung indirekt im Rahmen Ihrer Heizungsrechnung aufkommen müssen. Seit diesem Sommer dürfen Fernwärmeanbieter, die mit Gas heizen, sogar mit nur zwei Wochen Vorlauf ihre Abschläge erhöhen . Fragen Sie ihren Fernwärmeanbieter, wie er die Wärme erzeugt.

4. Sie heizen mit Holzpellets oder Öl. In beiden Fällen fällt die Umlage nicht an. Die eine Heizvariante ist ziemlich ökologisch und einigermaßen preiswert . Die andere sorgt im Regelfall für noch höheren Ausstoß an Treibhausgasen als das Heizen mit Gas. Und teuer ist die Ölheizung auch: Ein Drittel des Rohöls kam 2021 aus Russland, der Ausstieg aus dem russischen Öl, das über die Druschba-Pipeline nach Schwedt und Leuna floss, sorgte für Heizölpreise, die in Ostdeutschland zwei Euro pro Liter überschritten. Aber Sie sind nicht wehrlos: Fürs Rauswerfen der Ölheizung und den Einbau einer ökologischeren Variante sind bis zu 40 Prozent Förderung  drin.

5. Gehen Sie politisch gegen das Konzept der Umlage vor. Es ist eigentlich nicht Ihre Aufgabe als Kunde, eine Branche zu retten. Wenn diese aus gesamtgesellschaftlichen Gründen gerettet werden muss, dann ist das die Aufgabe von uns Steuerzahlerinnen. Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und Isabella Weber vom MIT in Boston hatten schon im Frühjahr statt Umlage einen steuerfinanzierten Gaspreisdeckel  für den Grundbedarf an Heizenergie gefordert. Eine Forderung, der sich jetzt Interessanterweise Jens Spahn  (CDU), der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB ) und die Linkspartei  angeschlossen haben. Nur wer mehr braucht, weil er eine große Wohnung hat oder den Pool heizt, sollte nach diesem Konzept die exorbitanten Marktpreise für Gas zahlen müssen.

6. Gehen Sie rechtlich gegen die Umlage vor, weil Ihr Anbieter Ihnen eine Brutto-Preisgarantie gegeben hat. Das heißt, er darf die Umlage bei Ihnen eigentlich nicht zusätzlich abrechnen und müsste sie aus eigener Tasche zahlen. Lassen Sie sich dazu von der nächsten Verbraucherzentrale beraten. Aktuell empfehlen diese in solchen Fällen, die Umlage nur unter Vorbehalt zu zahlen .

7. Sie gehören zu der Hälfte der Bevölkerung, die mit Gas heizt. Dann rechnen Sie aus, was Gaspreissteigerungen und Gasumlage Sie kosten. Als Mieter oder Besitzer einer an eine Zentralheizung angeschlossenen Eigentumswohnung können Sie auf Ihrer letzten Nebenkostenabrechnung sehen, wie viele Kilowattstunden Heizenergie Sie verbraucht haben sollen. Steigt Ihr Gaspreis von 8,3 Cent brutto wegen Preisexplosion, Gasumlage und Mehrwertsteueränderung auf 21,8 Cent brutto, sind das 13,5 mehr pro kWh (siehe oben). Multiplizieren Sie diese Zahl mit Ihren Kilowattstunden und Sie haben Ihr voraussichtliches Ergebnis. Zu umständlich? Für eine 60-Quadratmeter-Wohnung kommen Sie im Schnitt auf 7500 kWh Verbrauch und 85 Euro mehr im Monat. Bei einer großen 120 qm Wohnung das Doppelte, also 15.000 kWh und 170 Euro im Monat.

8. Wenn Sie selbst mit dem Gasanbieter abrechnen, können Sie genauer auf Ihre Zahlen gucken und bei einer Erhöhung im Zweifel auch wechseln. Mancherorts ist die Grundversorgung des Stadtwerks ohne Preisgarantie aktuell deutlich günstiger als die günstigsten Angebote im Netz. Vielleicht können Sie hier viel Geld sparen. Ganz sicher aber können Sie von eigenen Energie-Sparanstrengungen profitieren. Kleiner Zusatztipp: Lesen Sie vor jeder Preissteigerung und vor der Einführung der Gasumlage am 1. Oktober jeweils Ihren Zähler ab und teilen Sie diesen Zählerstand Ihrem Gaskonzern mit. Wenn Sie dann in diesem Winter weniger Gas brauchen, sparen Sie durch eine regelmäßige Zwischenmeldung des Stands unmittelbar.

9. Auch wenn Sie als Unternehmen über RWE oder Shell ihr Gas beziehen, bezahlen Sie wahrscheinlich die Gasumlage. Die beiden Konzerne verzichten zwar auf Hilfen aus der Gasumlage, kassieren diese aber ganz normal bei ihren Kunden und führen nach aktuellem Stand das gesammelte Geld an die zentrale Gasumlagenkasse ab. Dabei muss kein Gasunternehmen die Umlage bei den Kunden kassieren, sie könnten die Umlage auch aus der eigenen Kasse bezahlen. Zahlen aber müssen sie für jede Kilowattsunde, die sie über das Gasnetz liefern.

10. Sparen Sie selbst so gut es geht Heizenergie – je höher der Preis, desto wichtiger . Hier meine Top-Sechs zum Selbermachen.

  • Drehen Sie das Thermostat im Schnitt zwei Grad herunter im Vergleich zum Vorjahr (12 Prozent Sparpotenzial).

  • Schaffen Sie moderne Thermostate an, die Sie besser regeln können, (4 Prozent).

  • Entstauben Sie ihre Heizung.

  • Duschen Sie, statt zu baden (3 Prozent).

  • Entfernen Sie schwere Vorhänge vor den Heizungen und stellen Sie Schreibtische und Sofas woanders hin.

  • Und wenn Sie Herrin der Heizungsanlage sind, lassen Sie Ihren Klempner kommen, die Heizung warten und einen hydraulischen Abgleich vornehmen (10 Prozent).

11. Nutzen Sie jede staatliche Förderung, die Sie bekommen können. Das Energiegeld kommt für jeden Arbeitnehmerhaushalt im September – legen Sie es zur Seite. Heizkostenzuschüsse für Wohngeldempfänger kommen jeden Monat. Wohngeld  können Sie auch als Haus- oder Wohnungseigentümer mit wenig Geld bekommen, das heißt dann Lastenzuschuss und hilft ihnen zum Beispiel, Ihre Baufinanzierungsraten abzustottern oder jetzt die Energierechnung zu bezahlen.


Die Gasumlage wird übrigens alle drei Monate neu berechnet. Möglicherweise fällt sie dann, vielleicht steigt sie auch. Aktuell haben elf Unternehmen Hilfen aus der Umlage beantragt, unter anderem Uniper, SEFE, EWE, VNG, AXPO und OMV.

Kann es alles noch schlimmer werden? Ja, kann es, muss es aber nicht. Bei der aktuellen Preisentwicklung ist Ihre beste Gegenstrategie tatsächlich, so viel wie möglich Heizenergie zu sparen. Was die Umlage angeht: Die jetzt festgelegte Höhe basiert auf Prognosen der Konzerne über ihre Kosten bis ins Frühjahr 2024 – nach heutigem Stand zu den Liefermengen aus Russland. Das letzte Geld aus der Umlage sollen die Konzerne Ende März 2024 bekommen können. Dann wird bis Ende September noch die Schlussabrechnung gemacht, so die Bundesnetzagentur, die die Umlage kontrollieren muss.

Aber bis dahin sind Sie auch Ihre alte Gasheizung los. Wenn diese 20 Jahre alt ist, zahlt der Staat sogar eine Austauschprämie . Und wenn Sie in den vergangenen Jahren blöderweise eine neue, aber wenigstens halbwegs effiziente Gasheizung gekauft haben, sollten Sie die Krise finanziell meistern können, und sparen jetzt für die Heizung der Zukunft.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.