Hermann-Josef Tenhagen

Galoppierende Energiepreise Endlich anders heizen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Preise fürs Heizen und Fahren steigen und steigen – und Russland als Gas- und Öllieferant profitiert. Wer seinen Geldbeutel schonen, etwas fürs Klima tun und ein politisches Statement abgeben will, kann handeln.
Heizöllieferung: Wer in eine neue Heizung investiert, kann auf Dauer ordentlich sparen

Heizöllieferung: Wer in eine neue Heizung investiert, kann auf Dauer ordentlich sparen

Foto: Christian Charisius / dpa

Diese Woche meldete das Statistische Bundesamt 5,1 Prozent Inflation für den Februar. Dieser Wert ist bereits getrieben von Angst und Spekulation an den Weltmärkten. Angst vor dem Überfall Russlands auf ein europäisches Land im Stile der großen Kriege Anfang des vorigen Jahrhunderts. Nachdem Russland tatsächlich in die Ukraine einmarschiert ist, werden die Preise weit höher steigen.

Wir merken es schon, etwa an den Tankstellen. Denn diese Inflation ist vor allem eine fossile Inflation. 22,5 Prozent war im Februar die fossile Energie teurer als vor einem Jahr. Und das war erst der Anfang. Diese Woche stiegen die Preise für Gas und Rohöl – und damit für Heizöl und Benzin auf nie gekannte Höhen. Die Inflation wird die Erholung von der Coronapandemie empfindlich bremsen. Und uns alle viel Geld kosten.

Diese Art wirtschaftlicher Verletzbarkeit ist wesentlich eine Folge von zu wenig Investitionen in die Energiewende. Hätten wir in den vergangenen Jahren mehr Windräder und Solaranlagen gebaut, bräuchten wir heute weniger fossile Brennstoffe in den Kraftwerken. Hätten wir unsere Häuser modernisiert, statt das Geld zinsfrei auf Konten zu horten, wäre uns die Energiepreisentwicklung viel weniger wichtig.

Wenn diese Analyse richtig ist, wissen wir aber immerhin, was wir tun können – gegen Putin und fürs Portemonnaie.

Anders heizen gegen Putin und fürs Klima

Der Ukrainekrieg hat ein grelles Schlaglicht auf die fossile Abhängigkeit in Deutschland geworfen. 55 Prozent unseres Gases kommt derzeit aus Russland und die Hälfte der Steinkohle. Beim Öl stammte bislang ein Drittel aus Russland. Aber die Händler aus dem Ausland kaufen es nun nicht mehr – die Angst vor Lieferausfällen ist groß, die Empörung über Putins Krieg sowieso. Die Fördermengen der anderen Ölländer steigen deswegen aber nicht: Die Opec hat diese Woche eine Anhebung der Fördermenge über die geplanten Werte hinaus abgelehnt. Als Gegenreaktion haben große Industrieländer wie die USA und auch Deutschland einen Teil ihrer Reserven freigegeben, um den Markt zu stabilisieren. Trotzdem steigen die Preise deutlich.

Diese Abhängigkeit von fossilen Energien und von Ländern wie Russland macht unsere Volkswirtschaft verletzbar. Dabei könnten wir schon weitgehend ohne Energie aus Russland und ohne den dortigen Despoten auskommen. Und wir könnten viel weiter sein beim Schutz des Klimas und unserer Portemonnaies.

Einerseits haben die Verantwortlichen in der Politik von der klimapolitischen Herausforderung gesprochen und 2015 in Paris sogar einem wegweisenden Abkommen zugestimmt, andererseits aber wenig getan. Ein paar Beispiele:

  • 2021 ist in Deutschland deutlich weniger Gas als 2020 verfeuert worden. Das Gas war teurer geworden. Stattdessen haben die Kraftwerksbetreiber dann aber den Strom mit Steinkohle erzeugt, weil die Politik gar keinen schnellen Ausbau der Erneuerbaren wollte.

  • Beispiel Windkraft: Dort tut sich bei Anlagen an Land seit Jahren nichts mehr – Abstandsregeln und aufwendigen Ausschreibungsverfahren sei Dank. 2017 wurde fast viermal so viel Windenergie zugebaut wie 2021. Mit dem angesichts der Klimaziele absurden Ergebnis, dass vergangenes Jahr acht Prozent weniger Windstrom  ins Netz gespeist wurde als im Vorjahr.

  • Beispiel Biogas: Seit 2014 liegt der Zubau bei einem Bruchteil der Vorjahre, nämlich bei maximal 200 Megawatt pro Jahr – und soll auch nicht höher sein. Dabei sind Biogasanlagen besonders praktisch, weil sie unabhängig von der aktuellen Wetterlage Strom liefern.

Seit 2009 hat der Spritverbrauch pro Kilometer bei Autos hierzulande praktisch nicht mehr abgenommen, 7,4 Liter für 100 Kilometer. Effizientere Motoren haben wir hierzulande mit mehr SUVs kompensiert – zum Schaden von Portemonnaie und Klima. Und es macht uns jetzt angreifbarer.

Das Bundesverfassungsgericht hat vergangenes Jahr diese zukunftsvergessene Politik gerügt  (1 BvR 2656/18). Fast gleichzeitig haben wir die 30-Milliarden-Quittung für unsere Ignoranz im Ahrtal bekommen. Und aktuell spüren wir die Konsequenzen unserer »Sucht« im Krieg. Der Benzinpreis erreicht hier und da schon die Zwei-Euro-Marke. Und in Berlin wird Heizöl aus der Rosneft-Raffinerie im benachbarten Schwedt für 1,60 Euro angeboten. Preise über einen Euro gab es bislang nicht.

Deutschland kann das erste Industrieland sein, dass praktisch ohne fossile Energieträger auskommt, wenn es denn wirklich wollte. Und: »Erneuerbare Energien sind Freiheitsenergie« hat sogar FDP-Finanzminister Christian Lindner angesichts des Ukrainekrieges im Bundestag jetzt auch erkannt.

Was Sie immer tun können – kurzfristige Schritte:

Wie kommen wir diesem Ziel näher, politisch und ganz praktisch persönlich?

Heizung

  • Elektronische Thermostate  gibt es in jedem besseren Baumarkt. Die Kosten für gute Thermostate liegen pro Stück bei 50 Euro. So viel mehr müssen Sie künftig wahrscheinlich jeden Monat mehr zahlen wegen der höheren Gas- und Ölrechnung.

  • Ein Grad weniger Temperatur in der Wohnung spart sechs bis sieben Prozent an Heizenergie, macht in einer großen Wohnung schnell einen Hunderter im Jahr 

  • Preise vergleichen lohnt auch in der aktuellen Krise. Die Unterschiede zwischen einem preiswerten und einem teuren Heizölhändler  liegen bei zehn Cent. Bei einer Tankfüllung macht das 300 Euro aus. Wenn Sie können, verzichten Sie im Augenblick ganz auf die Füllung. Die Preise sind in der vergangenen Woche zeitweise um die Hälfte auf 1,40 bis 1,60 Euro gestiegen. Vor eineinhalb Jahren lagen sie bei 40 Cent. Dahin werden sie nicht zurückkehren, aber die aktuelle Spekulation sollten sie aussitzen – wenn’s gar nicht anders geht, nur 1000 Liter tanken.

  • Das gleiche Modell gilt auch beim Gas. Immer vergleichen. Wenn Ihr Vertrag ausläuft und der Anbieter den Preis verdoppelt, vergleichen Sie die Alternativen  und wählen Sie die am wenigsten schlimme Lösung. Aber binden Sie sich nicht zu lange, und trachten Sie nach der richtigen Lösung. Neue Verbrauchergesetze helfen Ihnen . Sie können bei neuen Verträgen nach Ablauf des Vertrags immer binnen vier Wochen gehen.

Mobilität

  • Steigen Sie um, wann immer Sie können. Erledigen Sie mehr Wege zu Fuß. Mit dem Fahrrad . Mit dem öffentlichen Verkehr. Bahntickets im Fernverkehr sind heute deutlich günstiger als 2015, während der Spritpreis steigt. In der Kombination mit einem Mietauto oder einem Taxi hin und wieder können viele von uns ihre Wege ohne eigenes Auto erledigen .

  • Sie können das nicht, Sie wohnen 40 Kilometer querfeldein von der Arbeit? Auch Fahrgemeinschaften scheiden aus, Homeoffice und öffentlicher Verkehr ebenfalls? Dann bleibt Ihnen nur, mit der Fahrweise etwas herauszuholen. Bis zu 20 Prozent können Sie so den Spritverbrauch senken .

  • Und den Spritpreis vergleichen: In der aktuellen Situation werden die Unterschiede zwischen den Tankstellen eher größer. Im Großraum Berlin unterschieden sich die Preise für E19 am Donnerstag um bis zu 20 Cent – zur selben Uhrzeit! Unterschiede zwischen morgens und abends  zeigen sich zusätzlich.

Was sich bei höheren Energiepreisen noch viel eher lohnt

Je höher die Preise steigen, desto eher ist der fossilfreie Haushalt Ihr zentrales Inflations-Bekämpfungs-Projekt. Kein Benzin, kein Heizöl, kein Gas mehr zu brauchen, damit machen Sie sich von Preisschwankungen der Märkte und Kriegslaunen der Despoten weitgehend unabhängig.

Bei der Heizung ist das Projekt technisch gar nicht so kompliziert und rechnet sich bei höheren Preisen natürlich deutlich schneller.

  • Sie haben ein eigenes Haus oder eine Wohnung mit eigener Heizung? Tauschen Sie sie zeitnah aus. Das Mittel der Wahl ist heute die Wärmepumpe , die wie ein umgekehrter Kühlschrank aus Temperaturunterschieden in Luft und Boden ihre Heizenergie gewinnt. Wie der Name schon sagt, wird dafür ordentlich gepumpt. Sie brauchen kein Gas mehr, aber dafür so einigen Strom. Wenn Sie den für zwölf Cent/kWh auf dem eigenen Dach mit einer Solaranlage auch noch selbst erzeugen können, stoppen Sie ihre persönliche Inflation besonders effektiv.

  • Aktuell gibt es für diesen Austausch 40 bis 50 Prozent Förderung vom Staat , der strukturelle Engpass sind die fehlenden Handwerker. Ist die Solaranlage mehr als groß genug für Haushaltsverbrauch und Wärmepumpe, können Sie damit auch noch Ihr E-Auto aufladen.

  • Sind Sie Mieterin oder Teil einer Eigentümergemeinschaft, dann haben Sie es schwerer, eine günstige Heizung zu bekommen. Mehr als die Hälfte der Menschen hierzulande wohnen zur Miete. Sie werden zunächst Überzeugungsarbeit leisten müssen. Der Vermieter kann höhere Heizkosten aktuell noch komplett an Sie als Mieter durchleiten , hat also wirtschaftlich keinen Druck. Und der Miteigentümer, der gerade kein Geld hat, kann mit dem Recht im Rücken Ihren Elan ausbremsen. Unangenehm ist das gerade privaten Vermietern trotzdem. Und teuer für Ihre Miteigentümer. Ihre argumentativen Chancen steigen also.

Im Mobilitätsbereich sind die mittelfristigen Antworten auf die fossile Inflation etwas einfacher und vor allem für jeden gleich.

Die wirtschaftlich vernünftige Zukunft ist, so wenig wie möglich mit dem eigenen Auto zu fahren. Das kostet einfach weniger. Aber nicht überall geht das.

Interessant ist dabei der Blick auf die Kostenbelastung für Haushalte mit unterschiedlichem Budget. Zunächst die mit dem knappen Budget: 40 Euro im Monat geben Haushalte bis 1100 Euro Nettoeinkommen im Schnitt im Monat fürs eigene Auto aus, sagt das Statistische Bundesamt. Mit anderen Worten: Sie haben gar kein eigenes Auto. 400 Euro pro Monat geben hingegen die wohlhabenden Haushalte pro Monat fürs Auto aus – nachdem Sie oft neu gekauft und schon bezahlt haben. Sie schmerzt der hohe Spritpreis am wenigsten .

Den wirklichen Handlungsdruck und die größte Chance, sich ökonomisch in einer neuen fossilfreieren Welt zu verbessern, haben die Haushalte mit eher durchschnittlichem Einkommen . Solche Haushalte fahren keine Neuwagen, ihre Autokosten sind stärker vom Spritpreis als vom Kaufpreis des Autos bestimmt. Das ist seit 15 Jahren bekannt.

Ihnen tut deshalb die aktuelle Spritpreisentwicklung besonders weh. Sie brauchen dringend kostengünstige Alternativen für eine andere Mobilität, um der fossilen Inflation entkommen zu können – sei es als neuer Mobilitätsmix oder als gebrauchtes E-Auto. Dann wäre das Ende des Verbrenners das Ende ihrer Kostenlawine.

Noch zu weit in der Zukunft? Wenn ein anderer Mobilitätsmix nicht zur Verfügung steht und das Geld für die neue E-Mobilität aktuell nicht reicht, bleibt Ihnen immer noch eine rationale Antwort: Ein spritsparender Gebrauchter  ist Ihre Übergangslösung, bis das E-Auto kommt. Blöde nur, dass die spritsparenden Autos in den vergangenen zehn Jahren nicht zahlreich auf den Markt gekommen sind, hier hat die Autoindustrie tatsächlich die Mitte der Gesellschaft belogen.

Nach so viel Klein-Klein soll am Ende noch einmal Raum sein für die große Perspektive: Sie sehen, die CO₂-freie Industriegesellschaft ist möglich, aber ungefähr so ambitioniert wie vor 50 Jahren die Mondlandung.

Die CO₂-freie Industriegesellschaft ist nur großartiger. Sie ist gut für die meisten, für ihr Portemonnaie, für ihr Leben. Der Weg dorthin hilft, die fossile Inflation zu bekämpfen, unsere zukünftigen Lebensgrundlagen zu bewahren und schützt uns auch noch vor der Erpressbarkeit durch Despoten. Also auf: mit Wärmedämmung und Windrädern gegen Putin und für eine bessere Zukunft.

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