Rechentricks So klimaschädlich ist Ihr Stromanbieter

Die meisten deutschen Stromversorger sind schmutziger als sie tun. Ein absurdes Gesetz will, dass Sie ihren CO2-Ausstoß künstlich kleinrechnen. So finden Sie heraus, wie viel Ökostrom Ihr Anbieter wirklich liefert.
Braunkohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

Braunkohlekraftwerk in Nordrhein-Westfalen

Foto: Federico Gambarini/ dpa

In Gesetzen sind mitunter absonderliche Dinge festgehalten. Ein besonders absurder Passus findet sich im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Demnach müssen die deutschen Stromversorger behaupten, sie würden ihren Kunden weit mehr Ökostrom liefern, als sie es tatsächlich tun.

Hintergrund ist die sogenannte gesetzliche Stromkennzeichnung. In dieser muss jeder Versorger angeben, aus welchen Quellen er die Elektrizität für seine Kunden beschafft hat und wie viel Gramm CO2 bei der Produktion einer Kilowattstunde seines Stroms verursacht werden. In diesen Strommix müssen die Anbieter allerdings nachträglich Ökostrom reinrechnen, den sie gar nicht gekauft und geliefert haben - das macht bis zu 45 Prozent des gesamten Strommixes aus. Der Anteil des Kohle- und Atomstroms sinkt dadurch auf dem Papier - und der Prozentsatz der erneuerbaren Energien wirkt weit größer, als er in Wahrheit ist.

Die zusätzlichen Ökostromprozente sollten den Kunden vor Augen führen, dass sie über ihre Stromrechnung die Energiewende mitfinanzieren. Die meisten zahlen auf ihren verbrauchten Strom eine Abgabe, über die der Bau von Solaranlagen, Windrädern und Biogasanlagen gefördert wird. Je mehr solcher Kunden ein Versorger hat, desto mehr Ökostromprozente muss er in seinen Strommix reinrechnen.

In den Anfangsjahren der deutschen Energiewende mag diese Regelung Sinn ergeben haben. Inzwischen aber ist der Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromversorgung stark gewachsen - und mit ihm sind auch die zusätzlichen Ökostromprozente immer höher geworden, die die Versorger auf ihren Strommix draufschlagen müssen.

Verbraucher werden so in die Irre geführt. Das veraltete Gesetz provoziert sozusagen ein groß angelegtes Greenwashing.

Zudem verzerrt es in großem Stil den Wettbewerb. Selbst Versorger, deren Strom größtenteils aus Kohlekraftwerken stammt, wirken durch die zusätzlichen Ökostromprozente inzwischen recht klimafreundlich. Vor allem unterscheiden sie sich immer weniger von reinen Ökostromanbietern wie Greenpeace Energy oder Lichtblick.

Kein Wunder also, dass vor allem solche Firmen gegen das Gesetz auf die Barrikaden gehen. "Es ist wie bei den Dieselautos", sagt beispielsweise Lichtblick-Manager Gero Lücking. "Die offiziellen Angaben zum Schadstoffausstoß des Stroms haben nichts mit der Realität zu tun."

Wie Sie die Wahrheit herausfinden

Um Verbraucher auf das Problem aufmerksam zu machen, hat Lichtblick sich nun 50 der rund 1100 deutschen Energieversorger näher angeschaut und die wahren Ökostromanteile in ihrem Strommix berechnet. Die Auswahl umfasst 49 besonders große und bekannte Versorger - und Lichtblick selbst.

Die Angaben zu den 49 Konkurrenzfirmen können Sie den beiden Grafiken und der Tabelle in diesem Text entnehmen. Falls Ihr Versorger in der Stichprobe nicht vorkommt, können Sie seinen wahren Ökostromanteil auch ganz leicht selbst ausrechnen. Das geht so:


1. Bestimmen Sie den ausgewiesenen Ökostromanteil Ihres Versorgers. Sie finden Ihn meist als "Sonstige Erneuerbare Energien" in einem Tortendiagramm auf Ihrer Stromrechnung

2. Ziehen Sie den EEG-Ökostromanteil "Erneuerbare Energien, gefördert nach der EEG-Umlage" von der Zahl 100 ab.

3. Teilen Sie 1. durch 2.

4. Multiplizieren Sie das Ergebnis mit 100. Fertig.


SPIEGEL TV über erneuerbare Energien auf dem Prüfstand

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Die Bundesregierung spielt inzwischen übrigens mit dem Gedanken, das veraltete Gesetz zu überarbeiten. Anfang Dezember gab es ein Treffen im Bundeswirtschaftsministerium, bei dem zahlreiche Energieversorger, die Branchenverbände und Experten die Problematik der virtuellen Ökostromanteils besprochen haben.

Dabei wurde unter anderem vorgeschlagen, dass künftig der wahre Ökostromanteil im Strommix der Energieversorger ausgewiesen werden soll. Der Vorschlag könnte im Rahmen einer EEG-Reform im Herbst 2018 umgesetzt werden und ab 2019 gelten.