SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. Januar 2016, 16:29 Uhr

Ernährungsreport 2016

Foodwatch wirft Ernährungsminister Manipulation vor

Von

Anfang Januar präsentierte Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt den Ernährungsreport 2016 und schloss aus den Ergebnissen, dass Ernährung Schulfach werden muss. Aber stimmt, was in dem Bericht steht? Foodwatch spricht von Manipulation.

"Deutschland, wie es isst" - der Ernährungsreport, den Bundesernährungsminister Christian Schmidt Anfang Januar vorgelegt hat, zeigte wenig Überraschendes: Die Deutschen lieben vor allem Nudeln, Frauen ernähren sich besser als Männer, die wiederum mehr Fleisch essen. Alle aber könnten sich noch gesünder ernähren, das zeige "die wachsende Zahl der übergewichtigen Menschen und insbesondere die hohe Zahl übergewichtiger Kinder", sagte Schmidt.

Aber darf man alles glauben, was das Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) in seinem 32 Seiten starken Report veröffentlicht hat, garniert mit schönen bunten Grafiken?

Die Datenbasis dürfte solide sein: Das BMEL hatte den Auftrag für die repräsentative Studie an das renommierte Forsa-Institut vergeben, dessen Mitarbeiter in der zweiten Oktoberhälfte des vergangenen Jahres 1000 Personen über 14 Jahren angerufen und in "computergestützten Telefoninterviews anhand eines strukturierten Fragebogens" zu ihren Ernährungsgewohnheiten befragten. Aus den Antworten auf 25 Fragen entstand der BMEL-Ernährungsreport 2016.

Eine gute Woche nach Veröffentlichung meldet die Verbraucherorganisation Foodwatch jetzt aber Zweifel an der Präsentation der Ergebnisse an. Der Report stelle Umfrageergebnisse falsch dar und zeichne ein manipulatives Bild der öffentlichen Meinung, kritisiert Foodwatch, er sei ein "interessengeleitetes Zerrbild". Die Organisation hat die Originaltabellen und die ursprünglichen Fragestellungen von Forsa ausgewertet, auch SPIEGEL ONLINE liegt der sogenannte Tabellenband zum Ernährungsreport vor.

Die Verbraucherschützer bemängeln beispielsweise, dass nicht alle Ergebnisse der Umfrage in dem Report publiziert wurden. So gaben 83 Prozent der Befragten an, dass ihnen eine klare Gentechnikkennzeichnung "sehr wichtig" oder "wichtig" sei. In der Publikation fehlt dieser Punkt - laut Foodwatch liegt das daran, dass die große Koalition ihren ursprünglichen Plan aufgegeben hat, die Kennzeichnung von Gentechnik zu verbessern.

Etwas peinlich ist eine grobe Ungenauigkeit in einer weiteren Frage zur Lebensmittelkennzeichnung. "Ich nenne Ihnen jetzt einige Angaben, mit denen Lebensmittel verbindlich gekennzeichnet werden", heißt es da, "bitte sagen Sie mir, welche Informationen Sie persönlich für sehr wichtig, wichtig, weniger wichtig oder gar nicht wichtig halten." An erster Stelle mit 80 Prozent "sehr wichtig" und "wichtig" liegen die "genauen Angaben zur Herkunft, also Land und Region". Vor allem dieses Ergebnis wurde besonders häufig zitiert. Allerdings ist die Herkunftsangabe nur bei Obst, Gemüse und unverarbeitetem Fleisch überhaupt verpflichtend.

Auf die Frage, wie der Staat gesunde Ernährung fördern könne, fragte das Forsa-Institut die Zustimmung zu drei Ansätzen ab: kindgerechte Aufklärung und Ernährungsbildung in der Schule, die Bereitstellung neutraler Informationen und Besteuerung von Lebensmitteln. Dabei bemängelt Foodwatch, dass weitere Optionen fehlten, wie beispielsweise die Beschränkung von Werbung für ungesunde Lebensmittel, für die sich in früheren Fragen eine große Mehrheit der Verbraucher ausgesprochen hat.

Außerdem seien einige Fragen manipulativ gestellt worden, moniert Foodwatch. So war die Frage nach der Akzeptanz steuerlicher Maßnahmen folgendermaßen formuliert: "Besteuerung ungesunder Lebensmittel, z.B. besonders fett- oder zuckerreicher Lebensmittel, sodass diese für den Verbraucher deutlich teurer werden". "Deutlich teurer" sei wertend und suggestiv ("deutlich"), kritisiert Foodwatch. Zudem sei die Darstellung einseitig: Schließlich fehle die Möglichkeit, gleichzeitig gesunde Lebensmittel günstiger anzubieten, sodass Verbraucher unterm Strich nicht unbedingt mehr bezahlen müssten.

Besonders unangenehm fällt Foodwatch auf, dass Ernährungsminister Schmidt auf der Internetseite des BMEL die Ergebnisse so interpretiert, dass die Mehrheit der Deutschen zwar staatliche Maßnahmen wünsche, "aber nicht in Form von Verboten und Gesetzen". Das lässt sich aus der Umfrage tatsächlich so nicht herauslesen.

In diesem Zusammenhang zerpflückt Foodwatch auch die begleitende Grafik: In drei Kreisen wird die Zustimmung zu den Optionen Ernährungsbildung, neutrale Informationen und Besteuerung ungesunder Lebensmittel dargestellt - dabei ist der größte Kreis, der für 92 Prozent Zustimmung steht, nicht etwa knapp zweimal so groß wie der kleine (43 Prozent Zustimmung) sondern gleich 4,5-mal so groß. Das wirkt gleich deutlich entschiedener, als die Befragten vielleicht waren - gerade wenn die Optionen nicht vollständig neutral formuliert waren.

Das BMEL wies die Vorwürfe zurück. "Wie bei jeder anderen repräsentativen Umfrage auch, erhebt der Ernährungsreport nicht Anspruch auf absolute Vollständigkeit", sagte ein Sprecher. An der Nulltoleranz gegenüber nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Bestandteilen in Lebensmitteln halte man weiter fest - ebenso wie an der Saatgutreinheit.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung