Reaktionen auf EZB-Leitzinserhöhung »Es bleibt ein schaler Beigeschmack«

Besser spät als nie: So lassen sich viele Reaktionen auf die historische Leitzinserhöhung der EZB zusammenfassen. Deutliche Kritik gibt es an Zentralbankchefin Lagarde – und einem neuen Anti-Krisen-Instrument.
EZB-Chefin Lagarde: »Die EZB schielt auf die hoch verschuldeten Länder«

EZB-Chefin Lagarde: »Die EZB schielt auf die hoch verschuldeten Länder«

Foto: Wolfgang Rattay / REUTERS

Erstmals seit mehr als einem Jahrzehnt hat die EZB am Donnerstag den Leitzins erhöht. Die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde beschlossen am Donnerstag, den sogenannten Hauptrefinanzierungssatz überraschend deutlich um einen halben Punkt auf 0,50 Prozent zu erhöhen. Die Zinswende der EZB gilt als historisch: Zuletzt hatte sie 2011 den Preis des Geldes verteuert.

In ersten Reaktionen lobten Analysten und Wirtschaftsvertreter den Schritt, kritisierten ihn zum Teil aber auch deutlich als verspätet. »Die heutige Entscheidung für eine echte Zinswende war überfällig angesichts der galoppierenden Inflation«, sagte Helmut Schleweis vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband. »Wir haben schon lange darauf hingewiesen, dass die EZB geldpolitisch umso härter gegensteuern muss, je länger sie ihren Kurswechsel hinauszögert.« Die jetzige Entscheidung müsse der »Startschuss für eine Reihe weiterer Zinserhöhungen sein«.

»Weitere wohldosierte Zinsschritte müssen folgen«, forderte auch Martin Wansleben vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Da die Inflation zum großen Teil importiert sei, müsse auch die Bundesregierung Maßnahmen ergreifen. »So sollte sie sich zum Beispiel für funktionierende Lieferketten, neue Handelsverträge sowie den Abbau von Zöllen starkmachen.«

Die erste Zinserhöhung seit 2011 sei »zweifellos ein besonderer Moment«, sagte Jörg Asmussen vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. »Sie kommt spät, ist aber richtig.« Dass die Zinsen stärker als angekündigt erhöht werden sei »durch die Datenlage für die Eurozone gerechtfertigt«. Auch Asmussen forderte, die Erhöhung »nur ein erster Schritt in einer Reihe gewesen sein«.

Das Ende der Negativzinspolitik sei mit der Erhöhung besiegelt, befand Bastian Hepperle von der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe. »Es bleibt dennoch ein schaler Beigeschmack, da EZB-Präsidentin Christine Lagarde bis zuletzt einen großen Zinsschritt erst für September in Aussicht gestellt hatte. Dass sie es sich binnen kurzer Frist anders überlegt hat, trägt nicht zu einer besseren Berechenbarkeit der geldpolitischen Entscheidungen bei.« Durch ein parallel zur Zinserhöhung angekündigtes Anti-Krisen-Programm (TPI) laufe die EZB zudem Gefahr, »sich noch mehr der fiskalischen Dominanz auszusetzen. Anreize zu einer soliden Finanzpolitik werden damit untergraben. Um die innere Stärke des Euroraums steht es weiterhin nicht gut.«

Das TIP berge »große Gefahren«, warnte auch Friedrich Heinemann vom ZEW-Institut. »Die EZB wird damit immer mehr zur Instanz, die über die Finanzierbarkeit hoher Staatsschulden und damit auch über das Schicksal von Regierungen entscheidet«, so Heinemann. »Das ist nicht mit der geldpolitischen Aufgabe einer unabhängigen Zentralbank vereinbar.«

Der Euroraum brauche eine Serie großer Zinsschritte, mahnte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. »Aber die EZB schielt auf die hoch verschuldeten Länder wie Italien, die weiter auf niedrige Leitzinsen drängen dürften, obwohl die EZB heute ein Hilfsprogramm für diese Länder beschlossen hat. Die Inflation dürfte noch viele Jahre deutlich über den versprochenen zwei Prozent liegen.«

dab/Reuters
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