Streit über Fahrkartenverkauf Was das Kartellverfahren für Bahn-Kunden bedeutet

Für Zugreisende könnte sich das Verfahren auszahlen: Das Bundeskartellamt ermittelt, ob die Deutsche Bahn beim Fahrkartenverkauf ihre marktbeherrschende Position missbraucht. Wer profitiert? Wer verliert? Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Fahrkartenautomat am Berliner Hauptbahnhof: Keine Tickets für Konkurrenten

Fahrkartenautomat am Berliner Hauptbahnhof: Keine Tickets für Konkurrenten

Foto: Jˆrg Carstensen/ picture alliance / dpa

Hamburg - Der Deutschen Bahn droht Ärger mit dem Kartellamt: Die Wettbewerbshüter wollen der Frage nachgehen, ob der Staatskonzern Konkurrenten beim Ticketverkauf unzulässig benachteiligt. Ein Verfahren soll klären, ob die Bahn beim Vertrieb ihre marktbeherrschende Stellung missbraucht.

Beantwortet das Kartellamt diese Frage mit Ja, wäre es nach der Liberalisierung des Fernbusverkehrs die nächste deftige Niederlage für den Staatskonzern. "Funktionierender Wettbewerb beim Fahrkartenverkauf ist essentiell für den Wettbewerb auf der Schiene", sagte Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Einem Sprecher zufolge liegen mehrere Beschwerden von Konkurrenten vor. Die Namen der Unternehmen nannte er nicht.

In einer ersten Reaktion wies die Bahn den Vorwurf zurück, sie behindere Konkurrenten beim Fahrscheinvertrieb. Wettbewerber könnten Flächen in Bahnhöfen anmieten, sagte Vorstandsmitglied Ulrich Homburg. Fremde Fahrkarten in DB-Reisezentren zu verkaufen, entspreche aber "nicht dem Gedanken von freiem Wettbewerb".

Was steckt hinter dem Verfahren des Kartellamts? Welchen Einfluss hat das Vertriebsmonopol der Bahn auf die Preise? Ein Überblick über die zentralen Fragen und Antworten.

Worum geht es bei dem Streit?

Vor allem die beiden Konkurrenten im Fernverkehr, HKX und Interconnex, beschweren sich über Benachteiligungen im Fahrkartenverkauf. Sie dürfen zwar prinzipiell Automaten oder Schalter in Bahnhöfen aufstellen. Dafür verlangt die Deutsche Bahn aber Miete. HKX-Geschäftsführerin Eva Kreienkamp, deren Züge zwischen Hamburg und Köln verkehren, lehnt das ab. "Bahnhöfe sind Teil der Infrastruktur, der Fahrkartenverkauf muss diskriminierungsfrei ablaufen." Kreienkamp wünscht sich, dass die Tickets von einem neutralen Akteur verkauft werden. "Es kann keine Lösung sein, dass in einem Bahnhof zehn Automaten von zehn verschiedenen Unternehmen stehen."

Auch der Fahrkartenverkauf im Internet sorgt für Ärger. Zwar zeigt das Portal Bahn.de Verbindungen der Konkurrenz an - ein Ticket buchen kann der Kunde aber nicht. "Preisauskunft nicht möglich", heißt es dann. Die Verbindung enthalte ein "Produkt eines Anbieters, für den wir keine Fahrkarten ausstellen können". Für HKX-Chefin Kreienkamp ist das eine klare Benachteiligung: "Bahn.de ist eine Info-Plattform und nur für die Deutsche Bahn auch eine Vertriebsplattform."

Im Nahverkehr verlangt die Bahn bis zu 20 Prozent Provision, wenn sie Nahverkehrstickets von Mitbewerbern verkauft, sagt Engelbert Recker vom Verband Mofair, der mehrere Bahn-Konkurrenten vertritt. Selbst zahle die Bahn nur sieben Prozent, wenn der Wettbewerber Fahrkarten mit Anschlussfahrten in DB-Zügen verkaufe.

Könnten Änderungen beim Vertrieb die Preise senken?

Mit Sicherheit. Bislang ist es für den Verbraucher mit reichlich Aufwand verbunden, die Preise zu vergleichen. HKX nimmt für die 450-Kilometer-Fahrt von Hamburg nach Köln zwischen 18 und 68 Euro. Bei der Bahn kostet die einfache Fahrt zwischen 87 und 97 Euro.

Mehr Transparenz bei den Preisen und Erleichterungen bei der Buchung könnten sich für den Verbraucher auszahlen. Der boomende Fernbusverkehr macht es vor: Hier bieten Unternehmen auf zentralen Plattformen Strecken durch ganz Deutschland bereits zum Schnäppchenpreis ab zehn Euro an.

So günstig wird das Reisen per Zug sicherlich nicht werden, doch ein Preisvergleich könnte sich auch hier auszahlen - vor allem auch im Nahverkehr. Hier herrscht derzeit ein großes Durcheinander, sagt Otmar Lell vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV): "Manche Unternehmen verkaufen ihre Tickets im Zug, bei anderen darf der Kunde dagegen nicht mal nachlösen, sondern wird gleich als Schwarzfahrer eingestuft. Der Verbraucher kann sich darauf kaum einstellen."

Was droht der Bahn?

Im schlimmsten Fall muss sich die Bahn nicht nur auf ein Bußgeld des Kartellamts einstellen. Auch von politischer Seite könnte der Staatskonzern unter Druck geraten. Schon unter Schwarz-Gelb war ein Eisenbahnregulierungsgesetz geplant, das den Zugang von Wettbewerbern zum Vertriebssystem fairer geregelt hätte. Das Gesetz scheiterte im Vermittlungsausschuss.

Sollte es nun doch noch kommen, könnte es die Stellung der kleinen Bahn-Konkurrenten deutlich verbessern. So dürften Anbieter wie HKX dann etwa ihr Firmenlogo prominent in Bahnhöfen platzieren, ohne dafür zu bezahlen.

Die Grünen fordern von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), das Regulierungsgesetz schnellstens erneut einzubringen. Noch wirksamer wäre das Vorhaben, wenn es sich die Regeln im Telekommunikationsbereich zum Vorbild nähme, sagt der Grünen-Abgeordnete Matthias Gastel. Dort werde der Ex-Monopolist Telekom anders behandelt als neue Anbieter, um damit den Wettbewerb zu fördern.

Mit Material von dpa und AFP
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