Start-ups Die Werkstatt kommt zum Fahrrad

Immer mehr Menschen fahren Rad. Das heißt auch: mehr platte Reifen, mehr ausgeleierte Ketten. Viele Werkstätten sind ausgelastet. Start-ups wollen die Lücke mit mobilen Reparatur-Vans füllen.
Foto: Jana Hemmersmeier / DER SPIEGEL

Die Gangschaltung ruckelte - Steffen Boßmann blieb nichts anderes übrig, als sein Fahrrad in die Werkstatt zu bringen. Doch weil er dort erst vier Wochen später einen Termin bekommen hätte, schob er seine alte Hollandfietse bloß ein paar hundert Meter zum Hamburger Eilbek-Ufer, wo ein Transporter des Start-ups Yeply steht. Genauer: eine mobile Fahrradwerkstatt. Innen ist Platz für zwei Mitarbeiter und zwei kaputte Fahrräder. Schraubenzieher und Zangen hängen an den Wänden, Ersatzschläuche und neue Bremsbeläge sind in Schubladen verstaut.

Florian Zschintzsch repariert die Räder direkt im Wagen. Er dreht am Reifen, zieht an der Handbremse, testet die Gänge. "Wahrscheinlich brauchst du eine neue Kette", sagt er zu Boßmann. In etwa zwei Stunden kann er sein Rad wieder abholen, Zschintzsch schreibt ihm dann eine SMS.

Reparaturen sind die Kehrseite des Fahrradbooms. Platte Reifen, ausgeleierte Ketten, kaputte Lichter. Wer da nicht selbst Hand anlegen kann, kommt da schnell an seine Grenzen, vor allem, weil die meisten Werkstätten über Wochen ausgebucht sind - und das Wechseln eines Reifens nicht besonders lukrativ. Und es ist anstrengend, sein kaputtes Rad zur Reparatur erst kilometerweit durch die Stadt zu schieben. Viel bequemer: eine Werkstatt, die zum Kunden kommt.

Die Werkstatt kommt in deinen Stadtteil

Foto: Jana Hemmersmeier / DER SPIEGEL

Yeply ist ein finnisches Unternehmen, gegründet 2016. Nach Deutschland kam es im vergangenen Sommer zum ersten Mal. Das Start-up ist mit elf Vans in Hamburg unterwegs, bald sollen Berlin und Düsseldorf folgen. Deutschland-Geschäftsführer Patrick Phillips-Laneve sieht große Chancen, anders als im Gründerland sei Radfahren hier das ganze Jahr über möglich. Die Mechaniker von Yeply kommen nicht direkt vor die Haustür: Die Transporter stehen immer etwa eine Woche am selben Ort. Dann geht es in den nächsten Stadtteil - immer dahin, wo die Nachfrage groß ist und es wenige feste Werkstätten gibt. Kunden können sich melden und den nächsten Standort vorschlagen.

Außer für Privatkunden arbeitet das Start-up auch für Firmen - sie reparieren die Räder der Angestellten oder die Flotten von Lieferdiensten. Manche Firma bucht die Vans auch mal für einen Tag, damit Mitarbeitende ihr Fahrrad abgeben und abends wieder mitnehmen können.

Nur für einen platten Reifen lohnt sich Yeply jedoch kaum. Das einzige Angebot ist eine vollständige Inspektion, Ersatzteile müssen Kunden extra bezahlen. Phillips-Laneve will, dass die Radfahrenden regelmäßig zur Inspektion kommen - zum Preis von 85 Euro - am besten bis zu vier Mal im Jahr. "Unsere Konkurrenz ist die Faulheit der Menschen", sagt Phillips-Laneve. Denn viele Radfahrenden kümmerten sich viel zu selten um ihr Fahrrad.

Die Idee der mobilen Fahrradwerkstatt ist nicht neu. Felix Viole etwa bietet schon seit 2009 diesen Service in Hamburg an. Er hat nach eigenen Angaben mittlerweile etwa 4000 Stammkunden. Anders als bei Yeply kommt sein Werkstatt-Van direkt vor die Haustür. Er bietet nicht nur die volle Inspektion an, sondern auch kleine Reparaturen: platte Reifen, zu schwache Bremsen, das Licht funktioniert nicht. "Oft kommt dann aber mehr dazu, und es wird doch eine ganze Inspektion", sagt der Fahrradmechaniker.

Martin Grashorns Werkstatt ist noch kleiner; sie passt in einen Lastenrucksack. In dem stecken Werkzeug und gängige Ersatzteile. Bei ihm können Radfahrende mit kleinen Pannen anrufen. Er kommt dorthin, wohin die Kunden ihn bestellen, und tauscht gerissene Schläuche oder abgenutzte Bremsbeläge vor Ort aus.

Viole und Grashorn sind voll ausgelastet, deshalb haben sich auch nichts gegen die Konkurrenz des Start-ups. "Es ist so viel, dass ich es gerade noch schaffe", sagt Grashorn. Viole meint, dass durch die neuen auffälligen Yeply-Vans die Dienstleistung noch bekannter werde. Nötig hat er das eigentlich nicht. Kunden müssen bei ihm aktuell vier bis sechs Wochen auf einen Termin warten. 

Die Nachfrage hat viel mit der steigenden Zahl der Radfahrenden zu tun. Wegen Corona sind viele von Bus und Bahn auf das Rad umgestiegen. Aus dem gleichen Grund stieg allerdings auch die Zahl der Autofahrenden. Im Fahrradmonitor  des Bundesverkehrsministeriums gaben Anfang September 25 Prozent der Befragten an, nun häufiger mit dem Rad zu fahren. Auch die Fahrradbranche wächst: Fast 60 Prozent erwarten laut der Umfrage des Ministeriums, dass der Markt für Räder und Zubehör in den nächsten Jahren stark wachsen wird. Und eine Umfrage unter Lesern von Fahrradzeitschriften  hat ergeben, dass die Kunden auch bereit sind, mehr Geld dafür auszugeben.

Das merken auch die Fahrradmechaniker. Die Zahl seiner Aufträge sei in diesem Jahr um etwa 50 Prozent gestiegen, sagt Viole. Zehn bis zwölf Räder repariert er am Tag. "Ich sehe, dass sich viele ein neues Fahrrad gekauft haben", sagt er. Es seien aber auch alte Räder aus dem Keller dabei - und die brauchen erst einmal eine Inspektion.

Reparatur im Abo

Doch so simpel die Idee einer mobilen Fahrradwerkstatt klingt - das Geschäft ist keineswegs einfach. 2017 musste das Start-up Veloyo aufgeben. Bei ihm konnten Nutzende aus fünf deutschen Städten über eine App einen Mechaniker bestellen. Das Start-up Live Cycle hatte eine ähnliche Idee und baute neben der mobilen Reparatur auch feste Werkstätten auf. Letztere gibt es noch, die mobile Reparatur nicht mehr. Seit April gehört Live Cycle dem Münchener E-Roller-Hersteller Govecs. Auf Nachfrage bestätigt Govecs, dass sich die Werkstätten nun auch um Elektroroller kümmern.

Yeply will die Kunden in Zukunft mit einem Abo halten. Für knapp zehn Euro im Monat sollen beliebig viele Inspektionen inklusive sein. Das erinnert an das niederländische Unternehmen Swapfiets. Das Start-up gilt als erfolgreich. Auch Swapfiets-Kunden mieten ein Fahrrad gegen einen monatlichen Betrag. Reparaturen sind ebenfalls im Preis enthalten, dafür kommen die Mechaniker und Mechanikerinnen auch nach Hause. 

Bei Yeply soll eine App alle Reparaturen speichern und Abonnenten erinnern, wenn wieder eine Inspektion nötig ist. Solche Angebote wird es in Zukunft wohl noch viele mehr geben: Mehr als die Hälfte der Befragten im Fahrradmonitor erwartet, dass der Markt für digitale Fahrradservices wächst. "Wir wollen damit gerade auch Menschen erreichen, die sich selbst nicht als Fahrradexperten bezeichnen würden", sagt Phillips-Laneve. Jedes Fahrrad sei willkommen. Deshalb öffnen die Start-up-Vans für Privatkunden erst um 16 Uhr – nach Feierabend noch schnell das Rad reparieren lassen.