Textilindustrie "Faire Kleidung ist nahezu unmöglich"

Mode ohne Hungerlöhne und Kinderarbeit: Wer fair hergestellte Kleidung will, verlässt sich häufig auf Label wie Fair Wear. Doch auch die haben Probleme, Standards zu garantieren, wie Vizechefin Magreet Vierling einräumt.
Textilfabrik in Burma

Textilfabrik in Burma

Foto: Martje Theuws / SOMO selection

Es ist immer derselbe Reflex: Stürzt eine Textilfabrik in Asien ein oder hat es mal wieder in einer gebrannt und schafft es die Nachricht mit den Opfern dann bis nach Europa - dann geloben die Unternehmen, die dort haben fertigen lassen, Besserung. Manchmal werden sogar Abkommen zur Gebäudesicherheit abgeschlossen, wie kürzlich in Bangladesch.

Doch im Schatten der Beteuerungen geht der Billigwettlauf weiter. Mit Burma bietet sich den Firmen nach Aufhebung der EU-Sanktionen ein neues Produktionsparadies: Der Mindestlohn beträgt dort gerade mal 2,48 Euro pro Tag. Eine Studie der niederländischen Organisation SOMO hat allerdings gerade gezeigt, dass nicht einmal dieser Lohn immer gezahlt wird. In einigen der untersuchten Fabriken stießen die Rechercheure zudem auf Kinder, die bereits mit 14 Jahren eingestellt wurden. Auch Firmen der Fair Wear Foundation ließen in zwei der Billigfabriken arbeiten.

Margreet Vrieling, 45, Vizechefin der Organisation, über die Schwierigkeiten, ethisch sauber zu shoppen.

Zur Person
Foto: Fair Wear Foundation

Die Niederländerin Margreet Vrieling, 45, ist Vizechefin der Fair Wear Foundation.

SPIEGEL ONLINE: Frau Vrieling, wo kann ich hundertprozentig fair produzierte Kleidung finden?

Vrieling: Das ist schwer. Das Problem beginnt damit, dass die Textilunternehmen nicht Eigner der Lieferkette sind und oft in Ländern produzieren lassen, die sich um Menschenrechte nicht recht kümmern. Das führt zu Risiken.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt also, es ist unmöglich.

Vrieling: Es ist eine bittere Wahrheit, aber es ist nahezu unmöglich, ja. Dafür ist die Lieferkette zu lang und zu komplex.

SPIEGEL ONLINE: Woran also können sich Verbraucher beim Kauf von Kleidung orientieren?

Vrieling: Das ist nicht leicht, und es ist mit etwas Arbeit verbunden. Nachhaltigkeitslabel an der Kleidung allein sagen kaum etwas aus. Siegel, die "hundertprozentig fair" versprechen, sind nicht realistisch. Es geht darum, Konzernen Verantwortung abzuverlangen und sie dazu zu bringen, Arbeitsbedingungen zu verbessern. Unser Label etwa dürfen nur Firmen verwenden, die von uns nach der jährlich stattfindenden Überprüfung als nachhaltige "Leader" eingestuft werden. Grundsätzlich ist es wichtig, wie transparent Unternehmen sind und welche konkreten Schritte sie tun, um die Lebensverhältnisse ihrer Arbeiter zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird ein Unternehmen bei Ihnen "Leader"?

Vrieling: Wir bewerten alle unserer über 80 Mitgliedsfirmen  einmal im Jahr. Sie werden dann kategorisiert nach "Verbesserung nötig", "auf gutem Weg" oder eben als "Leader". Das sind Unternehmen mit einer glaubwürdigen Beschaffungsstrategie, solche, die langjährige Beziehungen zu ihren Zulieferern unterhalten, die etwa beim Thema "fairer Lohn" aktiv werden und konkret Arbeitsbedingungen verbessern - im Moment 19 Firmen. Und nur die dürfen unser Logo dann auch an ihre Kleidung heften.

SPIEGEL ONLINE: Bringt es etwas, wenn man statt Billigware bei Zara oder H&M ein teures Markenkleidungsstück im Fachgeschäft kauft?

Vrieling: Teure Kleidung liefert keine Garantie für gute Arbeitsbedingungen. Oft beschaffen Luxusmarken ihre Ware aus denselben Fabriken wie die Billiganbieter - wie etwa im Fall der eingestürzten Rana-Plaza-Fabrik in Bangladesch. Relevant ist der Preis, der an die Fabrik gezahlt wird: Der sorgt für Nachhaltigkeit oder eben nicht. Die Löhne machen ja mit unter fünf Prozent nur einen winzigen Teil des Ladenpreises aus.

SPIEGEL ONLINE: Auch die deutsche Kette Takko ist Mitglied Ihrer Organisation. Nun fand die niederländische Organisation SOMO bei einer Recherche in Burma heraus, dass in der von Takko belegten Fabrik 14-jährige Kinder beschäftigt waren. Sie mussten Überstunden machen, manche erhielten offenbar nicht mal den mageren Mindestlohn von 2,48 Euro. Wie passt das zusammen?

Vrieling: Grundsätzlich erst mal gar nicht. Von den Missständen in Burma wissen wir, denn wir arbeiten dort ja auch mit SOMO zusammen. Wichtig für uns ist, dass Unternehmen dann handeln. Takko etwa ist nicht vor der Verantwortung weggerannt, sondern hat rasch reagiert. Zusammen mit der Fabrik haben sie sich um die Ausbildung der beschäfigten Kinder gekümmert und um Lohnnachzahlung. Und sie arbeiten jetzt daran, die Überstunden zu reduzieren.

SPIEGEL ONLINE: Laut SOMO ließ nicht nur Takko in den untersuchten Billigfabriken produzieren, sondern sogar Outdoorfirmen, die Sie als "Leader" einstufen.

Vrieling: Es zeigt, wie komplex dieser Sektor ist. Selbst unsere besten Unternehmen können in Situationen mit heiklen Arbeitsbedingungen kommen. Es geht dann darum, so etwas zu ändern und Risiken zu minimieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch sind Veränderungen in einem Land wie Burma, das immer noch weitgehend vom Militär kontrolliert wird und in dem die Löhne im Textilsektor seit Jahren eher Almosen gleichen?

Vrieling: Unternehmen sollten in Burma bleiben, wenn sie glauben, dort die Bedingungen der Arbeiter verbessern zu können. Aber sicher, wir müssen uns weiter die Frage stellen, ob es Sinn macht, dort zu produzieren.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Argument vermeintlicher Verbesserung könnten Sie auch in Nordkorea produzieren lassen.

Vrieling: Nordkorea akzeptieren wir nicht. Wir haben lange auch darauf gedrängt, nicht in Burma zu produzieren. Seit aber dort ein Wandel sichtbar wird, und die EU auch die Sanktionen aufgehoben hat, mühen wir uns mit unseren Mitgliedern um Verbesserungen dort.

SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 2012 kam heraus, dass Ihr Mitglied Takko auch in chinesischen Gefängnissen produzieren ließ. Wie konnte sowas sein?

Vrieling: Das war am Anfang von deren Mitgliedschaft. Die hatten ihre Bestellungen teils über Agenten abgewickelt.

SPIEGEL ONLINE: Takko kannte also seine genauen Produktionsorte gar nicht?

Vrieling: Ja, und daran musste Takko dann ziemlich hart arbeiten. Fair-Wear-Mitglieder müssen alle ihrer Zulieferer kennen, und wir verlangen auch Informationen über die Subunternehmen der Zulieferer.

SPIEGEL ONLINE: Völlige Transparenz scheint es aber nicht zu geben. Für Burma etwa veröffentlichen Sie, welche Ihrer Mitgliedsunternehmen dort produzieren, und es ist auch bekannt, welche Fabriken dort genutzt werden. Wer aber genau in welcher Fabrik produziert, bleibt ein Geheimnis, warum?

Vrieling: Wir haben diese Informationen und wir ermutigen unsere Mitglieder auch, da offen zu sein. Ich bin aber nicht sicher, ob es dem Konsumenten wirklich viel bringt, den Namen der konkreten Fabrik zu kennen. Wichtiger scheint es mir, zu wissen, ob die Unternehmen etwas zur Lösung von auftretenden Problemen getan haben.

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie mit unangekündigten Kontrollen?

Vrieling: Es gibt ein engmaschiges Netz von Kontrollen, die aber angekündigt werden. Unangekündigte Kontrollen machen wir nur nach Beschwerden.

SPIEGEL ONLINE: Welchem Label trauen Sie außer Ihrem?

Vrieling: Ich möchte da nichts empfehlen, weil ich nicht alle Informationen habe, das zu beurteilen. Aber man sollte darauf achten, wie transparent Firmen sind und ob die sich wirklich unabhängig kontrollieren lassen - in den zuständigen Organisationen dürfen die Unternehmen selbst also nicht das Sagen haben. Zudem sollten sie mit lokalen Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften zusammenarbeiten.

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Überblick: Was taugen die Ethik-Label für Kleidung?

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