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25. Dezember 2011, 17:08 Uhr

Flugticket-Irrsinn

Der Preis ist Glückssache

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150 Euro? Oder doch 600? Wie viel eine Flugreise kostet, berechnen komplexe Computer-Algorithmen ständig neu. Angebote der Airlines miteinander zu vergleichen, wird so fast unmöglich. Die Fluglinien sagen, anders gehe es leider nicht. Wirklich?

Seit einiger Zeit toure ich als Vortragsreisender durch die Republik und häufe dabei Reisespesen an. Solange ich mit Bahn oder Auto unterwegs bin, ist das unproblematisch. Aber sobald ich fliegen muss, kommt es immer wieder zu folgender Diskussion:

Veranstalter: Was kostet uns denn Ihr Flug von München nach Berlin?

König: Das, was auf dem Ticket steht.

Veranstalter: Aber Sie müssen mir doch den exakten Preis sagen können.

König: Leider nein.

Veranstalter: Also mit Air Berlin bin ich letzten Monat für 150 Euro...

Und so weiter.

Ich habe München-Berlin schon für hundert Euro geschafft; ein anderes Mal musste ich 600 Euro blechen. Ich würde meinen Veranstaltern gerne die genaue Summe mitteilen, aber kaum etwas ist unwägbarer als die Ticketpreise der Airlines. Voraussagen sind da praktisch unmöglich, eher glaube ich Dax-Prognosen oder dem 14-Tage-Wetterbericht.

Die Ticketpreise werden täglich zigmal neu berechnet. Auch andere Branchen arbeiten mit solchen automatischen Rechenmaschinen, aber keines ist so ausgefeilt wie das der Fluglinien. Man könnte auch sagen: Keines ist derart irrwitzig und nervtötend.

Dass die Preise nach Angebot und Nachfrage berechnet werden, ist nur die halbe Wahrheit. Weitere Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen, etwa Tageszeit, Zugehörigkeit zu Vielfliegerprogrammen, von Reiseveranstaltern reservierte Kontingente und vieles mehr.

Reisen als Lottospiel

Das Resultat ist ein für den Kunden völlig undurchsichtiges System. Es macht jede Reiseplanung zu einem langwierigen Hin und Her, dem Geschacher auf einem Basar nicht unähnlich. Lufthansa oder Air Berlin? Ist der Air-France-Flug bei Expedia.de vielleicht günstiger als auf Airfrance.de?

Vor einiger Zeit wollte ich von Hamburg nach Lissabon. Während die Lufthansa für den Flug etwa 350 Euro aufrief, bot die Swiss (eine Lufthansa-Tochter) die Strecke für unter 90 Euro an. Den ersten Teil meines Flugs bis Zürich absolvierte ich in einer Lufthansa-Maschine - mit vielen anderen Reisenden, die für ihr Ticket vermutlich viel mehr bezahlt hatten als ich für mein Swiss-Billett.

Weil das System so byzantinisch ist, kursieren unter Reisenerds allerlei seltsame Theorien. Zum Beispiel, dass, am Mittag zu buchen, ein No-Go ist. Oder dass Tickets dienstagabends am billigsten sind.

Ich würde auf diesen Quatsch gerne verzichten und einen höheren Preis akzeptieren - wenn mir die Airlines im Gegenzug garantierten, dass mich ein Flug zwischen zwei deutschen Großstädten stets 300 Euro kostet. Sogar dienstagabends.

Unlösbare Gleichung

Die Argumentation der Airlines lautet: Leere Sitze sind entgangene Umsätze. Anders als Pullover oder Autoreifen kann man sie nicht zu einem späteren Zeitpunkt erneut auf den Markt werfen, da die tägliche Passagierkapazität unveränderlich ist.

Das ist meiner Ansicht nach eine Ausrede. Kinobetreiber haben schließlich dasselbe Problem. Trotzdem haben deren Plätze einen festen Preis. Auch Airline-Finanzmanager könnten die Grenzkosten eines Sitzes errechnen (unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Auslastung). Dies hätte freilich zur Folge, dass jeder Verbraucher plötzlich wüsste, wer welche Strecke am billigsten bedient. Könnte es sein, dass die Gesellschaften vor so viel Transparenz Angst haben?

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Studie des Mathematikers Carl de Marcken. Er untersuchte die Preisalgorithmen von Airlines. Sein Ziel: Das billigste Angebot für einen Flug von Boston nach San Francisco (und zurück) zu finden. De Marckens Team errechnete dafür 25 Millionen möglicher Varianten - für eine Gesellschaft, wohlgemerkt. Bei einem Dreiecksflug wären es noch viel mehr, etwa 10 hoch 36. Druckte man alle diese Tickets aus und legte sie hintereinander, dann reichten sie von hier bis zum vier Lichtjahre entfernten Proxima Centauri.

Aber welches der Angebote war das billigste? Das konnte de Marcken nicht herausfinden, denn die Preis-Algorithmen waren derart komplex, dass es auf diese Frage, mathematisch betrachtet, keine Antwort gab. Zumindest keine schnelle: Selbst ein Supercomputer bräuchte mehrere Milliarden Jahre, um das preiswerteste Ticket zu finden.

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