Frankreich Milchbauern rufen in Paris die Revolution aus

Das kann doch einen Bauern nicht erschüttern: Kaum wurde den deutschen Milchproduzenten der Aufruf zum Streik verboten, ziehen sie ins widerstandserprobtere Frankreich. Zusammen mit ihren europäischen Kollegen haben die Deutschen gleich mal die Milch-Revolution ausgerufen.
Proteste: Deutsche Milchbauern wehren sich in Paris gegen sinkende Preise

Proteste: Deutsche Milchbauern wehren sich in Paris gegen sinkende Preise

Foto: BENOIT TESSIER/ Reuters

Auf dem Rasen vor dem Hôtel des Invalides in Paris stehen bunt bemalte Plastikkühe in Lebensgröße. Rund 150 Bauern aus Frankreich, Deutschland, Belgien und anderen Ländern sind anlässlich eines Treffens des Europäischen Verbands der Milchbauern European Milk Board (EMB) angereist. "Die Politik lässt die Bauern ins offene Messer laufen", schimpft Daniel Condat vom französischen Erzeugerverband OPL. Mit der Schwesterorganisation APLI ruft er "ab heute Abend" zu einem "Aufstand" nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa auf.

"Es lebe die Revolution der Milchbauern!", stimmt eine Funktionärin aus den Niederlanden begeistert ein und erntet von Kuhglockengeläut begleiteten Applaus. Es ist selten, dass es den europäischen Milchbauern gelingt, gleichzeitig an einem Strang zu ziehen. Noch im vergangenen Jahr standen die deutschen Produzenten ziemlich alleine da, als Tausende von ihnen im Frühjahr zehn Tage die Lieferungen einstellten. Im Herbst 2008 blockierten wiederum die Franzosen über mehrere Wochen Molkereien.

Immer mehr Milch kommt auf den Markt

Doch jetzt sind in Paris ungeachtet der Nationalität viele tief enttäuscht von der vergangenen Sitzung der EU-Agrarminister am Montag. Dort waren Deutschland und Frankreich mit dem Vorhaben gescheitert, die schrittweise Erhöhung der Milch in der EU auszusetzen. Für die Bauern heißt das: In ganz Europa kommt immer mehr Milch auf den Markt, die Preise sinken. Bis 2015 sollen die Produktionsobergrenzen sogar ganz fallen.

Schon wenige Monate nach der Quoten-Anhebung sei die Lage "unhaltbar" geworden, sagt Romuald Schaber, Chef des Europäischen Verbands der Milchbauern. Die Preise seien "ins Uferlose gestürzt". Viele Bauern fürchteten, "dass sie in den nächsten Monaten in den Bankrott gehen". Hunderttausende Jobs in Europa seien in Gefahr, sagt Schaber, der auch Präsident des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM) ist.

Doch anders als seine französischen Kollegen kann Schaber nicht zum Streik aufrufen - nicht mehr. Denn nach dem Lieferboykott im vergangenen Jahr verbot ihm das Bundeskartellamt derartige Aufrufe. Aus Sicht der Wettbewerbshüter kommen organisierte Lieferstopps, um höhere Preise zu erzwingen, einem Kartell gleich und sind deshalb unzulässig. Erst am Mittwoch bestätigte diese Haltung das Oberlandesgericht Düsseldorf.

Bauern wollen Milch lieber wegkippen

Schaber kann deshalb lediglich sagen, dass die deutschen Bauern "solidarisch" mit ihren französischen Kollegen sind. Teilnehmer der Pariser Demonstration verstehen das als verkappten Aufruf, in Streik zu treten. Denn der BDM hat ausdrücklich darauf verwiesen, dass das Gericht nicht die Boykottteilnahme "als rechtswidrig beurteilt, sondern lediglich den Aufruf zum Lieferstopp". In Schabers Worten heißt das: "Jeder Bauer muss jetzt selbst entscheiden, was er macht."

Franz Schweizer hat das schon getan. Wenn die Politik den Bauern nicht helfen wolle, "kippe ich meine Milch lieber weg", sagt der Milchbauer aus dem Schwarzwald. Der Milchstreik müsse noch vor der Bundestagswahl starten, damit der Druck auf die Politik groß genug sei. "Denn bei der Wahl wird sich zeigen, ob das Kreuz auf der einen oder anderen Seite gemacht wird."

Wie viele Bauern dort an dem Lieferboykott tatsächlich beteiligen, ist allerdings offen. Die beiden Verbände, die zum Streik aufrufen, stehen nur etwa für ein Drittel aller Milchproduzenten. Der "Aufstand" könnte damit auch im revolutionserprobten Frankreich kleiner ausfallen als erhofft.

Von Martin Trauth / AFP
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