Staatliche Höchstgrenze Warum Lebensversicherer zu hohe Zinsen versprechen

Gerade mal 1,25 Prozent Zinsen sollen Lebensversicherer ihren Kunden ab 2015 noch garantieren dürfen. So will die Politik die schwachen Unternehmen der Branche vor dem Ruin schützen. Dabei hätte es denen schon immer freigestanden, weniger Zinsen zu zahlen. Sie haben es sich nur nicht getraut.

Euro-Scheine: Die Rendite der Lebensversicherungen sinkt
DPA

Euro-Scheine: Die Rendite der Lebensversicherungen sinkt

Von


Hamburg - Noch lieben die Deutschen ihre Lebensversicherung: 89 Millionen Verträge haben sie insgesamt abgeschlossen. Doch je weiter die Zinsen fallen, desto unattraktiver wird das Produkt.

Zum 1. Januar 2015 soll die gesetzlich garantierte Verzinsung ein weiteres Mal gesenkt werden. Statt 1,75 Prozent pro Jahr gäbe es dann gerade mal noch 1,25 Prozent sicher. So hat es jedenfalls das Expertengremium der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) der Bundesregierung gerade vorgeschlagen. Ein Mickerzins verglichen mit dem, was jahrzehntelang üblich war.

Noch bis zum Jahr 2000 lag der gesetzliche Garantiezins bei vier Prozent. Wer damals einen Vertrag abgeschlossen hat, kann sich heute darüber freuen. Er bekommt die versprochenen Zinsen über die gesamte Vertragslaufzeit.

Genau das ist allerdings das Problem einiger Versicherungsunternehmen: Sie haben früher so hohe Zinsen versprochen, dass sie heute ins Schleudern geraten. Schon Ende 2012 hatten deshalb die Experten des Bundesfinanzministeriums Alarm geschlagen: In einem Schreiben an den Finanzausschuss des Bundestags warnten sie, es könne nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Unternehmen künftig in Schwierigkeiten gerieten.

Vor einigen Wochen legte die Rating-Agentur Moody's nach: Die deutschen Versicherer, so der Tenor ihrer Studie, seien besonders anfällig für die negativen Folgen der aktuellen Niedrigzinsphase an den Finanzmärkten - und müssten deshalb langfristig mit Verlusten rechnen.

Tatsächlich machen die niedrigen Zinsen den Lebensversichern besonders zu schaffen. Sie investieren das Geld ihrer Kunden traditionell vor allem in festverzinsliche Anlagen, also genau in jene Papiere, die unter der weltweiten Niedrigzinspolitik der Zentralbanken kaum mehr Erträge abwerfen. Lediglich die alten, zu Hochzinszeiten gekauften Papiere bringen noch ordentliche Renditen - und sorgen dafür, dass die Versicherer ihre Versprechen aus der Vergangenheit einhalten können. Doch auch diese Anlagen laufen irgendwann aus. Sollten sich die Zinsen an den Finanzmärkten bis dahin nicht erhöht haben, könnte es gerade für kleinere und mittelgroße Versicherungsunternehmen eng werden.

Diese Unternehmen dürften sich freuen, wenn die gesetzliche Grenze für die Garantieverzinsung auf 1,25 Prozent fällt. Für andere Versicherer wäre die deutliche Senkung dagegen ein Nachteil. Sie könnten sich durchaus höhere Versprechen leisten.

Viele Unternehmen haben die Zinsen zu spät gesenkt

Experten monieren, dass gerade die schwächeren Versicherer ihre Garantiezusagen viel zu spät gesenkt haben. Anders als viele Kunden meinen, ist die gesetzliche Garantieverzinsung nämlich eine Höchstgrenze. Sie soll die Kunden vor unseriösen Versprechen der Versicherer schützen. Die Unternehmen müssen diese Grenze aber keineswegs ausreizen. Es stand ihnen schon immer frei, niedrigere Garantiezinsen zu bieten. Das hat nur kaum jemand gemacht - wer will im Wettbewerb schon weniger bieten als die Konkurrenz? Zudem fällt so ein Versprechen natürlich leichter, wenn es - wie bei Lebensversicherungen - möglichst weit in die Zukunft reicht. Wenn es eingelöst werden muss, ist der verantwortliche Versicherungsmanager oft schon selbst in Rente.

Wenn es gut läuft, ist der Garantiezins ohnehin nur ein Teil der Gesamtverzinsung einer Lebensversicherung. Hinzu kommt die Überschussbeteiligung, also der Anteil an den erwirtschafteten Gewinnen. 2013 boten die deutschen Versicherer deshalb im Schnitt 3,6 Prozent laufende Verzinsung. Am Ende des Vertrags gibt es obendrauf noch einen sogenannten Schlussüberschuss und eine Beteiligung an den Bewertungsreserven. So lockt der Marktführer Allianz noch immer mit einer Gesamtverzinsung von 4,2 Prozent - die für den Kunden allerdings keineswegs gesichert sind.

Auch die Kosten für die Versicherten sind dabei noch nicht eingerechnet. Im Schnitt werden nämlich nur etwa 90 Prozent der eingezahlten Gelder verzinst, der Rest geht für Vertriebskosten drauf, vor allem für die Provisionen der Verkäufer. Aber auch der Aufwand, die eigenen Zinsversprechen mit entsprechenden Finanzprodukten abzusichern, kostet Geld.

An diesem letzten Punkt setzt eine neue Idee der Versicherungsbranche an: Sie will in Zukunft vermehrt Policen ohne Garantieverzinsung anbieten - und so Kosten sparen. Allianz und Ergo sind im vergangenen Jahr bereits vorgeprescht und haben entsprechende Produkte auf den Markt gebracht. Beide garantieren Sparern nur noch den Erhalt der eingezahlten Beiträge, dafür sollen die Renditen steigen. Damit machen Lebensversicherer endlich einmal von der Möglichkeit Gebrauch, den staatlich vorgesehenen Höchstzins zu unterschreiten.

insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
reinerotto 08.01.2014
1. Wieso per Gesetz senken ?
Hier soll der Finanzbranche wieder mal die Politik helfen: Um Konkurrenz auszuschalten: Denn dann darf man ja leider nicht mehr zahlen :-) Sollte so etwas denn nicht der Markt regeln ? Besser wäre, per Gesetz die Reserven der Versicherer entsprechend anzuheben. damit sich die Spreu vom Weizen trennt. NB: Erst wird die gesetzliche Rente gesenkt, dann per Gesetz auch noch die private Vorsorge, welche ja so angepriesen wurde von der Politik, als Alternative. Hahnebüchen.
Leserzuschrift 08.01.2014
2. Eine unsinnige Anlageform
Einen ökonomisch sinnvollen Grund, Kapitalanlage und Versicherung zu kombinieren, muss man sehr lange suchen (und wird ihn wahrscheinlich im Marketing der Versicherungen finden). Viel besser fährt doch, wer beides entkoppelt.
Zitatbot 08.01.2014
3. Zinsen auf... was?
Der Garantiezins gilt im übrigen nicht auf das eingezahlte Kapital. Er gilt nur auf das den Betrag der übrig bleibt nach Abzug der Kosten (Prämien für Versicherungsmakler etc.). Der effektive Zins auf das eingezahlte Kapital ist viel geringer und meist kaum transparent.
marthaimschnee 08.01.2014
4.
Sehr überzeugendes Plädoyer für die kapitalgedeckte Altersvorsorge. Es bleibt also nur der spekulative Anteil, der überhaupt Gewinn über der Inflationsrate machen kann und da dies auch mal daneben geht, werden viele ganz schön alt aussehen, wenn sie eh schon alt aussehen. Und lustigerweise wird in einigen Jahren mit den derzeit von der Branche vielumjubelten Riester-Verträgen genau das gleiche passieren. Aber keine Sorge, auch die Versicherer retten wir Steuerzahler gerne vor dem Untergang!
nemesis_01 08.01.2014
5. Ja warum haben sie wohl
zu hohe Zinsen versprochen? Um den Käufer zu schnappen. Was eine Frage. Wer lässt sich denn noch mit einem Zinsversprechen von 1,5% hinter dem Ofen hervorlocken? Da schon lieber 15% und die Warnungen und Risiken ignorieren. Wenn die Menschen sich mehr von ihrer Vernunft anstatt ihrer Gier leiten lassen würden, gäbe es ja auch keine Krisen und sie hätten nichts zu schreiben. Also lasst sie ja weitermachen. Bevor sich hier noch was bessert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.