Verschleppte Preissenkungen Warum Kunden oft zu viel für Gas bezahlen

Der Gasmarkt funktioniert in Deutschland oft nicht richtig. Viele Anbieter geben sinkende Preise zu spät an die Kunden weiter - oder sogar gar nicht. Höchste Zeit, dass Sie den Tricksern auf die Schliche kommen.

Gaszähler
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Eine Kolumne von


Auf einem Markt, der Kunden wirklich Vorteile bringt, werden die Preise so lange günstiger, bis es sich auch für die besten Anbieter nicht mehr lohnt, noch günstiger zu werden. Nicht einmal, um Marktanteile zu gewinnen.

Auf dem Gasmarkt steigen aber im Augenblick die Preise für Sie als Kunden, während die Einkaufskosten für die Anbieter sinken - nicht nur in dem im Frühling üblichen Maße, sondern deutlich stärker. Mehr als 380 Anbieter haben trotzdem seit Januar die Preise erhöht, dabei auch die ganz Großen der Branche wie E.on. Damit steigen bei all diesen Unternehmen zwar die Gewinne, der Markt wird aus Sicht der Kunden aber schlechter. Sie sollten sich deshalb wehren.

Die Ungleichzeitigkeit zwischen der Preisentwicklung für die Unternehmen und für die Kunden auf dem Gasmarkt erinnert so ein bisschen an den Zinsmarkt für Bankkunden. Auch dort fallen die Sparzinsen sehr schnell, wenn der Leitzins der Zentralbank sinkt. Wenn der Leitzins aber wieder steigt, zögern Banken gern die Anpassung heraus.

Einige Kunden sind wegen der Zinsen verärgert vor Gericht gezogen. Das Urteil der Richter: Wenn bei variablen Sparverträgen der Zins zeitnah fällt, muss er auch zeitnah wieder steigen. Schon beachtlich, wenn Richter Unternehmen an die Gesetze des Marktes erinnern müssen.

Solche Gerichtsurteile haben Kunden von Gasversorgern noch nicht erstritten. Allerdings haben Sie als Kunden bereits ein probates Rechtsmittel in der Hand: Sie haben ein Sonderkündigungsrecht, sobald der Gasanbieter den Preis erhöht. Auf dieses Recht muss Sie der Anbieter übrigens schriftlich hinweisen. Agile Kunden, so die Logik des Gesetzgebers, können so reagieren und den Vertrag beenden, ehe der neue Preis gilt.

So weit die Theorie. In der Praxis ist die Lektüre von Anbieterpost leider keine Offenbarung - und viele Kunden heften sie ungelesen ab oder werfen sie gar in den Papierkorb. Dabei lohnt es sich, die Briefe zu öffnen und sorgfältig zu studieren. Achten Sie genau darauf, ob der Anbieter nicht auf Seite 2 des Schreibens doch noch eine Preiserhöhung versteckt hat.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Auf eine Preiserhöhung zu reagieren, ist also eigentlich nicht schwer. Unübersichtlicher wird es, wenn die Einkaufspreise der Gasanbieter fallen - also aktuell. Solange sich der Preis für die Kunden nicht ändert, müssen die Anbieter diese nicht informieren. Konsequenz: Viele Unternehmen geben diese fallenden Preise nicht oder nur verzögert an ihre Kunden weiter.

Und die besonders unverschämten Anbieter erhöhen sogar noch. Klaus Landwehr, Vertriebschef der Gasversorgung Unterfranken, die die Gastiefstpreise der Jahre 2015 bis 2017 schon nicht an ihre Kunden weitergegeben hatte, argumentiert unter anderem mit erhöhten Beschaffungspreisen. Und die Stadtwerke Bonn wollten mir diese Woche aus "Wettbewerbsgründen" keine Auskunft zur neuen "Preisfindung" geben.

Wenn die Kosten für die Konzerne sinken, ist das für die Kunden meist nicht sichtbar. Kaum jemand wird den Gaspreisindex über dem Küchenherd hängen haben. Das Potenzial für Extra-Profite aus diesem Informationsungleichgewicht ist beträchtlich. Je mehr Anbieter ihre niedrigeren Einkaufspreise nicht weitergeben, desto deutlicher wird der Eindruck: Dieser Markt funktioniert nicht.

Vertreter der Gaskonzerne sagen gern, man wolle nicht hektisch an den Preisen schrauben. Stattdessen gebe man den Kunden ja eine Preisgarantie. Es könne schließlich auch passieren, dass die Rohstoffpreise wieder steigen und dann hat der Kunden wenigstens für zwölf Monate den Preis garantiert.

Das stimmt zwar. Aber auch diese Garantie nützt dem Kunden nur bei real steigenden Preisen.

So kommen Sie an die günstigen Preise

Fast schon perfide ist die Argumentation des Branchenriesen E.on. Man habe doch die Erdgaspreise in der Grundversorgung in der Vergangenheit stabil gehalten, heißt es dort. Und jetzt erst erhöht. Tatsächlich blieb der Preis zum Beispiel in Hamburg seit 2014 bei zunächst fallenden, dann leicht steigenden Importpreisen stabil. Im April 2019 stieg er dann, dabei haben die Preise am Terminmarkt inzwischen wieder das niedrige Niveau des Jahres 2017 erreicht. Antwort von E.on auf Nachfrage: "Die Entwicklung des Großhandelspreises in den vorangegangenen Monaten ist nur einer von diversen Einflussfaktoren auf unseren am Markt gebildeten Preis."

Die Aufgabe ist also klar: Bei fallenden Preisen für die Anbieter ist der Kunde ganz besonders auf gute Informationen angewiesen. Also auf uns Journalisten.

Und dann können Sie handeln:

Es ist nämlich vergleichsweise einfach. Mit einem Gaspreis-Vergleichsrechner einen günstigeren Vertrag suchen, dann zur Sicherheit mit dem günstigsten Tarif vergleichen, den das eigene Stadtwerk anbietet - manche Stadtwerke machen inzwischen sehr günstige Angebote für lokale Kunden. Und dann günstiger abschließen.

Dabei sollten sie sich aber eines vorher klarmachen: Tarife, die durch Boni, also zum Beispiel einen Sofortbonus beim Abschluss und einen Neukundenbonus für die erste Jahresabrechnung, besonders preiswert gemacht werden, können anschließend ganz schön teuer sein.

Bei Vergleichen haben meine Kollegen festgestellt, dass viele Tarife nach Wegfall der Boni sogar teurer sind, als das Angebot, das Kunden vorher nutzten. Gemein aus der Sicht der Kunden ist vor allem: Manche von den mit Bonus preiswerten Verträgen haben eine Mindestlaufzeit von zwei Jahren. Im ersten Jahr ist das Gas also billig, im zweiten Jahr steigen die Kosten für den Kunden durch den Wegfall der Boni, teilweise um ein Drittel oder mehr. Dieser Preisanstieg ist aber rechtlich keiner, weil ja nur der Bonus entfällt, Arbeitspreis und Grundpreis bleiben konstant. Der Kunde hat also nicht einmal ein Sonderkündigungsrecht.

Sonderangebote mit Boni waren in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich der Standardweg für Anbieter, neue Kunden zu finden. Als Verbraucher sollten Sie deshalb den Preis ohne Boni mit ihrem aktuellen Preis vergleichen - dann wissen sie, ob der neue Anbieter tatsächlich günstig ist und wie er langfristig kalkuliert. Und dann entscheiden Sie, ob Sie für zwei bis dreihundert Euro Bonus gleich mehrfach wechseln wollen.

Sie können es sich aber auch von vorneherein einfacher machen und gleich nur zu Anbietern gehen, die auch ohne Bonus preiswerter sind. Von denen gibt es viele. Und bei denen ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie gleich im nächsten Jahr wieder wechseln müssen. Der Gaspreis-Rechner meiner Kollegen ist sogar für so gemächliche Kunden voreingestellt.

Am Ende haben Sie es als Kunde also in der Hand, ob der Markt tatsächlich funktioniert.

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insgesamt 18 Beiträge
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StonyBrook 01.06.2019
1. Zum wievielten Mal in diesem Jahr?
Herr Tenhagen macht seine regelmäßige Werbung für Vergleichsportale. Dass ihm das nicht peinlich ist...
RonR 01.06.2019
2. Es geht noch billiger
Seit Jahren zahle ich für rund 50.000 kw/h etwas über 2.000 ?. 2-3 Monate vor meinem Wechseltermin wähle ich im Suchportal einen neuen Anbieter und wechsel online. Kündigung übernimmt der neue Anbieter - läuft alles ohne mein Zutun. Kostet keine 3 Minuten am PC, der Einspareffekt ist enorm. Beim örtlichen Versorger wären es rund 3.500?.
harry2405 01.06.2019
3. Vor dem Anbieterwechsel Bewertungen lesen
Seit 6 Jahren wechsle ich jedes Jahr den Gasanbieter, um den Neukundenbonus sowie den besten Gaspreis zu bekommen. Das hat auch immer gut funktioniert, und ich konnte viel Geld sparen (mache ich mit Strom genauso). Nach der Kündigung beim letzten Anbieter warte ich nun schon seit 8 Wochen auf die Schlußrechnung. Als ich dann bei Google nachsah, fand ich heraus, daß es sehr vielen anderen Kunden dieses Lieferanten auch so geht. Jedes Jahr zu wechseln, ist günstig. Man muß sich nur vorher über den neuen Vertragspartner informieren. Der jährliche Gasanbieterwechsel schützt zwar nicht vor Abzocke, wenn die Beschaffungspreise für den Anbieter zwischenzeitlich sinken, es ist aber trotzdem die Garantie auf den günstigsten Verbraucherpreis und kostet im Normalfall ca. 15 Minuten Zeit.
bluebill 01.06.2019
4. Machtmissbrauch
Der Normalverbraucher kann sich kaum mit den Börsenpreisen für Strom und Gas auskennen, auch nicht mit Netzentgelten und Beschaffungskosten und ähnlichen Dingen. Das verschafft den Anbietern einen erheblichen Informationsvorsprung und gibt ihnen Macht. Sie können praktisch jeden Preis fordern, der Endkunde muss ihn letztlich zahlen. Er hat keine Handhabe dagegen. Nur der Wettbewerb untereinander soll allzu große Nachteile für den Kunden verhindern. Funktioniert aber nicht wirklich. Zum Einen erhöhen meist alle Anbieter regelmäßig die Preise, ohne sie jemals wieder zu senken. Viele Unternehmen, die in den Suchmaschinen gelistet werden, sind in Wahrheit Tochtergesellschaften der paar Großkonzerne, die den Markt unter sich aufteilen. - Zum Anderen ist auch der Prozess, den Gas- oder Stromanbieter zu wechseln, keineswegs so einfach und schnell, wie es gerne dargestellt wird. Der Kunde muss sich durch die Angebote mehrerer Vergleichsportale arbeiten, da keines davon tatsächlich unabhängig ist, sondern nur die Anbieter vergleicht, die dafür bezahlen. Hat er dann einen Anbieter gefunden, muss der Tarif auf Fallstricke untersucht werden, z.B. die genannte Bonusregelung, oder eine lange Laufzeit, während der ein Kunde dem Anbieter praktisch ausgeliefert ist. Und wenn letztlich alles klar ist, heißt das noch lange nicht, dass der Wechsel auch reibungslos klappt. Oft kommt es zu Verzögerungen von mehreren Monaten, z.B. wegen irgendwelcher Formalien. Auch später gibt es immer wieder Probleme. Wehe, der Kunde zieht um. Bei mir z.B. hat das zu einer Verzögerung von 3 Monaten geführt, während derer ich im örtlichen Grundtarif festhing. Ein Grund wurde nicht genannt, nur Floskeln- offenbar war die Anzeige des Umzugs in den Computersystemen versandet. Als Sonderkündigungsgrund gilt das natürlich nicht, ich bin weiter an diesen Anbieter gebunden. Die reguläre Kündigung erfordert dann wieder den genannten Aufwand, zumal es selten gut lesbare, klar erklärte Vertragsbedingungen und Kündigungsfristen gibt. Das wird gern tief in den AGB versteckt. - Ein gleichberechtigtes Verhältnis von Verkäufer und Käufer ist leider weit entfernt. Die Machtverhältnisse liegen einseitig bei den Anbietern, die meist auch gesetzlich bevorzugt werden ( die Gasrechnung muss der Kunde immer zahlen, auch wenn sie nicht korrekt ist). - Eigentlich gehören elementare Grundbedürfnisse wie Wasser und Energie nicht in die Hände von profitorientierten Privatunternehmen. Sie müssen von der Allgemeinheit geregelt werden. Ohne Gewinn. Aber die neoliberale Politik will ja alles und jedes dem Markt überlassen. Die braven Bürger halten das für ein unantastbares Gesetz. Und wählen weiter die eigene Übervorteilung.
spon-1311138649643 01.06.2019
5. Sehr einseitig
Herr Tenhagen stellt die Eindeckung der Versorger sehr vereinfacht und unzureichend dar. Die Beschaffung ist keineswegs direkt an die aktuellen Großhandelspreise gekoppelt, sondern (sollte) sich vielmehr aus einem gesunden Hedge zusammensetzen, und da haben sich die Preise sehr unterschiedlich entwickelt. Die windigen Vögel, die immer schön am Spot beschafft haben und ihren Kunden mit immer neuen Rabatten den zeitweiligen Preisverfall direkt weitergereicht haben, sind damit in den letzten Jahren recht kräftig auf die Nase gefallen und teilweise auch nicht mehr am Markt wegen Insolvenz. Ich warte auch auf den Artikel, in dem Herr Tenhagen mal die Hersteller von Autos, Telefonen, Fernsehern, Bekleidung etc. unter die Lupe nimmt, oder geben die die günstigeren Einkaufskosten von Zukaufteilen weiter?
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