GDL-Chef zum Bahn-Tarifkampf "Wir werden die Aktionen ausdehnen"

Reisende sollen den Tarifstreit in der Bahnbranche ausbaden: Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, erklärt im Interview, warum er im Arbeitskampf keine Rücksicht auf Bahnkunden nimmt - und wieso eine Schlichtung derzeit nicht in Frage kommt.

GDL-Chef Weselsky (M.) mit streikenden Lokführern: "Natürlich werde ich gemahnt"
dapd

GDL-Chef Weselsky (M.) mit streikenden Lokführern: "Natürlich werde ich gemahnt"


SPIEGEL ONLINE: Herr Weselsky, die GDL-Mitglieder haben für eine Ausweitung der Streiks gestimmt. Wollen Sie zeigen, dass Sie ein ebenso knallharter Verhandler sind wie Ihr Vorgänger Manfred Schell?

Claus Weselsky: Das muss ich nicht zeigen. Es geht mir nicht darum, möglichst oft in den Nachrichten zu erscheinen. Man ist immer nur so stark wie seine Mitglieder. Es geht darum, die vernünftige Entwicklung, die 2007 unter Manfred Schell eingeleitet wurde, fortzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Und wann gehen die Streiks nun los?

Weselsky: Am Dienstag werden wir noch nicht streiken. Aber wir werden noch in dieser Woche den Arbeitskampf einleiten. Die Reisenden im Personenverkehr werden wir zwölf Stunden vorher informieren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Sorge, dass die GDL zur unbeliebtesten Gewerkschaft der Republik wird?

Weselsky: Uns ist klar, dass wir Reisende beeinträchtigen. Wir haben aber bei den Warnstreiks schon versucht, die Pendler außen vor zu lassen. Wir werden unsere Streiks jetzt auch auf den Güterverkehr ausdehnen. Aber den Druck auf die Arbeitgeber können wir nur erhöhen, wenn wir den Personenverkehr einbeziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie den Güterverkehr miteinbeziehen, wird es dann im Personenverkehr weniger schlimm als bei den Warnstreiks?

Weselsky: Wir werden die Aktionen insgesamt ausdehnen. Aber ich möchte eigentlich gar nicht länger streiken müssen. Wir haben sieben Monate verhandelt, ohne eine Lösung hinzubekommen. Das Mittel der Arbeitsniederlegung ist legitim. Die Arbeitgeber sind nun am Zug.

SPIEGEL ONLINE: Die Situation zwischen GDL, Deutscher Bahn und den sechs privaten Bahnunternehmen ist extrem festgefahren. Die Privatbahnen wollen nicht einmal mehr gemeinsam mit der GDL sprechen. Wie wollen Sie denn zurück an den Verhandlungstisch?

Weselsky: Die Taktik der Arbeitgeber, die Verhandlungsgruppe aufzulösen, haben wir vorhergesehen. Schon in der Vergangenheit haben Arbeitgeber auf diese Weise versucht, Flächentarifverträge zu umgehen. Aber wir wollen einen einheitlichen Tarifvertrag und werden auch mit den einzelnen Unternehmen der Privatbahnen verhandeln.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn schon ein neues Verhandlungsangebot?

Weselsky: Gesprochen wird immer. Aber das ist kein neues Angebot. Ich möchte, dass sich die Arbeitgeber bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Ex-Verteidigungsminister Peter Struck hat sich als Schlichter angeboten. Eine Option für Sie?

Weselsky: Er scheint mir nicht geeignet, denn 2007 hat er sich wie die SPD insgesamt gegen uns gestellt und einen eigenständigen Tarifvertrag für Lokomotivführer abgelehnt. Aber momentan sehe ich sowieso keine Beteiligung an einer Schlichtung - egal mit wem.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind CDU-Mitglied. Gibt es denn da keine Ermahnungen aus der Partei, dass sie sich etwas zurückhalten sollen?

Weselsky: Natürlich werde ich gemahnt. Aber für mich ist es eigentlich selbstverständlich, dass wir mit unserer Macht, die wir als GDL haben, verantwortungsvoll umgehen.

Der Tarifstreit in der Bahnbranche
Die Beteiligten des Tarifstreits
Die Lokführergewerkschaft GDL sitzt mehreren Vertretern der Arbeitgeberseite gegenüber. Zu den Verhandlungspartnern gehören die Deutsche Bahn, sechs Privatbahnen des Personennahverkehrs (Abellio, Arriva, BeNEX, Hessische Landesbahn, Keolis und Veolia Verkehr) und sechs Güterverkehrsunternehmen.
Die Kernforderung der GDL
Die zentrale Forderung der GDL ist ein Flächentarifvertrag für alle 26.000 Lokführer in Deutschland, unabhängig davon, ob sie bei der Deutschen Bahn (DB) oder bei Privatbahnen arbeiten. Diese Vereinbarung soll für Lokführer im Fern, Nah- und Güterverkehr gelten. Dabei fordert die GDL ein einheitliches Einkommen auf dem Niveau des Marktführers DB plus fünf Prozent. Die teils bis zu 30 Prozent niedrigeren Entgelte bei Privatbahnen sollen stufenweise angeglichen werden.
Warum sich die Privatbahnen wehren
Die privaten Betreiber fürchten höhere Kosten durch Löhne, die auf DB-Standard liegen. Mittelständische Unternehmen könnten sich die Entgelte des Marktführers nicht leisten, sagen die Privatbahnen. Ihr Credo: Für unterschiedliche Tätigkeiten sollen unterschiedliche Entgelte gezahlt werden. Denn die privaten Anbieter sind im Regionalverkehr aktiv. Sie argumentieren etwa, dass Lokführer im Güterverkehr im Gegensatz zu ihren Kollegen im Nahverkehr oft Nachtfahrten haben. Die GDL argumentiert, solche Unterschiede könnten durch Zulagen ausgeglichen werden.
Die Rolle der Konkurrenzgewerkschaft EVG
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) als Konkurrenz zur GDL hat bereits einen Branchentarifvertrag mit der Deutschen Bahn und den sechs großen Privatbahnen abgeschlossen, allerdings nur für den Nahverkehr. Die GDL lehnt einen Anschluss an diesen Vertrag aber ab und kritisiert, dass sich die EVG gegen die Arbeitgeber nicht richtig habe durchsetzen können.
Die Stellung der GDL
Neben der GDL gibt es in der Bahnbranche auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Die GDL vertritt nach eigenen Angaben drei Viertel aller Lokführer. Darum sieht sich die Gewerkschaft allein berechtigt, Tarifverträge für Lokführer abzuschließen. Bei der DB hat die GDL das alleinige Mandat, für die Lokführer des Unternehmens zu verhandeln. Bei den Privatbahnen dagegen beansprucht auch die EVG für sich, die Lokführer zu vertreten.
Warum die GDL die Deutsche Bahn bestreikt
Mit dem Streik trifft die GDL die Deutsche Bahn am härtesten - obwohl der Konzern bei den Gehältern der Branchenprimus ist und somit die Forderung der Gewerkschaft schon weitgehend erfüllt. Doch weil Streiks beim Marktführer Bahn von der Öffentlichkeit am meisten wahrgenommen werden, trifft es auch den DB-Konzern.
Weitere Forderungen der GDL
Neben einem Flächentarifvertrag besteht die GDL auf einer Reihe spezieller Regelungen für Lokführer, zum Beispiel auf einem erweiterten Kündigungsschutz bei Arbeitsunfähigkeit nach Unfällen.

Das Interview führte Maria Marquart

insgesamt 125 Beiträge
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Seite 1
blomson 07.03.2011
1. Machtspiele der Bahnkonzerne
Ja, leider werden wir Fahrgäste mal wieder die Machtspiele der großen Bahnkonzerne mit ihren Angestellten ausbaden dürfen. Man sollte dabei aber nie aus den Augen verlieren, dass die Forderung der Lokführer, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, vollkommen legitim ist. Ich hoffe, dass die Fahrgäste Verständnis für die Lokführer zeigen und der Frust über die Zugausfälle nicht auf die Streikenden abgeladen wird, sondern auf den Konzern, der sich weigert angemessen zu bezahlen. Die Pendlerzeiten sollte man jedoch etwas nach hinten ausdehnen, was den Streikbeginn angeht. Ich bin bis halb 10 mit der Bahn zur Arbeit unterwegs, da trifft mich der Streikbeginn um 8 durchaus. Liebe Bahnchefs, kommt endlich von euren hohen Rössern und zahlt vernünftigen Lohn! Mit eurer Haltung zeigt ihr ziemlich deutlich, dass euch der Imageschaden, der durch jede Verspätung entsteht recht egal ist. Aber da habt ihr ja auch kaum noch etwas zu verlieren, was?
zulthak 07.03.2011
2. .
Verantwortungsvoller Umgang, dass ich nicht lache. 12 Stunden vorher ankündigen... Wie wärs mal mit 24h? Damit man am Tag vorher noch fragen kann ob einen jemand mit dem Auto mitnehmen kann? Die GDL wird sich früher oder später selbst zerstören mit solchen Aktionen. Äußerst unverhältnismäßig das Ganze... http://newstix.de/?session=1b8ab0b2dd247500a3c197540d89e315&site=politics&startentry=0&entmsg=true&mid=14485 Hier gibts dazu auch was zu lesen.
Dino, 07.03.2011
3. Kein Titel
Zitat von sysopReisende sollen den Tarifstreit in der Bahnbranche ausbaden: Der Chef der Lokführerwerkschaft GDL, Claus Weselsky, erklärt im Interview, warum*er im Arbeitskampf keine Rücksicht auf Bahnkunden nimmt - und wieso eine Schlichtung derzeit nicht in Frage kommt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,749532,00.html
Wenn die Politik und die Führung der DB nicht in der Lage sind, diesen machtgeilen Gewerkschaftsegomanen mit CDU Parteibuch in die Schranken zu weisen, schafft es vielleicht König Kunde. Bahnstreik mal anders rum.
Kaworu 07.03.2011
4. -/-
---Zitat--- Wir haben aber bei den Warnstreiks schon versucht, die Pendler außen vor zu lassen. ---Zitatende--- Interessanter Standpunkt...
zzipfel 07.03.2011
5. Die Gewerkschaft der Geradeausfahrer bemüht sich um Automatisierung ...
... des Zugverkehrs. Gibt ja schon Bahnstrecken die keine Lokführer mehr benötigen; warum auch - ein Busfahrer hat mehr zu leisten. Man sollte halt das Bahnmonopol endlich zerschlagen. Bei der Telekom hats ja auch funktioniert und - sofort purzel die Preise und steigt der Service.
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