Gehältervergleich der Industriestaaten Deutschland ist Lohnminus-Meister

In den meisten Industriestaaten sind die Löhne in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Nicht so in Deutschland: Hier schrumpfte das Durchschnittsgehalt um 4,5 Prozent. Damit liegt die Bundesrepublik bei einem Vergleich der Internationalen Arbeitsorganisation auf dem letzten Platz.
Werftarbeiter in Rostock: Deutschland ist Schlusslicht bei der Lohnentwicklung

Werftarbeiter in Rostock: Deutschland ist Schlusslicht bei der Lohnentwicklung

Foto: dapd

Hamburg - Der deutsche Aufschwung hat eine Kehrseite: In keinem Industrieland der Welt haben sich die Bruttolöhne seit dem Jahr 2000 so schwach entwickelt wie in der Bundesrepublik. Im Schnitt haben die Bürger 4,5 Prozent weniger in der Tasche als vor zehn Jahren.

Zum Vergleich: Weltweit sind die Löhne um ein knappes Viertel gestiegen, berichtet die Internationale Arbeitsorganisation ILO in ihrem Global Wage Report. In den Industrieländern Norwegen, Zypern und Finnland haben die Arbeitnehmer am stärksten profitiert (siehe Grafik unten).

Zuletzt hatte bereits das Statistische Bundesamt Zahlen vorgelegt, denen zufolge die deutschen Bruttolöhne langsamer gestiegen sind als im Rest Europas. Die ILO präsentiert nun inflationsbereinigte Zahlen, das heißt: Berücksichtigt man die gestiegenen Preise, sind die Bruttolöhne in Deutschland sogar gesunken.

Fest steht: Deutschland ist überraschend gut durch die Krise gekommen. Nach dem stärksten Einbruch der Konjunktur in der Nachkriegsgeschichte verzeichnet die Bundesrepublik im laufenden Jahr einen Anstieg der Wirtschaftsleistung um voraussichtlich mehr als 3,5 Prozent.

Grafik: Lohnentwicklung in 26 Industrieländern

Grafik: Lohnentwicklung in 26 Industrieländern

Foto: SPIEGEL ONLINE

Dazu beigetragen hat die Lohnentwicklung: Dank sinkender Arbeitskosten sind deutsche Produkte weltweit konkurrenzfähiger geworden, der Export floriert. Das Minus von 4,5 Prozent hat seine Gründe neben moderaten Tarifabschlüssen der vergangenen Jahre vor allem in der Ausweitung des Niedriglohnsektors sowie der Zunahme von atypischen Beschäftigungsformen, heißt es in dem ILO-Bericht. Gemeint sind hier Zeitarbeit und 400-Euro-Jobs.

Menschen in diesen Beschäftigungsverhältnissen verdienen rund ein Drittel weniger pro Stunde als ein normaler Arbeitnehmer. Dazu kommt eine geringere Wochenarbeitszeit, "so dass die Monatsverdienste atypisch Beschäftigter deutlich unter denen von Normalarbeitnehmern liegen", schreiben die Arbeitsmarktexperten.

Die wachsende Zahl dieser Jobs habe dazu geführt, dass der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst 2009 auf 2154 Euro gesunken sei. Zehn Jahre zuvor waren es noch rund 100 Euro mehr.

Experten loben Krisenmanagement

Positiver sei die Entwicklung, wenn man nur die Verdienste von Arbeitnehmern in Vollzeitbeschäftigung betrachte. Diese Gruppe habe heute inflationsbereinigt 6,7 Prozent mehr Bruttoeinkommen als vor zehn Jahren. Von 2752 Euro stieg der Monatslohn eines durchschnittlichen Vollzeitarbeitnehmers auf 2936 Euro.

Wie sich die Lohnentwicklung vom wirtschaftlichen Aufschwung abgekoppelt hat, zeigt laut ILO die Lohnquote - also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen. Diese Quote ist von 72,2 Prozent vor zehn Jahren auf 65,1 Prozent gesunken. Dabei sei es besonders zwischen 2003 und 2007 zu einem deutlichen Rückgang gekommen, heißt es in dem Bericht.

Positiv bewerten die ILO-Experten dagegen das Krisenmanagement der Deutschen. Die Kurzarbeit sei sehr erfolgreich gewesen, um Arbeitsplätze zu erhalten. Die sinkenden Monatslöhne seien auch darauf zurückzuführen.

Die schwache Lohnentwicklung während der Krise ist dem Bericht zufolge allerdings nur Teil eines Trends. Die Löhne würden längst nicht mehr Schritt halten mit der Produktivität "und die Einkommensunterschiede werden größer".

"Stagnierende oder rückläufige Löhne behindern in vielen Ländern die konjunkturelle Erholung", sagt der ILO-Generaldirektor Juan Somavia. Regierungen sollten ihren "Schwerpunkt auf Beschäftigung und angemessene Entlohnung legen", fordert er. Dies sei nicht nur für die wirtschaftliche Erholung entscheidend, "sondern auch für die Bekämpfung sozialer und ökonomischer Ungleichgewichte".

Immerhin: In jüngster Zeit kommt etwas Bewegung in die deutsche Lohndebatte. Dank des kräftigen Aufschwungs 2010 fordern die Gewerkschaften nun wieder höhere Gehaltssteigerungen. Im öffentlichen Dienst der Länder verlangten sie am Dienstag ein Plus von drei Prozent. Für die Mitarbeiter der Telekom verlangt Ver.di sogar 6,5 Prozent mehr Gehalt. Kurz zuvor war die Industriegewerkschaft IG BCE vorgeprescht: Sie will für die 550.000 Beschäftigten der Chemiebranche eine Lohnsteigerung von mindestens sechs Prozent durchsetzen. "Das ist auch unser Aufschwung", teilten die Arbeitnehmervertreter mit. "Von dem wollen wir auch profitieren."

cte