Boom der Ramschanleihen Im Höhenrausch

Hohe Zinsen, hohes Risiko: Die Stimmung am Markt für Ramschanleihen ist inzwischen viel besser als kurz vor der Lehman-Krise. Das sollte Anlegern eine Warnung sein.

Von Christian Kirchner


Frankfurt, Ende November: Im Fünf-Sterne-Hotel Villa Kennedy trifft sich die Finanzbranche zum alljährlichen "Capital"-Geldanlagegipfel. Es ist die Zeit, in der die Geldprofis auf der Suche nach Ideen sind, was man im kommenden Jahr den Anlegern so alles als Investment präsentieren könnte.

Der Fondsmanager einer großen deutschen Gesellschaft hat da klare Vorstellungen. "Nachranganleihen von Banken" empfiehlt er am Morgen auf der Bühne, also jene Anleihen von Finanzinstituten, die im Falle einer Bankpleite erst als Letztes bedient werden, dafür aber auch hohe Zinsen zahlen. Anleihen von "systemrelevanten Banken", wohlgemerkt. Denn die brächten auch im Zeitalter von Niedrigzinsen noch einige Prozent Rendite ein - und hätten eine Quasi-Staatsgarantie, weil die dahinterstehenden Banken viel zu mächtig seien, als dass man sie pleitegehen lassen könnte.

Hochverzinsliche Papiere kaufen wegen einer Quasi-Staatsgarantie? Sind wir schon wieder so weit? Die Empfehlung steht symptomatisch für drei Entwicklungen am Anleihenmarkt, die Anleger aufhorchen lassen sollten.

  • Die Bemühungen der Regulierer, Banken und das Finanzsystem insgesamt zu stabilisieren, haben unangenehme Nebenwirkungen: Banken etwa müssen einerseits ihre Kapitalbasis deutlich stärken. Je mehr Geld sie aber dazu aufnehmen - etwa über jene Nachranganleihen - desto größer wird das moralische Risiko, dass sich zu viele Investoren wieder auf eine implizite Staatsgarantie verlassen.
  • Die zweite und noch gefährlichere Entwicklung: Der globale Anleihenmarkt ist aufgrund der extrem niedrigen Zinsen zu einem Verkäufermarkt geworden. Staaten, Firmen und Finanzinvestoren bekommen ungeachtet ihrer Bonität bis auf wenige Ausnahmen fast alles an Schulden zu historisch günstigen Konditionen los, weil enorm viel Geld auf der Suche nach wenigstens einem bisschen Rendite kursiert.
  • Während die Nachfrage nach Hochzinsanleihen steigt, ist zugleich das Handelsvolumen stark zurückgegangen. Banken spekulieren nämlich seit der Finanzkrise kaum noch kurzfristig mit solchen Papieren - ebenfalls eine Folge der strengeren Regulierung. Das bedeutet, dass mittlerweile bereits kleine Verkaufsmengen zu extremen Kursausschlägen bei Hochzinsanleihen führen können. Der Markt ist labiler geworden.

Die Ramschrenditen sind historisch niedrig

Rund 370 Milliarden Dollar (270 Milliarden Euro) investieren Anleger voraussichtlich 2013 in Ramschanleihen, wie die Hochzinsanleihen auch genannt werden. Also Anleihen, die von Rating-Agenturen als "spekulativ" oder "hoch spekulativ" eingestuft werden. Das ist so viel wie noch nie zuvor und zweieinhalb Mal mehr als noch 2007, dem Boomjahr vor der Lehman-Pleite. Die Ramsch-Renditen sind mit im Schnitt sechs Prozent historisch niedrig, im Vergleich zu Staatsanleihen erster Bonität aber immer noch hoch.

Üblicherweise ruft ein solches Maß an Sorglosigkeit Mahner auf den Plan. Im Reich der Hochzinspapiere sind jene Mahner aber dennoch rar. Der Grund: Die Kritiker haben ihr Pulver bereits 2009 verschossen.

Damals brach der Markt schon einmal dramatisch ein und galt als erledigt. Tatsächlich erholte sich der Anleihenmarkt jedoch rasant - und die Firmen konnten sich zu weit niedrigeren Zinsen und in noch größerem Umfang refinanzieren, als man es 2009 je erwartet hätte.

Der Ramsch-Guru warnt vor einem Markteinbruch

Alles nur aufgeschoben, glaubt Martin S. Fridson, der sich in den USA in den letzten 30 Jahren den Ruf eines Ramschanleihen-Gurus erarbeitet hat - und als einer der wenigen den warnenden Zeigefinger hebt. Er glaubt, in den Jahren 2016 bis 2020 müssten sich Ramschanleihen-Investoren auf Zahlungsausfälle von kumuliert rund 1500 Milliarden Dollar (rund 1,1 Billionen Euro) einstellen.

Ist das für deutsche Anleger mehr als ein akademisches Problem? Schließlich ist ihr direktes Engagement in Hochzinsanleihen überschaubar und dürfte sich allenfalls auf einen niedrigen zweistelligen Euro-Milliardenbetrag summieren.

Doch ein Knall im Markt für Hochzinsanleihen hätte auch dramatische Folgen für das Finanzsystem insgesamt. Die Einschläge wären vermutlich, ähnlich wie 2007, auch dort zu sehen, wo sie zunächst kaum jemand vermutet. Denn mit den hochverzinsten Papieren die Rendite ein wenig aufzupeppen, gehört im Zeitalter der Niedrigzinsen längst zum Standard - bei vielen konservativen Anleihenfonds ebenso wie bei Versicherungskonzernen, die im Anlagenotstand stecken.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Raúl gonzales 29.12.2013
1.
Guter Artikel, weiter so
santaponsa 29.12.2013
2. Wer schon alles hat, ...
kann auch in Ramsch-Anleihen investieren! Bei Gold war es 2013 ähnlich: Papierverlust 30 % oder auch echter Verkaufsverlust 30 %. Na und? Hartz 4 war eh nicht dabei.
minsk60 29.12.2013
3. Tatsächiche Ausfälle
Die tatsächlichen Ausfälle bei Ramschanleihen fanden bei Mittelstandsanleihen statt. Insbesondere aus dem Solarbereich aber auch Praktiker etc.
Mara Cash 29.12.2013
4. Mittelstandsanleihen nicht erwähnt
Zitat von sysopHohe Zinsen, hohes Risiko: Die Stimmung am Markt für Ramschanleihen ist inzwischen viel besser als kurz vor der Lehman-Krise. Das sollte Anlegern eine Warnung sein. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/geldanlage-gefaehrliche-spekulation-mit-ramschanleihen-a-939412.html
Die größten Verlierer im Jahr 2013 waren die Ramschpapiere namens Mittelstandsanleihen - Pleiten von Firmen wie Praktiker, ATU, Alpine, getgoods.de, Windreich und vielen Alternativ-/ und Solarklitschen wurden in dem Artikel überhaupt nicht erwähnt. Die Bankenregulierungsvorschriften dürften hingegen Nachranganleihen von Banken vergleichsweise sicherer machen. Banken dürfen in Zukunft nicht mehr ungehemmt mit Fremdkapital zocken - sie müssen Eigenkapital hinterlegen und eine verstärkte Eigenkapitalbasis schaffen. Dies dürfte Nachrangkapital von solide aufgestellten Banken eher sicherer als unsicherer machen.
ernstmoritzarndt 29.12.2013
5. Gier frißt Verstand
Es ist alles viel banaler: Wenn ich irgendwo die "doppelte Rendite" ausgezahlt bekomme, als normalerweise üblich, muß ich damit rechnen, daß "da etwas nicht stimmt". Ob Schiffsfinanzierungen (derzeit häufig insolvent), Containerfinanzierungen (gilt Gleiches) oder sog. Mittelstandsanleihen, die inzwischen sogar von Hamburger Badeanstalten ausgegeben werden: Es wird ein höherer Zins geboten, als üblich und ich muß auf Dauer mit einem erhöhten Risiko rechnen. Das gilt übrigens auch am Aktienmarkt, bei uns derzeit für 2014 bereits rauschhafte Renditen prognostiziert werden. Ich meine, daß es Hermann-Josef Abs war, der diesbzüglich nächtern konstatierte: "Der Kleinaktionär ist das Kanonenfutter der Börse!". Das beste Geschäft machen anschließend Rechtsanwälte ("Ihr Spezialist für die Verfolgung von Anlagefehlberatung"), wenn sie anschließend den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen für sinnlose Anlegerprozesse, bei denen in den letzten Jahren kaum etwas herausgekommen ist.
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