Riester-Rente Renditeturbo für Geringverdiener

In Deutschland sorgen ausgerechnet diejenigen am wenigsten für das Alter vor, die es am nötigsten hätten - und die höchsten Förderungen kassieren könnten. Dafür müssten sie nur die öffentliche Kritik an der Riester-Rente ignorieren.
Von Christian Kirchner
Maler bei der Arbeit: Auf der Riester-Rente wird oft zu Unrecht herumgetrampelt

Maler bei der Arbeit: Auf der Riester-Rente wird oft zu Unrecht herumgetrampelt

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

In dieser Rubrik geht es um Geldanlage. Nicht um Politik, Gesellschaft oder die Frage, warum in einkommensschwachen Haushalten kein Geld zum Sparen da ist. Dennoch soll es nach dem Wunsch vieler Kommentatoren unter den bisherigen Beiträgen genau um diese Einkommensgruppe gehen - und nicht um die Luxusprobleme in Sachen Geldanlage von Schnöseln, ob sie ihre Penunzen lieber in Aktien, eine Altbauwohnung in Berlin-Mitte oder ein Tagesgeldkonto stecken.

Was also kann, was soll ein Geringverdiener in Sachen Altersvorsorge tun? Denn bislang hat sich laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vom unteren Einkommensfünftel in diesem Land nicht einmal jeder Zweite jemals um eine zusätzliche Altersvorsorge gekümmert. Unter Top-Verdienern ist nur jeder Fünfte Totalverweigerer.

Nun gibt es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, einen Betrag von - sagen wir - 25 Euro pro Monat für die Vorsorge abzuknapsen, statt es für einen Restaurantbesuch, Spielzeug oder einen Zoobesuch extra auszugeben. Man kann aber näherungsweise errechnen, wie weit man damit kommt - und das ist, mit ein bisschen Wachsamkeit bei der Wahl des Anlageprodukts und seiner Kosten, recht weit.

Nehmen wir als Beispiel eine alleinerziehende Mutter von 35 Jahren mit einem vierjährigen Kind, die als Angestellte im Einzelhandel 1500 Euro brutto pro Monat verdient. Das ist nicht einmal die Hälfte des durchschnittlichen Bruttogehalts deutscher Arbeitnehmer.

Beeindruckende Zahlen

Ihr stehen - wenn wir unterstellen, dass für das Kind gesondert Vorsorge getroffen wurde - drei Wege offen, für das Alter zu sparen: Die betriebliche, die private und die staatlich geförderte Altersvorsorge.

Bei der betrieblichen Altersvorsorge ist eine Modellrechnung kaum möglich, da hier der Arbeitgeber allein die Wahl des Anbieters hat und sich Kosten und Renditen nicht einmal grob schätzen lassen. Bei den gerade unter Geringverdienern häufigen Jobpausen und Arbeitsplatzwechseln ist die betriebliche Altersvorsorge indes problematisch.

Bei einer ungeförderten privaten Vorsorge sind die 25 Euro in willenlosem Konsum wohl besser angelegt. Und das selbst dann, wenn sich die Sparerin für eine rentable Anlageform wie einen Aktienfonds entscheidet und hier nach Kosten eine Rendite von fünf Prozent pro Jahr herausspringt: Dann stünden mit 65 Jahren 20.500 Euro vor Steuern zur Verfügung (mit Lebens- und Rentenversicherungen noch weniger), was wiederum lediglich 100 Euro Zusatzrente lebenslang einbrächte.

Nun ist es in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Hobby von Verbraucherschützern, Finanzjournalisten und Online-Kommentatoren geworden, auf der Riester-Rente herumzutrampeln. Meist werden dabei die tatsächlich oft mit hohen Provisionen belasteten, schwach rentierlichen, aber stark verbreiteten Riester-Rentenversicherungen synonym für die ganze Vorsorgeform verwendet.

Doch wie man es dreht und wendet: Für Geringverdiener wird die Riester-Rechnung schnell beeindruckend: Der Staat zahlt, wenn bestimmte Mindestbeiträge eingehalten werden - 154 Euro Grundzulage und 300 Euro je Kind in einen Riester-Vertrag ein. Im Rechenbeispiel muss die Sparerin lediglich 266 Euro pro Jahr oder 22,16 pro Monat Euro selbst aufwenden, damit inklusive der 454 Euro Zulage insgesamt 720 Euro jährlich in den Riester-Vertrag fließen. Im Beispiel legt der Staat also fast zwei Euro auf jeden eingezahlten drauf.

Für 25 Euro im Monat bereits 52.000 Euro im Alter

Ist die Sparerin kostenbewusst und risikoscheu, greift sie zu einem Riester-Banksparplan und kommt so selbst bei einem angenommenen Magerzins von lediglich 1,5 Prozent pro Jahr auf 27.200 Euro Endvermögen mit 65. Greift sie zu einem Riester-Fondssparplan und erzielt damit historisch eher schwache fünf Prozent pro Jahr, stehen mit 65 Jahren für nur 25 Euro im Monat bereits 52.000 Euro extra zur Verfügung. Selbst wenn die Sparerin ihren Job verliert, bleibt die Rechnung attraktiv, denn dann genügt womöglich schon die Zahlung des Mindestbeitrags von 60 Euro im Jahr, um die vollen Zulagen mitzunehmen.

Hat die Riester-Rente für Geringverdiener Haken? Ja, zwei kleine und einen großen. Die beiden kleinen: Die Einkünfte aus der Riester-Rente werden im Alter besteuert, was für Geringverdiener indes kein großes Problem sein sollte. Und: Der Großteil der angesparten Summe muss später eine lebenslange Rente sichern. Das heißt, wer bereits einige Jahre nach Rentenbeginn verstirbt, hat unter Umständen ein Minusgeschäft gemacht.

Der große Haken: Die Riester-Einkünfte gehen in die Berechnung der Grundsicherung ein. Wer also wenig verdient und damit rechnet, im Alter ohnehin so wenig Rente zu beziehen, dass diese unter dem Niveau der staatlichen Grundsicherung liegt, macht am besten einfach gar nichts.

Allerdings wäre es fragwürdig, wenn der Staat dieser unsinnigen Regelung nicht bald ein Ende bereiten würde. Denn - und das ist nun in der Tat ein rein politisches Thema - dass ausgerechnet diejenigen, die ganz dringend eine Aufstockung ihrer Rente bräuchten auch noch Anreize bekommen, nichts zu tun, ist auf Dauer unhaltbar.

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