Gemüseanbau in der Großstadt Zwölf Stockwerke Salat

Frisches Gemüse ist Mangelware, zumindest global gesehen. Nun kämpfen Erfinder dagegen an. In den USA entstehen regelrechte Pflanzenfabriken - und selbst Ikea mischt mit.
Geplante Pflanzenfabrik von AeroFarms

Geplante Pflanzenfabrik von AeroFarms

Foto: AeroFarms

Wenn David Rosenberg Salat pflanzt, sieht das ein wenig anders aus als üblich. Keine Schaufel, keine Erde. Rosenberg greift zu einer Art Pfefferstreuer und dreht ihn mehrfach. Schon fallen Tausende Salatsamen auf eine feuchte, weiße Plastikwolle, die unter dem Streuer liegt. In 16 Tagen kann der Salat geerntet werden. So funktioniert die "Vertical Farm".

In einem ehemaligen Fabrikgebäude in Newark nahe New York hat Rosenbergs Firma AeroFarms die Gemüsebeete in 35 Reihen auf gut 6400 Quadratmetern fein säuberlich nebeneinander geordnet. Zwölf Stockwerke ragen die Regale empor. Alles wächst nach oben, das spart viel Platz. Das, was Besucher staunen lässt, hat so gar nichts mit der Landwirtschaft zu tun, wie wir sie seit Jahrtausenden kennen. Es geht zu wie in einer Fabrik.

Der Clou dabei: Der Anbau des Gemüses gelingt ohne Erde. Die Wurzeln der Setzlinge werden während des Wachstums regelmäßig mit Wasser besprüht. So gedeiht alles deutlich schneller. "Die Blätter bestrahlen wir mit einem bestimmten Lichtspektrum und die kleinen Ventilatoren, die nahe der Pflanzen stehen, geben Luft", erklärt Rosenberg in einem Bloomberg-Video. Im Wassernebel steckten die Nährstoffe. "Wir verbrauchen 95 Prozent weniger Wasser als eine reguläre Farm und verwenden keine Pestizide, Fungizide oder Herbizide."

20 bis 30 Ernten pro Jahr sollen so möglich sein. AeroFarms hat sich auf den Bau und die Verbreitung von vertikalen Farmen spezialisiert. Weltweit bis zu 250 unterschiedliche Sorten Gemüse und Kräuter sollen in den kommenden fünf Jahren in zwei Dutzend neuen Anlagen gedeihen.

Das Besondere daran: Der enorme Aufwand, mit dem das Gemüse bislang zum Verbraucher geschafft wird, entfällt. Denn die jährlich geerntete Tonne Salat und Gemüse geht direkt in die Läden in der Umgebung. Die Anlage ist ein sogenanntes Public-private-Partnership-Projekt. Das Geld kommt sowohl vom Staat als auch von Firmen.

Die Idee, Farmen in die Höhe zu bauen, stammt von Dickson Despommier, der jahrzehntelang an der Columbia University in New York lehrte. Erstmals hatte der US-Professor seinen Studenten 1999 in einem Kurs davon erzählt. Der heute 76-Jährige verstieg sich in seinem 2010 erschienenen Buch "The Vertical Farm: Feeding the World in the 21st Century" sogar bis zur steilen These, dass man per Hochfarm auch den herrschenden Hunger in der Welt stillen könnte. Dabei ist Visionär Despommier eigentlich Spezialist für Parasitologie und Mikrobiologie.

Ikea macht jetzt in Gemüse

Mittlerweile hat auch der Möbelmulti Ikea den Trend zum innovativen Gemüseanbau erkannt. Seit Anfang Februar bieten die Schweden ihren "Growroom" an. Der konzerneigene ThinkTank "Space10" entwickelte den Plan für den überdimensionierten Setzkasten für Jedermann. Die Skizzen zum Nachbau in 17 Arbeitsschritten finden sich abrufbar im Netz.

Ikeas "Growroom": nur zum Nachbauen

Ikeas "Growroom": nur zum Nachbauen

Foto: SPACE10 / Alona Vibe

Das Beet erlaubt es Nutzern, ihr Gemüse etagenweise selbst anzubauen. Der "Growroom" misst 2,8 Meter auf 2,5 Meter. Die schwedischen Designer Mads-Ulrik Husum und Sine Lindholm setzten ihren Plan konsequent um: Deshalb gibt es den "Growroom" auch nur zum Nachbauen und nicht zu kaufen. Sonst müsste man die Pflanzkübel wieder weltweit verschiffen.

In Deutschland hat das "Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt", kurz DLR, das Thema entdeckt. In nur zwölf Monaten ließen sich in einer fiktiven "Vertical Farm 2.0" pro Stockwerk fast 630.000 Kilogramm Salat oder mehr als 95 Tonnen Tomaten züchten und ernten, meinen die Forscher. Und das auf einer Mini-Grundfläche von 74 mal 35 Metern. Versorgt würden die Pflanzen, wie auch die in den Vereinigten Staaten, mit einer exakt dosierter Nährstofflösung, das Licht käme aus speziellen LED-Lampen.

Teurer Anbau

Bei allem Fleiß und Engagement: Noch ist der Anbau des Salats, der Tomaten oder des Basilikums zu teuer für den Massenmarkt. Die Produktionskosten von nur einem Kilo Gemüse liegen bei zwölf Euro. Damit ist das Konzept in den Weltregionen, die die neuen Systeme am nötigsten bräuchten, wirtschaftlich sinnlos. Auch der Energiebedarf der vertikalen Farmen ist enorm. In angedachten DLR-Farm läge er bei mehr als 400.000 Kilowattstunden pro Jahr - so viel wie das stärkste Atomkraftwerk Deutschlands, Isar 2, in fünf Tagen produziert.

Solange sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, bleibt der Salat aus der Pflanzenfabrik eine spannende, aber zu kostspielige Angelegenheit. Der Massenmarkt muss wohl noch warten.