Geräte-Verschleiß Wege aus der Wegwerfgesellschaft

Bauen Firmen Produkte, die planmäßig kaputtgehen? Deutsche Forscher sind diesem Verdacht erstmals systematisch nachgegangen. Hier sind ihre Ergebnisse.
Elektroschrott-Friedhof am Rande von Peking: Bedenkliche Wegwerfmentalität

Elektroschrott-Friedhof am Rande von Peking: Bedenkliche Wegwerfmentalität

Foto: © Kim Kyung Hoon / Reuters/ REUTERS

Waschmaschinen, Handys und anderen Elektrogeräten wird oft nachgesagt, dass sie schnell kaputtgehen - vorzugsweise kurz nach Ablauf der Garantiezeit.

Der Umweltwissenschaftler Siddharth Prakash, 37, kennt dafür selbst viele Beispiele. "In meinem Freundeskreis klagen alle darüber", sagt er. Vor zweieinhalb Jahren begann der Forscher des Freiburger Öko-Institutes, dem Rätsel auf den Grund zu gehen.

Zusammen mit Kollegen der Universität Bonn fahndete er bei Staubsaugern und Fernsehern, Notebooks und Wasserkochern, insgesamt untersuchten sie mehr als ein Dutzend Gerätetypen. Stets hatten sie dabei einen unschönen Vorwurf im Hinterkopf: Arbeiten Hersteller bewusst und gezielt auf ein vorzeitiges Lebensende ihrer Produkte hin?

Spekulationen über solch "geplante Obsoleszenz" gibt es seit Langem, empirische Belege kaum. Um es gleich zu sagen: Auch Prakash und seine Mitstreiter fanden keine. Dafür drangen sie tief in die Psyche von Konsumenten und in die Arbeitsabläufe von Produzenten ein. Herausgekommen ist eine 308-seitige Studie, die zeigt, wie sich die Lebensdauer von Produkten vergrößern und die Wegwerfmentalität von Konsumenten verändern ließe.

Das Umweltbundesamt, Deutschlands zentrale Umweltbehörde und Auftraggeber von Prakash und seinen Kollegen, will die Ergebnisse nun am Montag veröffentlichen. SPIEGEL ONLINE liegt die vollständige Studie bereits vor.

Die Forscher gewannen zwei zentrale Erkenntnisse. Erstens: Verbraucher tauschen Produkte tatsächlich nach immer kürzerer Zeit aus. Die Lebensdauer von großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Kühlschränken verkürzte sich zwischen 2004 und 2012 im Schnitt von 14,1 auf 13 Jahre. Bei Notebooks sank sie zwischen 2005 und 2012 von 6 auf 5,1 Jahre. Diese Zahlen hatte das Umweltbundesamt bereits im März bekannt gegeben.

Nun machen die Forscher den zweiten Teil der Studie öffentlich: Konzerne planen demnach tatsächlich die Lebensdauer ihrer Waren. Zwar gibt es keine Hinweise, dass sie absichtlich Schwachstellen in Geräte einbauen. Sehr wohl aber analysieren Unternehmen die sich wandelnden Vorlieben von Verbrauchern und den technologischen Fortschritt. Auf der Basis solcher Daten kalkulieren sie, wie lange ein Gerät voraussichtlich im Gebrauch sein wird.

Bei der Produktion gilt dann: Die Geräte sollen so lange halten wie nötig - nicht so lange wie möglich. Es bringt schließlich nichts, ein Smartphone zu bauen, das 100 Jahre hält, wenn die meisten Verbraucher sich nach fünf Jahren ein neues kaufen, weil sie eine bessere Kamera oder mehr Speicherplatz wollen.

Aus Sicht der Firmen ist diese Produktionsstrategie verständlich; aus Sicht der Kunden ist sie problematisch. Die Verbraucher wissen ja nicht, wie lange ein Produkt halten wird, können sich beim Kauf also nicht daran orientieren. Maria Krautzberger, die Chefin des Umweltbundesamts, fordert mehr Transparenz. "Konzerne sollten, soweit möglich, die voraussichtliche Lebensdauer eines Geräts angeben", sagt sie. "Und zwar am besten in Nutzungsstunden, nicht in Jahren."

Noch wichtiger ist der Behördenchefin, dass Anreize geschaffen werden, Produkte länger zu nutzen. Denn der immer schnellere Austausch von Elektrogeräten hat verheerende Folgen für die Umwelt. Nach Angaben des Ökoinstituts wurden 2014 allein in Deutschland mehr als 24 Millionen Smartphones, sieben Millionen Tablets und acht Millionen Fernseher verkauft. Für Herstellung, Vertrieb, Gebrauch und Entsorgung solcher Geräte wird viel Energie benötigt, entsprechend hoch sind die CO2-Emissionen.

Prakash und seine Kollegen haben nun erste Strategien entwickelt, um die Nutzungsdauer von Elektrogeräten zu verlängern:

  • Zuvorderst empfehlen sie, Mindestanforderungen zu definieren, an denen sich Qualität und Haltbarkeit von kritischen Bauteilen und Komponenten messen lassen.
  • Zudem soll die Entwicklung von Messnormen und Standards für Bauteile und Geräte vorangetrieben werden.
  • Die Hersteller sollten für eine leichtere Reparierbarkeit sorgen. Nötig wären dafür ein freier Zugang zu Ersatzteilen und transparente Informationen für unabhängige und nicht herstellergebundene Reparaturbetriebe.
  • Akkus von Smartphones oder Notebooks sollten leicht durch den Nutzer selbst oder kostengünstig über einen Fachbetrieb ausgewechselt oder repariert werden können. "Nichts spricht für fest verbaute Akkus", sagt Prakash.
  • Denkbar wäre auch, über politische Vorgaben wie die Ökodesign-Richtlinie der EU festzuschreiben, wie lange Produkte mindestens fehlerfrei funktionieren müssen.

Bei der 2014 beschlossenen Staubsaugerverordnung  wurde das bereits umgesetzt: Ab kommenden September müssen Staubsaugermotoren mindestens 500 Stunden halten, der Schlauch muss mindestens 40.000 Schwenkungen unter Belastung überleben. Bereits 2013 zwang die EU-Kommission Hersteller von Notebooks zu genaueren Angaben über die Anzahl der möglichen Ladezyklen des Akkus .

Um den Wegwerfwahnsinn zu stoppen, müssten allerdings nicht nur die Politiker umdenken, sondern auch die Produzenten und Konsumenten. Es bräuchte mutige Gesetze, die den Kauf langlebigerer Produkte attraktiver machen; Konzerne, die auf einen Teil ihrer Profite verzichten und langlebige Geräte bauen; und Verbraucher, die nicht jedem neuen Techniktrend hinterherlaufen.

Ob das wirklich realistisch ist? Umweltexperte Prakash ist skeptisch. Für sein neues Notebook hat er kürzlich eine Zusatzversicherung abgeschlossen. Falls der Akku doch allzu früh den Geist aufgeben sollte.