Giftpflanze im Rucola Gestrüpp des Grauens

Der deutsche Rucola-Markt ist zusammengebrochen, nachdem in einer Plastikschale ein einzelner giftiger Stängel gefunden wurde: Bauern fürchten um ihre Existenz, der Entdecker der toxischen Pflanze ist bestürzt. Nur bei den Behörden tut sich wenig - sie wiegeln weiter ab.
Verdächtige Pflanze in Salatschale: Mit diesem Bild hat der Finder nach eigenen Angaben seine Entdeckung dokumentiert

Verdächtige Pflanze in Salatschale: Mit diesem Bild hat der Finder nach eigenen Angaben seine Entdeckung dokumentiert

Hamburg - Das ist es also, das Unkraut, das den Lebensmittelskandal des Sommers ausgelöst hat: ein einzelner, hellgrüner Stängel, so lang wie ein Daumen, aber wesentlich dünner, am Kopf eine gelbe Blüte. Er liegt in einer zerknitterten Plastikschale, gebettet auf 125 Gramm Rucola. Auf dem Deckel der Schale steht: "Vor Verzehr waschen / putzen".

Der Stängel im Rucola ist für manchen Landwirt in den vergangenen zwei Wochen zum Gestrüpp des Grauens mutiert, denn er gehörte dort definitiv nicht hinein. Am 4. August fand ihn Henrik Hauser* in einer Salatpackung einer Hannoveraner Plus-Filiale. Am 6. August wurde es als leberschädigendes Kreuzkraut identifiziert. Und inzwischen hat seine Entdeckung bundesweite Folgen: Politiker reden sich die Köpfe heiß, Verbraucherschützer informieren per Hotline über Risiken.

Rucola ist plötzlich aus vielen Läden verschwunden. Seit einer Woche kaufen große Handelsketten wie Tengelmann und Edeka, wie Rewe und Globus das Kraut kaum noch ein und drängen Bauern und Großvertriebe zu Maßnahmen gegen giftige Stängel im Kundensalat. "Der Markt ist zusammengebrochen", klagt der Deutsche Bauernverband. "Seit acht Tagen finden die Bauern kaum noch Abnehmer für Rucola."

Vor allem in Rheinland-Pfalz fürchten Landwirte deshalb, dass ihre komplette Raukeernte auf dem Feld verkümmert. Gut 600 Hektar werden bundesweit angebaut, mehr als die Hälfte davon in der Pfalz. "Hält der Boykott an, werden die Felder bald umgepflügt", sagt Joachim Ziegler, der die örtlichen Landwirte über Anbaumethoden berät. "Das ist billiger, als Pflanzen zu ernten, die keiner kaufen will." Schon jetzt sei den Bauern ein Schaden von einer halben Million Euro entstanden.

Existenzbedrohender Stängelskandal

Manche Bauern fürchten deshalb um ihre Existenz. In den vergangenen Jahren ist die dunkelgrüne Salatpflanze zur modischen Allzweckdekoration für Pizza, Pasta, Salate avanciert. Landwirte, die sich durch den Boom auf den Anbau des Modekrauts spezialisiert haben, trifft der Stängelskandal nun mit voller Wucht. "Mindestens acht große Höfe in der Pfalz stehen vor dem finanziellen Totalausfall", klagt Ziegler.

Den Mann, der das Kreuzkraut in der Salatpackung fand, lässt das nicht kalt. Er fühlt sich mitschuldig. "Das habe ich nicht gewollt", sagt Hauser. "Ich hätte mir nicht träumen lassen, was für Wellen das schlägt." Er sei selbst Landwirt, er wisse, wie hart Lebensmittelskandale seine Zunft treffen können. "Bauern, die sauber gearbeitet haben, geraten nun in Misskredit. Das haben die nicht verdient. Die Behörden hätten eher kontrollieren und aufklären müssen."

Mancher Kritiker wirft Hauser dagegen vor, er habe absichtlich versucht, einen Medienrummel zu verursachen. Er sei schließlich Mitglied im Arbeitskreis Kreuzkraut e.V. i.G. (AKKK), einer Bürgerinitiative, die gegen die Verbreitung aller Gattungen der giftigen Pflanze kämpft.

Hauser bestreitet das, er sagte, er habe am 4. August nur einkaufen gehen wollen. Er habe "Mohrrüben für seine Zwergkaninchen" gekauft. "Und Äpfel für das Pferd meiner Lebensgefährtin". Die gelbe Blüte im Rucola sei ihm im Gemüseregal "zufällig aufgefallen". Er habe die Schale dann gekauft, in verschweißtem Zustand mit dem Handy fotografiert und das Bild Sabine Jördens, der Gründerin des AKKK, per E-Mail geschickt.

Auch Jördens sieht sich nicht als Skandalverursacherin. "Dass nun pfälzische Bauern leiden, finde ich tragisch", sagt sie. Sie kämpfe nur dafür, dass die Kontrollen für giftige Kreuzkräuter verschärft werden. Jördens glaubt, dass ihre Stute Smarty durch solchen Pflanzen vergiftet wurde: "Das Pferd magerte aus unerklärbaren Gründen über Monate ab, zeigte Apathien und Bauchkrämpfe, schließlich musste es eingeschläfert werden." Seitdem betreibt sie eine Web-Seite, auf der sie über die Gefahren von Kreuzkräutern informiert.

Neue verdächtige Funde

Weil sie Expertin ist, informierte Jördens am 4. August das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) und die Lebensmittelüberwachung der Region Hannover über den Fund, und sie vermittelte Hauser ans Pharmazeutische Institut der Universität Bonn, zum Forscher Helmut Wiedenfeld. Der untersuchte die Rucolaprobe und fand darin nach eigenen Angaben mehr als 0,0025 Gramm Gift, das Zweieinhalbtausendfache der gesetzlich zulässigen Tageshöchstmenge. Wiedenfeld schickte den Befund zur Lebensmittelüberwachung der Region Hannover.

Inspekteure prüften 35 niedersächsische Plus-Filialen, fanden aber keine weiteren "Verunreinigungen". SPIEGEL ONLINE berichtete über den Stängelskandal, und Plus verbannte bundesweit Rauke aus den Regalen. Inzwischen lassen mehrere Großvermarkter ihren Rucola von unabhängigen Labors prüfen. "Dazu bieten wir Kunden an, Äcker vor Ort zu inspizieren", sagt Thomas Schlich, Vorstandssprecher des Pfalzmarkts, einem der größten regionalen Händler.

Aus Sicht der zuständigen Behörden ist die Art, wie der Kreuzkrautfund aufgeklärt worden ist, nicht gerade ideal gelaufen. Nils Meyer, Sprecher der Lebensmittelüberwachung in der Region Hannover, sagt, man hätte sich "als zuständige Behörde darüber gefreut, wenn wir die Probe zur amtlichen Untersuchung hätten schicken können".

Nun aber kennt die Behörde den Skandalstängel nur vom Foto, und es lässt sich nicht ausschließen, dass die Probe, die Bauern sechsstellige Verluste beschert, manipuliert wurde. Wiedenfeld verbittet sich diese Unterstellung. Er ist nach eigenen Angaben mit Prüfern im Gespräch, die weitere auf Kontamination mit Kreuzkraut verdächtigte Proben gefunden haben. "Der Fund in Hannover war kein Einzelfall", sagt er.

Behörden wollen an Kontrollen nicht rütteln

Die notleidenden Bauern stellen sich dennoch die Frage, ob da nicht ein paar giftige Blätter und Halme über Gebühr skandalisiert werden - und ob die Gesundheitsbehörde bei einer solch kleinen Menge nicht doch weniger forsch vorgegangen wäre als die Bürgeraktivisten. "Natürlich ist jedes giftige Blatt zu viel", sagt Bauernberater Ziegler. Die aktuelle Debatte aber sprenge jeden Rahmen. "Die Menschen haben ihren gesunden Menschenverstand verloren", betonte er am Dienstag gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Wiedenfeld dagegen hält die Diskussion für gerechtfertigt. "Für die Bauern, die finanzielle Einbußen machen, ist das tragisch", sagt er. Was aktuell passiere, könne jedoch immer wieder passieren, solange die Qualitätskontrolle bei Bauern, Händlern und Supermärkten weitgehend freiwillig geregelt seien. "Das Hauptproblem ist das staatliche Kontrollsystem", sagt er. Die Behörden haben es seit Jahren verpasst, etwas gegen die Verunreinigung von Salaten zu unternehmen.

Tatsächlich wurde schon 2007 in einer abgepackten Salatmischung Kreuzkraut entdeckt. Das BfR überprüfte den Fall seinerzeit und bestätigte, dass "Greiskraut bei Mensch und Tier lebensbedrohliche Leberschäden verursachen kann". Konsequenzen hatte das nicht. Weder verschärfte der Staat die Kontrollen, noch verdonnerte er die Bauern und Händler zu strengeren Qualitätschecks.

Doch wie genau funktionieren die Qualitätschecks? Das BfR sagt, Kräuterkontrollen seien Ländersache. Die Lebensmittelüberwachung der Region Hannover gibt an, im Abstand von zehn Jahre alle Erzeuger in der Region zu überprüfen. Zusätzlich inspiziert die Behörde über die Probenbörse Niedersachsen einzelne Stichproben geht akuten Verdachtsfällen nach. Das BfR rät Verbrauchern zudem, Salat "vor dem Verzehr gut putzen und waschen" und Grünzeug aussortieren, das "keinen essbaren Pflanzen zugeordnet werden kann".

Wiedenfeld hält dieses System für verbesserungswürdig. "Behörden sollten prüfen, wie die Kontrollen gegen Kreuzkraut verbessert werden können", sagt er. Das sei der Kern des Problems. "Stattdessen verlieren jetzt Bauern Geld, und der eigentliche Skandal wird auf den Äckern mit untergepflügt."

Der Skandalstängel, mit dem alles begann, existiert bereits nicht mehr. Er wurde bei der Analyse in Wiedenfelds Labor in Alkohol zersetzt und ist jetzt eine Lösung in einem Reagenzglas. Er wird wohl bald vergessen sein - zumindest, bis das nächste Mal jemand gelbe Blüten in seinem Salat findet.


*Name von der Redaktion geändert

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