Schmähpreis "Goldener Windbeutel" für Lebensmittel Täuschen, tricksen, in die Irre führen

Bei Werbung mit glücklichen Tieren oder gesunden Lebensmitteln wird oft geschummelt, beklagt Foodwatch. Mit fünf Produktnominierungen für den Schmähpreis "Goldener Windbeutel" will die Organisation darauf aufmerksam machen.
Die Windbeutel-Nominierungen: "Grünländer Käse" von Hochland, "Be-Kind Proteinriegel" von Mars, Bio-"Weidemilch" von Arla, Fruchtaufstrich "50% weniger Zucker" von Zentis und der "Volvic Bio Rooibos Tee" von Danone Waters

Die Windbeutel-Nominierungen: "Grünländer Käse" von Hochland, "Be-Kind Proteinriegel" von Mars, Bio-"Weidemilch" von Arla, Fruchtaufstrich "50% weniger Zucker" von Zentis und der "Volvic Bio Rooibos Tee" von Danone Waters

Foto: Foodwatch

Drei große Trends bestimmen unsere Ernährung derzeit - sie soll möglichst gesund, praktisch und dabei nachhaltig sein. Von den rund 40.000 neuen Lebensmittelprodukten, die jedes Jahr auf den Markt kommen, werden daher immer mehr genau so vermarktet: als CO2-Senker, als Protein-Knaller oder als gesunder Riegel für zwischendurch.

Dass das oft mehr Schein als Sein ist, will die Verbraucherorganisation Foodwatch mit ihren Nominierungen für den Schmähpreis "Goldener Windbeutel" deutlich machen, die dem SPIEGEL vorliegen. Die fünf Produkte, die es in die Endauswahl für die "dreisteste Werbelüge des Jahres" geschafft haben, loben sich zwar als besonders klimaschützend, tierfreundlich oder zuckerarm aus. Doch dabei würden Verbraucher "getäuscht oder abgezockt", sagt Manuel Wiemann von Foodwatch. "Die Ernährungsindustrie nutzt den Wunsch der Menschen nach nachhaltigen oder gesunden Produkten schamlos aus."

Konsumenten können über Kandidaten abstimmen

Um auf derartige Verbrauchertäuschung hinzuweisen, lobt Foodwatch nun im zehnten Jahr den Negativpreis aus. Bis zum 6. September können Verbraucherinnen und Verbraucher über die fünf Kandidaten online abstimmen : Darunter sind die haltbare "Weidemilch" von Arla, der "Be-Kind Proteinriegel" von Mars, der "Grünländer Käse" von Hochland, der Fruchtaufstrich "50% weniger Zucker" von Zentis und der "Volvic Bio Rooibos Tee" von Danone Waters. Das Produkt mit den meisten Stimmen wird den "Goldenen Windbeutel" erhalten.

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Die fünf Kandidaten für den "Goldenen Windbeutel"

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Ausgewählt hat Foodwatch die Windbeutel-Kandidaten vor allem aus den mehr als 200 Einsendungen auf der eigenen Beschwerdeplattform "Schummelmelder ": Über die vergangenen zehn Monate haben Konsumenten dort Produkte eingereicht und für die diesjährige Wahl vorgeschlagen. Vier der fünf Windbeutel-Kandidaten hat Foodwatch aus dieser Plattform ausgewählt, einen hat die Organisation selbst vorgeschlagen.

Das Hauptkriterium bei der Auswahl ist dabei eine möglichst große Bandbreite. "Wir wollen zeigen: Täuschung macht vor niemandem halt, auch nicht vor Bio- oder Gesundheitsprodukten", sagt Wiemann. Nicht nur Ökohersteller, auch viele konventionelle Produzenten sind inzwischen auf den Bio- und Gesundheitstrend aufgesprungen und wollen an diesem wachsenden Markt teilhaben. Die Foodwatch-Nominierungen zeigen: Nicht immer sind diese Produkte Klimaretter und Fettsenker.

Das Problem: unscharfe Gesetze

Das zeigen auch die Preisträger der vergangenen Jahre, darunter der Trinkjoghurt Actimel von Danone, die Milch-Schnitte von Ferrero und die überzuckerte Kinder-Tomatensauce vom Biohersteller Zwergenwiese. Als erster Hersteller nahm Zwergenwiese den "Goldenen Windbeutel" entgegen und kündigte an, die Rezepturen seiner Kinderprodukte zu überarbeiten.

An dem Problem hinter den "Werbelügen" hat sich leider wenig geändert. Denn die bestehenden Gesetze seien unscharf und nicht weitreichend genug, kritisiert Foodwatch. Obwohl das EU-Lebensmittelrecht Täuschung allgemein verbiete, könnten Hersteller mit falschen Aussagen ihre Produkte flächendeckend bewerben.

Winzige Schrift, Druck auf durchsichtiger Folie

Mal fehlten entscheidende Informationen auf Verpackungen, mal seien sie irreführend oder unleserlich. "Im Fall des Be-Kind-Riegels von Mars etwa ist die Schrift so klein, dass man sie kaum lesen kann. In anderen Fällen drucken Produzenten dunkelblaue Schrift auf hellblauen Untergrund. Oder gleich auf durchsichtige Folie - mit dem darunter sichtbaren Produkt kann man sie dann nicht mehr lesen." Aber all das sei legal: Vorgeschrieben sei nur eine bestimmte Schrift-Mindestgröße, und die sei nicht einmal ausreichend, sagt Wiemann. Die Firma Mars nahm zu den Vorwürfen nicht Stellung. "Laut EU-Recht ist Täuschung verboten, aber unsere Beispiele zeigen, dass dem de facto nicht so ist", so Wiemann.

Der Rooibos-Tee von Danone Waters steht dagegen für irreführende Mengenangaben: Nur 0,26 Prozent Rooibos-Aufguss seien darin enthalten, 92 Prozent seien aromatisiertes Mineralwasser, hat Foodwatch herausgefunden. "Die Menge der beworbenen Zutaten muss vorne draufstehen", fordert Wiemann. Sonst sei das irreführend, was wiederum verboten ist. Aber laut Lebensmittelinformationsverordnung reichen die Angaben im Kleingedruckten. Danone Waters äußerte sich zu den Vorwürfen nicht.

"Unehrliche" Produktvorderseite: die Arla-"Weidemilch"

Auch die Arla-"Weidemilch" sei ein Beispiel für eine "unehrliche" Produktvorderseite: "-71 Prozent CO2" steht vorne drauf - wobei nur an der Produktseite erklärt wird, dass sich das nur auf den Getränkekarton bezieht. Die macht aber nach Angaben des Instituts für Energie- und Umweltforschung (Ifeu) nur 2,5 Prozent der Emissionen dieser Milchpackung aus, der Großteil entfällt auf die Milch selbst. Bezogen auf die gesamte Treibhausgasbilanz einer durchschnittlichen H-Bio-Vollmilch ergibt diese CO2-sparende Verpackung nur eine Emissionsminderung um nicht einmal zwei Prozent, schreibt Foodwatch. Auch die Arla Foods Molkereigenossenschaft war nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Der "Grünländer Käse" von Hochland verspricht dagegen mehr Tierwohl, als er hält: Während der Aufdruck "Milch von Freilaufkühen" saftige Wiesen suggeriere, stehen die Kühe für diesen Käse im Stall, wie Hochland aber nur auf der Verpackungsrückseite angibt. Dort sind sie also nicht angebunden, daher die "Freilauf"-Vermarktung. Der Begriff sei aber frei erfunden und nicht rechtlich definiert, kritisiert Foodwatch. Hochland verstoße damit gegen Artikel 16 der EU-Basisverordnung für Lebensmittelrecht, nach dem "Werbung und Aufmachung von Lebensmitteln (…) die Verbraucher nicht irreführen" dürfen.

Hochland wehrt sich gegen die Vorwürfe: "Darauf, dass sich der Begriff "Freilaufkühe" auf im Stall gehaltene Kühe bezieht, weisen wir transparent auf der Verpackungsrückseite hin. (...) Auf keinem Werbemittel wird gezeigt oder erwähnt, dass sich die Kühe außerhalb des Stalles, z. B. auf einer Weide, bewegen können. Wir halten den Begriff 'Freilaufkühe' daher nicht für irreführend", schreibt eine Sprecherin auf Anfrage.

Der fünfte Kandidat, der Fruchtaufstrich "50% weniger Zucker" von Zentis, fällt dagegen eher in die Kategorie Preisschummel: Zwar hält das Produkt sein Gesundheitsversprechen - 50 Prozent weniger Zucker im Fruchtaufstrich. Den weggefallenen Zucker habe Zentis Foodwatch zufolge aber durch Wasser ersetzt - und das Produkt dafür doppelt so teuer gemacht. Dieser satte Aufpreis werde aber nur bei sehr genauem Hinsehen deutlich.

Zentis dementiert die Vorwürfe nicht, verweist aber auf erhöhte Herstellungskosten: Zucker sei als Geschmacksträger, zur Bindung und Konservierung von Fruchtaufstrichen zentral. Um diesen zu ersetzen, sei die Rezeptur verändert worden: "Dies führt zu erhöhten Herstellungskosten", schreibt Zentis. Außerdem führe die Zuckerreduktion zu kürzeren Mindesthaltbarkeitsdaten, was wiederum kleinere Produktionsmengen und mehr Logistikaufwand bedeute. "Das führt zu höheren Kosten in Produktion und Transport", schreibt die Firma.

Auch der NutriScore hat bislang wenig bewirkt

Mit ihrer Initiative "Klarheit und Wahrheit" habe die Bundesregierung das Problem zwar schon 2011 anerkannt, aber bessere Gesetze oder flächendeckenden Schutz gebe es bis heute nicht. "Deswegen fordern wir Bundesernährungsministerin Klöckner im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auf, sich für die fehlenden Gesetze einzusetzen", sagt der Verbraucherschützer.

Auch die Lebensmittelampel "NutriScore" hat an der Situation bisher wenig geändert. Nachdem die Industrie mit Unterstützung von Julia Klöckner lange versucht hatte, ein unübersichtliches Format durchzusetzen, setzte sich am Ende zwar der NutriScore durch. Dieser zeigt an, wie viel Zucker oder Fett ein Produkt enthält. Doch der NutriScore bleibt für die Unternehmen nicht nur freiwillig, sondern droht aktuell auch verwässert zu werden.

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