Corona-Isolation Briten spüren Abhängigkeit von EU-Lebensmitteln

Hamsterkäufer an der Gemüsetheke, rationierte Waren bei Tesco: Nach der Corona-Abschottung drohen Großbritannien Engpässe. Vor Ende der Brexit-Frist fragt sich das Land, wie angewiesen es auf EU-Lebensmittel ist.
Leere Regale in einem Sainsbury's-Markt in London am Dienstag

Leere Regale in einem Sainsbury's-Markt in London am Dienstag

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FACUNDO ARRIZABALAGA/EPA-EFE/Shutterstock

Ältere Berliner kennen noch die Luftbrücke. Jene Monate 1948/49, in denen die Westsektoren der Stadt per Flugzeug versorgt werden mussten.

Einen zumindest kleinen Eindruck davon haben nun vielleicht die Menschen in Großbritannien, das wegen der Corona-Mutation tagelang von der Europäischen Union isoliert war. Auch ein Frachtflugzeug kommt zum Einsatz: kein Rosinenbomber, sondern eine Boeing 777 der Lufthansa, vollgepackt mit frischem Obst und Gemüse, das dort binnen weniger Tage zur Mangelware geworden ist.

Um die Regale in britischen Supermärkte noch vor Weihnachten mit Salat oder Blumenkohl zu befüllen, startete sie mit 80 Tonnen Obst und Gemüse an Bord ins Vereinigte Königreich. Ziel: der Flughafen Doncaster Sheffield in Mittelengland.

Boeing 777 der Lufthansa: Obst und Gemüse für Großbritannien

Boeing 777 der Lufthansa: Obst und Gemüse für Großbritannien

Foto: Oliver Roesler / dpa

Die bisherigen Warenströme zwischen der EU und Großbritannien kamen in weiten Teilen zum Erliegen, nachdem Frankreich wegen einer in Großbritannien aufgetretenen und besonders ansteckenderen Corona-Mutation die Grenze geschlossen hatte.

Viele Speditionen sagten ihre Touren komplett ab, noch vor Ablauf der Brexit-Frist am 31. Dezember drohen plötzlich Versorgungsengpässe. Für die, die bereits da sind, geht seit Tagen nichts mehr.

Tausende Lkw-Fahrer sitzen in Südostengland fest, auch mit verderblichen Gütern. Inzwischen sollen Trucker mit negativem Coronatest wieder passieren dürfen, doch für viele geht es immer noch nicht voran.

Die Lufthansa stellt sich angesichts dessen bereits auf weitere Flüge ein. »Lufthansa Cargo prüft derzeit, ob in den nächsten Tagen weitere zusätzliche Frachtflüge angeboten werden können«, hieß es. Möglicherweise könne auch ein regulärer Flug genutzt werden. »Dies könnte mit einem Frachter sein, wir prüfen aber auch, ob wir Passagierflugzeuge nur für Frachtflüge einsetzen können.«

In dieser Lage drohen bei einem endgültigen Scheitern der Brexit-Gespräche den Briten noch größere Probleme. Das Land fragt sich nun: Wie abhängig ist Großbritannien von den Lebensmitteln aus der Europäischen Union?

Die Briten selbst haben diese Frage dieser Tage mitunter für sich an der Supermarktkasse beantwortet – und legen Vorräte für schlechte Zeiten an. Der Einzelhandelsriese Tesco sah sich wegen der Hamsterkäufer bereits gezwungen, Toilettenpapier, Eier, Reis oder Seife zu rationieren.

Handelsverbände warnen, dass manche frischen Produkte spätestens nach Weihnachten in britischen Supermärkten knapp werden könnten. Rund ein Drittel aller in Großbritannien verzehrter Lebensmittel komme aus der EU, stellte der Sender BBC  unter Berufung auf den Handelsverband BRC fest. Fast die Hälfte des frischen Gemüses und der Großteil des Obsts werde importiert, besonders im Winter, wenn in Großbritannien selbst nur wenig wachse, sei man auf Einfuhren angewiesen.

Da ist es eine gute Nachricht für Großbritannien, dass ein Handelspakt mit der EU nach Angaben aus London zumindest in greifbare Nähe gerückt ist. Womöglich könne es eine Einigung sogar schon am Mittwochabend geben, hieß es aus britischen Regierungskreisen. Der Streit über faire Wettbewerbsbedingungen soll geklärt sein, und auch beim zweiten Knackpunkt Fischerei ist man offenbar sehr nahe.

apr/dpa
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