Geflügelfleisch Antibiotikaresistente Keime auf jedem zweiten Discounter-Hähnchen

Die Zahl antibiotikaresistenter Keime wächst, auch bei Lebensmitteln. Ein Test von Germanwatch zeigt: Auf jeder zweiten Probe von Hähnchenfleisch aus dem Discounter sind resistente Erreger zu finden.

Masthähnchen im Stall
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Masthähnchen im Stall

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Wie problematisch ist Hähnchenfleisch vom Discounter? Die Umweltorganisation Germanwatch hat Testkäufer in 60 Discounterfilialen in ganz Deutschland geschickt, um bei Aldi, Lidl, Netto, Penny und Real Hähnchenfleisch zu kaufen. Darunter waren ganze Hähnchen, Schenkel und Flügel, Filets, Schnitzel und Ministeaks, tiefgekühlt oder aus dem Kühlregal. Vom Laden schickten sie die Proben als Kühlpaket direkt in das Labor für pharmazeutische Mikrobiologie der Universität Greifswald.

Die Ergebnisse der Untersuchung sind unappetitlich.

Auf mehr als der Hälfte der Proben fanden die Wissenschaftler Keime, die resistent sind gegen Antibiotika. Jedes dritte Hähnchen war mit Erregern belastet, die Resistenzen gegen sogenannte Reserveantibiotika haben. In der Stichprobe verkaufte keiner der fünf größten Discounter ausschließlich unbelastetes Fleisch. Auf Anfrage verweisen die Unternehmen auf die Verantwortung der Lieferanten, die alle nach dem QS-Prüfsystem zertifiziert seien. Da es sich ausschließlich um abgepackte Ware handelt, dürften die Keime wohl tatsächlich schon im Stall oder bei der Schlachtung auf das Fleisch gelangt sein.

Resistente Keime - Übersicht nach Discountern

Discounter Anzahl Proben Carbapenemresistente Keime Colistin-Resistenz 3MRGN MRSA ESBL belastete Proben in %
Lidl 12 3 0 2 0 2 33
Netto 12 4 0 1 1 0 58
Real 12 4 0 1 0 0 33
Aldi 12 4 2 1 2 1 75
Penny 11* 3 2 6 2 0 82

* Eine Probe beschädigt und nicht untersucht

Quelle: Germanwatch

Dabei zeigt sich auch, dass es auch keinen wesentlichen Unterschied macht, welcher Geflügelkonzern das Fleisch geliefert hat. Markennamen wie "Landjunker", "Gut Ponholz" oder "Meine Metzgerei" stehen ohnehin nur auf den Etiketten, dahinter stecken meist Geflügelkonzerne mit Großställen und großen Schlachthöfen. Die untersuchten Proben stammen alle von einem der vier umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland: Die für ihre Marke "Wiesenhof" bekannte PHW-Gruppe, Rothkötter ("Landgeflügel"), Plukon Deutschland ("Friki") und die Sprehe Gruppe. Bei jedem der Unternehmen fanden die Wissenschaftler im Labor antibiotikaresistente Keime, jeweils waren zwischen 50 und 100 Prozent der Fleischproben belastet.

Resistente Keime - Übersicht nach Fleischkonzernen

Konzern Anzahl der Proben Carbapenem-resistente Keime Colistin-Resistenz 3MRGN MRSA ESBL belastete Proben* in % Markennamen für Fleisch von diesem Konzern**
PHW-Gruppe 32 10 2 2 1 2 53 Wiesenhof, Tip, Frisch vom Hähnchen, Gut Ponholz, Landjunker, Landküche, Meine Metzgerei, Mühlenhof, Anhaltische Geflügelspezialitäten, Burgland, Feine Landküche, Jack's Farm
Sprehe Gruppe 3 1 1 0 0 1 100 Sprehe, Mühlenhof, Gräfendorfer
Plukon Deutschland 12 4 2 9 0 2 92 Gourmeat, Gut Ponholz, Landjunker, Landmark, Meine Metzgerei, Mühlenhof
Rothkötter-Gruppe 12 3 0 1 2 0 50 Gut Ponholz, Landjunker, Meine Metzgerei

* Mehrfachbefunde auf einer Probe möglich; ** nicht differenziert nach Kontaminationen

Quelle: Germanwatch

Eine SPIEGEL-Anfrage bei den vier Unternehmen beantwortet der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG). Auf die konkreten Ergebnisse ging der ZDG nicht ein, sondern erklärte, dass es sich die Geflügelwirtschaft zur Aufgabe gemacht habe, "den Einsatz von Antibiotika so weit wie möglich zu reduzieren". Die Mittel würden "ausschließlich bei medizinischer Notwendigkeit und somit nach tierärztlicher Diagnose und Verschreibung" verabreicht.

Die Agrarexpertin von Germanwatch, Reinhild Benning, sieht das anders: "Die Antibiotikaresistenzen werden erst dann sinken, wenn die Bundesregierung das systembedingte Tierleid stoppt und Reserveantibiotika in Tierfabriken verbietet." Benning wirft Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in diesem Punkt Totalversagen vor.

Die Germanwatch-Untersuchung mag keine umfassende, repräsentative Erhebung sein. Das Ziel der Organisation war es, wie ein durchschnittlicher Verbraucher einzukaufen und zu zeigen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, Fleisch mit antibiotikaresistenten Keimen zu kaufen.

Für Verbraucher stellen die Keime keine Gefahr dar, wenn Sie ein paar Dinge beachten. Sie sollten beim Kauf darauf achten, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wird und das Hähnchenfleisch getrennt von anderen Lebensmitteln aufbewahren. Küchengeräte sollten nach der Zubereitung gründlich mit heißem Wasser abgewaschen werden und das Fleisch muss bis in den Kern erhitzt werden: Nach zehn Minuten bei 70 Grad Celsius sind die meisten gefährlichen Keime abgetötet.

Beunruhigend sind bei der Untersuchung vor allem jene Erreger, die gegen das Antibiotikum Colistin und die Wirkstoffklasse der Carbapeneme resistent sind. Beide sind sogenannte Reserveantibiotika, die Ärzte nur bei bestimmten Indikationen verschreiben dürfen, unter anderem, weil sie starke Nebenwirkungen haben. Sie werden auch als letztes Mittel benötigt, falls ein Patient bereits multiresistente Keime trägt, was zunehmend der Fall ist.

Tierhalter setzen Reserveantibiotika in großer Menge ein

In der Tierhaltung wird Colistin dagegen immer wieder eingesetzt, dort sind die Nebenwirkungen leichter zu ignorieren. Nierenschäden sind bei der Schnellmast, in der Hähnchen in knapp fünf Wochen ihr Schlachtgewicht erreichen, offenbar nebensächlich.

Die Laboruntersuchung hat Katharina Schaufler an der Universität Greifswald durchgeführt. Die Ergebnisse haben sie nicht überrascht: "In der Tiermast wird Colistin in großer Menge eingesetzt, es ist kein Wunder, dass wir in einigen Proben Resistenzen gefunden haben." Auch die multiresistenten Keime, gegen die mehrere unterschiedliche Antibiotika wirkungslos sind, werden in Ställen und auf Fleisch immer häufiger nachgewiesen.

Weniger leicht lassen sich die Resistenzen gegen Carbapeneme erklären, der Einsatz dieser Antibiotika ist in der Nutztierhaltung in Europa verboten. Auch wenn der Nachweis beunruhigend ist, müssen Verbraucher noch keine Angst davor haben, sich eine Krankheit einzufangen, die mit Antibiotika nicht mehr zu behandeln ist, sagt Schaufler: "Die gegen Carbapeneme resistenten Keime verursachen nicht unbedingt eine Krankheit".

Eine genaue Analyse der genetischen Grundlage war allerdings nicht Teil der Untersuchung.

Antibiotika-E insatz in Deutschland doppelt so hoch wie in Dänemark

Problematischer ist die insgesamt wachsende Zahl an multiresistenten Keimen wie dem Krankenhauskeim MRSA. Diese resistente Staphylokokkenart kann, wenn sie über Wunden in den Körper gelangt, Infektionen auslösen, die schwer zu bekämpfen sind. Ähnlich gefährlich sind die multiresistenten gramnegativen Stäbchenbakterien (MRGN), die Resistenzen gegen mehrere Antibiotikaklassen tragen. Gegen die in elf Hähnchenfleischproben gefundenen 3MRGN sind drei Antibiotika weitgehend wirkungslos. In drei Proben wiesen die Wissenschaftler zudem ESBL-bildende Bakterien nach. Sie produzieren Enzyme, die resistent gegen verschiedene Antibiotika werden können.

Als Grund für das vermehrte Aufkommen dieser Resistenzen ist unter anderem der großflächige Einsatz von Antibiotika in der Intensivtierhaltung verantwortlich, egal ob es sich dabei um Rinder, Schweine oder Geflügel handelt. Der Geflügelwirtschaftsverband betont in seiner Stellungnahme zwar, dass der Einsatz der Reserveantibiotika von 2014 bis 2017 zurückgegangen sei. Was der Verband aber nicht schreibt: Im zweiten Halbjahr 2017 wurden bei Masthühnern und Mastputen wieder mehr Antibiotika verabreicht.

Germanwatch-Expertin Benning weist zudem darauf hin, dass der Antibiotika-Einsatz mit rund 98 Milligramm je Kilogramm Nutztier in Deutschland deutlich höher liegt als in vergleichbaren Ländern wie Dänemark (42 Milligramm) oder den Niederlanden (64 Milligramm). Außerdem würden in Europa 40 Prozent der Antibiotika, mit denen ganze Herden behandelt werden, als Vormischungen für medizinische Futtermittel verkauft - wie viel das genau ist, wisse selbst die zuständige Behörde in Deutschland nicht.

Stichproben aus Ökobetrieben ohne resistente Keime

"Mit dem unkontrollierten Untermischen von Antibiotika muss Schluss sein", sagt Benning und verweist auf die zentralen Forderungen von Germanwatch an die Bundesregierung: Eine Zwangsabgabe auf Veterinär-Antibiotika, damit die Mittel teurer werden als Tierschutzmaßnahmen, eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für die Haltungsbedingungen, damit Verbraucher wissen, woher ihr Fleisch stammt sowie ein Verbot von Reserveantibiotika auf allen Ebenen der Intensivtierhaltung, auch in Brütereien und Zuchttierhaltungen.

Der Geflügelverband weist eine pauschale Verantwortung der eigenen Branche zurück, schließlich gehörten resistente Bakterien "nach Jahrzehnten des Antibiotika-Einsatzes bei Mensch und Tier zur Umwelt des Menschen" und treten deshalb auch in der Lebensmittelkette auf. Wenn resistente Erreger auf Hähnchenprodukten gefunden würden, sei das "nicht gleichzusetzen mit dem Einsatz dieser Antibiotika in dem jeweiligen Tierbestand". Das von Germanwatch gekaufte und untersuchte Hähnchenfleisch stammte aus industrieller Fleischerzeugung der Haltungsziffern 1 und 2, also der klassischen Massentierhaltung nach den gesetzlichen Vorgaben oder leicht darüber.

Zum Vergleich kaufte Germanwatch aber auch bei elf Hofschlachtereien ein - bei dem Fleisch aus handwerklicher Schlachtung konnte das Labor nur in einem Fall MRSA-Keime nachweisen. Bei den sechs Proben von Ökobetrieben wurden überhaupt keine antibiotikaresistenten Erreger gefunden.

Im Video: Superkeime - Multiresistente Erreger

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hup 16.04.2019
1. Das ist erst mal nicht schön - aber ist es tatsächlich gefährlich?
Wieviele Menschen wurden durch die antibiotikaresistenten Keime infiziert, und wieviele davon konnten dann nicht mit anderen Antibiotika dennoch behandelt werden? Sprich ist das tatsächlich gesundheitlich relevant, oder nur ein Indikator für schlampige Arbeit in Tierhöfen, welche die Qualität absenkt? Huhn wird bei uns nie roh gegessen, das heisst das nur das Handling wirklich problematisch sein kann, weniger der Verzehr. Wenn hier echte Risiken exisiteren, dann sollten die erfassbar sein und berichtet werden, so ist das alles etwas theoretisch. Als Gegenbeispiel kann man abgepackte Getreideprodukte anführen, die oft von Bioanbietern stärker belastet sind als konventionell. Warum? Weil sie eben nicht mit Konservierungsstoffen haltbar gemacht werden und die Verweilzeiten (Umsatz) der Produkte im Laden oft wesentlich größer sind und sich Pilze und Keime so erst entwickeln können. Es ist eben nicht immer so, dass etwas wo "Bio" draufsteht tatsächlich insgesamt weniger belastet ist. Aber wir werden von Begriffen wie "Chlorhähnchen" abgeschreckt, obwohl das eine funktionierende Methode ist Geflügelprodukte zu entkeimen - und schmecken tut man das Chlor nicht, weil es natürlich wieder abgespült wird. Auch eine kurze massive Bestrahlung ist eine gute Möglichkeit Tier- und Pflanzenprodukte (ohne Konservierungsstoffe) keimfrei zu machen - auch das wollen wir nicht, obwohl natürlich keine "Strahlen" oder sonstige Radioaktivität zurückbleibt im bestrahlten Produkt. Wenn man das nicht will und das Hänchen weiter bezahlbar bleiben soll, dann wird man mit Keimen (auch wenn man das reduzieren kann) wohl leben müssen... Ein Verbot von Reserveantibiotika sollte allerdings so schnell wie möglich durchgesetzt werden, es ist absurd etwas "Reserve" zu nennen, wenn es dennoch industriell ständig im großen Maßstab eingesetzt wird.
bad sind 16.04.2019
2. Gier frisst Verstand, die Politik schaut zu.
Gier frisst Verstand, die Politik schaut zu.
klarafall 16.04.2019
3. Kontrolle fehlt
Als Wissenschaftler klopft man solche Meldungen immer sofort auf Plausibilität und Vollständigkeit ab. Und da sieht man: die allerwichtigste Kontrolle fehlt, nämlich der Vergleich mit Hähnchen vom "normalen" Metzger statt vom "Discounter". Das Problem ist: ohne diese Kontrolle ist die Aussage des Artikels vollkommen wertlos.
enforca 16.04.2019
4. Verantwortung
Die Verantwortung liegt bei den Politikern. Sie müssen endlich dafür Sorge tragen, dass Tiere vernünftig und gehalten und gefüttert werden. Die Menschen raffen mal wieder gar nicht, was für einen giftigen Dreck man ihnen verkauft und solange es billig ist, ist´s ihnen auch egal.
pizzerino 16.04.2019
5. Und sowas findet eine "Umweltorganisation" heraus?
Warum nicht die zuständige Behörde? Wie lautet deren Stellungnahme? Ist jetzt hier Katastrophe oder Panikmache? Sorry wenn ich hier so dumm frage, aber schließlich sterben wir ja auch alle zwei Jahre vor der Zeit an schlechter Luft. Ob wegen oder obwohl weiß ich nicht, so langsam blicke ich nicht mehr durch.
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