Hamsterkäufe Der Klopapierkomplex

Der Kassen-Kampf ums Klopapier erregt die deutschen Gemüter. Zahlen von Marktforschern zeigen das Ausmaß der Hamsterkäufe - auch von anderen Produkten.
Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Klopapier hat in den vergangenen Wochen eine erstaunliche Karriere hingelegt. Lange kaum mehr als eine tägliche Notwendigkeit, wurde es zu einem kuriosen Symbol dafür, wie das Coronavirus unser Leben umkrempelt.

Der Kampf um letzte Packungen im Supermarkt lässt an der Ladenkasse so manchen aus der Rolle fallen. Es gibt Manager, die ihren Absatz mit dem Abverkauf von Klopapier vergleichen - und Spötter, die den Namen der gefährlichen Lungenkrankheit, die das Virus auslöst, als Klovid-19 verballhornen. Unter Hamsterkäufern gilt das Klopapier offenbar als Krönung des Einkaufs, zugleich rümpfen Kritiker wie bei kaum einem anderen Produkt die Nase über ausgiebige Vorratshaltung.

Diese gefühlte Realität vom Kassen-Kampf ums Klopapier wird inzwischen durch Zahlen gestützt. Das Marktforschungsinstitut Nielsen  hat ermittelt, wie sich der Absatz von einzelnen Artikeln in der Coronakrise gesteigert hat. Dieser Auswertung digital verfügbarer Kassendaten des Einzelhandels zufolge stieg die Nachfrage in den vergangenen Wochen extrem.

Beim Toilettenpapierabsatz gab es in mancher Januarwoche demnach zwar noch leicht niedrigere Absätze als in der entsprechenden Vorjahreswoche, womöglich war vom Weihnachtseinkauf 2019 noch ein wenig übrig. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Nordrhein-Westfalen lag der Absatz in einer Woche jedoch um 76 Prozent, in den beiden folgenden dann um 118 Prozent und um 99 Prozent über den Werten der jeweiligen Vorjahreswochen.

Noch größer war laut Erhebung der Absatz von Desinfektionsmittel. Er lag zum Zeitpunkt des Ausbruchs der Pandemie in Westdeutschland in einer Woche stolze 467 Prozent über dem Wert der Vorjahreswoche. In den darauffolgenden Wochen konnte das Produkt weniger stark zulegen - womöglich auch, weil es in vielen Drogerie- und Supermärkten ausverkauft war oder rationiert abgegeben wurde.

Bierabsatz stagniert trotz Krise

Auch andere Produkte wurden der Auswertung zufolge verstärkt abgesetzt - ob Mehl, Trockensuppen oder Tiefkühlkost. Zeitlich fielen die Absatzzuwächse mit der ersten Meldung im Basisdienst der Nachrichtenagentur dpa über Hamsterkäufe zusammen. Die Agentur sendete sie am 28. Februar, auch der SPIEGEL griff sie auf. Ob die fortan mediale Präsenz des Themas die Verkäufe noch verstärkt hat, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.

"Die Leute wollen auf der sicheren Seite sein", sagt Martin Fassnacht von der WHU-Wirtschaftshochschule in Düsseldorf - und zeigt Verständnis für die Hamsterkäufer: "Toilettenpapier, Nudeln und Desinfektionsmittel, das ist in gewissem Maß alles sinnvoll, auch wenn sich manche darüber lustig machen." Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät ebenfalls zu Vorräten .

Die höheren Absätze spiegeln sich auch in Daten des Statistischen Bundesamts wider. In einer Sonderauswertung  wird ein Vergleich zum Absatzdurchschnitt der vorherigen sechs Monate gezogen. In der zwölften Kalenderwoche (16. bis 22. März) stellten die Statistiker dabei eine mehr als dreimal so hohe Nachfrage an Toilettenpapier fest. Auffällig bei diesen amtlichen Daten war der stagnierende Bierabsatz - trotz Krise und Quarantäne scheinen die Deutschen nicht mehr Bier gekauft zu haben, manchem Klischee zum Trotz. Nudeln und passierte Tomaten konnten dagegen stark zulegen.

Drogeriemarkt in Düsseldorf: "Die Leute wollen auf der sicheren Seite sein"

Drogeriemarkt in Düsseldorf: "Die Leute wollen auf der sicheren Seite sein"

Foto: Jochen Tack/ imago images

Umfrage: Jeder dritte Deutsche hamsterte

Für den Einzelhandel könnten die Hamsterkäufe aber durchaus zu Schwierigkeiten führen, sagt Fassnacht. "Die hohen Umsätze bei bestimmten Produkten jetzt werden den Unternehmen später fehlen, denn es handelt sich um vorgezogene Käufe von haltbaren Artikeln." Und die sind durchaus umfangreich: Einer Umfrage des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH)  zufolge vergrößerte in der zwölften Kalenderwoche bis 22. März jeder dritte Verbraucher seine Vorräte an Lebensmitteln - offenbar aus Angst, nicht mehr wie gewohnt einkaufen zu können.

Vielleicht auch deshalb versuchte Bundesernährungsministerin Julia Klöckner gleich zweimal, die Bevölkerung zu beruhigen: Die Versorgung mit Lebensmitteln sei gesichert. Doch auch die CDU-Politikerin musste einräumen, dass es bei Obst und Gemüse durch sinkende Produktion, Probleme in der Lieferkette und fehlende Saisonkräfte vereinzelt zu Engpässen kommen kann.

Abseits klassischer Hamsterprodukte gibt es etwa mit Gastronomie oder Tankstellen noch weitere Branchen, die die Coronakrise hart trifft: Ein ausgefallener Restaurantbesuch werde nicht später nachgeholt, und Firmen, die jetzt Homeoffice erproben, könnten Geschäftsreisen künftig seltener genehmigen, sagt Ökonom Fassnacht. Auch die Bekleidungsbranche sei schwer getroffen: "Es kauft keiner mehr Mode, man kann sie ja auch nicht mehr anprobieren und wegen der Kontaktsperre kaum noch herzeigen."

Hinzu komme: Der Rückgang beim privaten Konsum drohe das Bruttosozialprodukt zu dämpfen, das könne zu Arbeitslosigkeit führen - und damit auch langfristig zu sparsamerem Verhalten.

Mit dieser Gefahr ist Deutschland nicht allein. Doch außer einer Wirtschaftskrise verzeichnen andere Länder, in denen Covid-19 inzwischen angekommen ist, auch das: Hamsterkäufe. Eine Erhebung des Marktforschungsunternehmens IRI und der Beratungsgesellschaft BCG zeigt für Frankreich, Großbritannien, Italien, Neuseeland und die USA, dass dort die Absätze zuletzt ebenfalls kräftig stiegen . Bei der Art der gehamsterten Waren gibt es demnach große Ähnlichkeiten - Amerikaner, Franzosen und Neuseeländer haben sich ebenfalls üppig mit Toilettenpapier eingedeckt.

Fragt sich noch, wer von den Corona-Einschränkungen langfristig profitiert. Ökonom Fassnacht nennt vor allem: Amazon. Die stationären Händler, gerade die kleinen, hätten es dagegen auch künftig schwer. Corona-Initiativen, bei kleinen lokalen Läden zu kaufen, würden - wenn überhaupt – nur kurzfristig helfen. Zu Onlinelieferdiensten für Lebensmittel wiederum, die in der Krise auf ihren Durchbruch hoffen, sagt er: "Es ist eine Chance für sie. Ich glaube nicht, dass sie auf das gleiche niedrige Niveau wie vor dem Coronavirus zurückfallen werden."

Homeoffice als Gefahr für den Ladenhandel

Das Bewusstsein, dass man zum Einkaufen nicht mehr rausgehen muss, werde sich durchsetzen, prognostiziert Fassnacht. "Gerade bei Sachen, bei denen das Einkaufen keinen Spaß macht, werden einige Verbraucher bereit sein, etwas mehr Geld zu bezahlen." Verstärkend könne wirken, wenn viele Menschen das Homeoffice beibehielten und eben auch zu Hause sind, wenn der Bote klingelt.

Für alle, die in Zeit der Isolation immer noch Angst haben, zu wenig Klopapier im Haus zu haben: Dieser Rechner  kann dabei helfen, die Vorräte zu überprüfen - mit und ohne Quarantäne.