Fachkräftemangel Bauherren müssen mehr als drei Monate auf Handwerker warten

Die Baubranche boomt, zugleich fehlt Fachpersonal. Das bekommen Kunden bei den Wartezeiten auf Handwerker zu spüren. Rund hundert Tage vergehen zwischen Auftrag und Ausführung - auch die Preise steigen.

Handwerker auf dem Rohbau eines Mehrfamilienhauses
Boris Roessler/ DPA

Handwerker auf dem Rohbau eines Mehrfamilienhauses


Handwerker sind derzeit sehr gefragt in Deutschland, sowohl bei den Firmen selbst als auch bei den Kunden. Weil die Betriebe enorm ausgelastet sind und zu wenig Nachwuchs finden, müssen Bauherren immer länger warten. Laut dem Konjunkturbericht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) betragen die Wartezeiten in den Bau- und Ausbauhandwerken 14,5 beziehungsweise fast elf Wochen.

Im Durchschnitt dauert es laut ZDH im Gesamthandwerk inzwischen fast zehn Wochen, bis ein Auftrag erfüllt werden kann. Der Grund ist die hohe Auslastung der Betriebe von mehr als 80 Prozent. Die Auftragsbestände seien weiter hoch, heißt es. Zugleich fehlten Fachkräfte. Nicht für alle offenen Stellen lasse sich geeignetes Personal finden.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer gesagt, dass manche Betriebe nur noch Aufträge von Stammkunden annehmen. Zugleich warnte er, dass viele Firmen auch mangels geeigneter Nachfolger schließen müssten. Laut Wollseifer fehlen im Handwerk jährlich 15.000 bis 20.000 Azubis und Lehrlinge.

Kunden müssen mit steigenden Preisen rechnen

Im ZDH sind Handwerkskammern und Fachverbände zusammengeschlossen. Anlässlich des aktuellen Wirtschaftsberichts sagte Generalsekretär Holger Schwannecke, die Konjunktur im Handwerk laufe weiter auf Hochtouren. Dies werde sich nach den Erwartungen der Betriebe im weiteren Jahresverlauf nahezu ungebremst fortsetzen. Die Firmen bewerteten in der Frühjahrsbefragung die derzeitige Geschäftslage sowie die Umsatzentwicklung besser als jemals zuvor.

Höhere Löhne und Lohnzusatzkosten sowie gestiegene Einkaufspreise für Rohstoffe, Material und Energie lassen aber laut Verband die Verkaufspreise noch einmal deutlich steigen. Die Spielräume für Preisanpassungen seien größer als in den Vorjahren, sodass sich die höheren Kosten auf die Abnehmer umlegen ließen - sprich: Die Preise für Kunden steigen. Mehr als jeder dritte Betrieb (37 Prozent) gab an, im ersten Quartal die Absatzpreise erhöht zu haben.

Zugleich klagte der Spitzenverband über zu viel Bürokratie mit mehr arbeitsrechtlichen Vorschriften und zusätzlichen Sozialabgaben. Der ZDH bekräftigte außerdem seine Forderung nach steuerlichen Entlastungen. "In der politischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung scheint zunehmend aus dem Blick zu geraten, wer unseren Wohlstand und die Mittel für unseren Sozialstaat erarbeitet und erwirtschaftet: Das sind ganz maßgeblich auch unsere Betriebe, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Handwerk", sagte Schwannecke.

mmq/dpa



insgesamt 28 Beiträge
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MisterD 15.05.2019
1. Ich hoffe die Baubranche...
sorgt heute schon für schlechte Zeiten vor, denn diese Zeiten werden kommen. Der Boom kann nicht mehr so weitergehen. Ich und meine Frau liegen vom Verdienst her knapp über der Grenze fürs Baukindergeld und wir könnten uns selbst im Speckgürtel vieler Großstädte kein Grundstück mit Eigenheim mehr leisten, ohne uns bis über beide Ohren auf mindestens 35 Jahre zu verschulden. Über 80% der Bauherren, die vor 10 Jahren gebaut haben (oft komplett ohne Eigenkapital), würden heute von der Bank nach den ersten 3 Minuten wieder freundlich aus dem Gebäude verwiesen. Kann so nicht weitergehen, egal was die Experten sagen. Wieviel soll man verdienen, um einen Kredit von 400.000 EUR in 30 Jahren abzuzahlen?
SusiWombat 15.05.2019
2.
So ist das, wenn das Finanzergebnis wichtiger ist als die Wertschöpfung. Wer möchte heute noch einen wertschöpfenden Beruf ergreifen, wenn der Controller doch so viel besser bezahlt wird? Schon seit Jahrzehnten wird der Handwerksberuf mit "sich die Finger schmutzig machen" assoziiert, das will halt keiner. Die andere Frage, die sich mir aufdrängt: Wie groß ist die Verzögerung wirklich? Ich beauftrage ja nicht erst am Tag des Baubeginns, ich habe ja Planungsfristen zu beachten.
der_rookie 15.05.2019
3. Hm
Eigentlich schade, dass im Handwerk Lehrlinge fehlen: Es ist doch etwas befriedigendes mit den eigenen Händen etwas zu erschaffen. Und die Qualifizierungsanforderungen an einen Lehrling sind meist auch nicht allzu hoch. Und dann stand vor einem Jahr im Spiegel, dass fast 24.000 Jugendliche keine Ausbildungsplätze gefunden hatten. Ich wünsche mehr Jugendlichen den Pragmatismus Chancen zu erkennen und zu ergreifen als irgendwelchen Träumen hinterherzurennen. Und ich wünsche den Jugendlichen die Erkenntnis, dass man sich im Leben gegebenenfalls auch in ein bisher unbekanntes soziales Umfeld einfügen können muss. Und den Betrieben wünsche ich den Mut auch einmal einen etwas schrägen Lehrling einzustellen: Besser es mit einem Querdenker zu versuchen als niemanden zu haben. https://www.spiegel.de/karriere/ausbildung-fast-24-000-jugendliche-haben-keine-lehrstelle-gefunden-a-1220084.html
NikoG 15.05.2019
4. schlimm
Meine Fa. musste auch schon mehrfach durch die Hölle: Geignete Gastro-Fläche endlich gefunden, Mietvertrag unterzeichnet doch statt schnell zu eröffnen, muss man alle Handwerksbetriebe im Umkreis von 100km anflehen, einen Angebot erstellen zu lassen. Nu 30% sagt dazu JA, davon 50% schreiben tatsächlich ein Angebot. Ein Teil davon sind "Abschreck-Angebote". D.h. die Firmen wollen eigentlich gar nicht und bieten sehr unattraktive Leistungen. Im Endeffekt nimmt man den, wer am schnellsten beginnen kann - unter 4 Wochen geht da nix
Chris CNX 15.05.2019
5. @der_rookie
Bei den 24.000 liegt es sicher auch daran, dass sie einen Beruf suchen, der am Wohnort nicht angeboten wird bzw. dort die Bewerberzahl hoch ist, an einem anderen Ort aber keine Bewerber zu finden sind. Oder dass sie einfach für den Beruf nicht geeignet sind, weil sie z.B. sehr schlecht in Mathe sind was in vielen Handwerksbetrieben aber dringend benötigt wird. Dann sagt der Betrieb "lieber keinen Auszubildenden als einen mit dem ich nichts anfangen kann".
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