Was in der Restmülltonne landet Eimer für alle

Wir Deutschen gelten als Meister der Mülltrennung. Doch zwei Drittel der Abfälle, die wir in den Restmüll werfen, gehören dort nicht hinein. Das zeigt eine neue Studie des Umweltbundesamts.
Müll in Hamburg-St. Georg (Archivbild)

Müll in Hamburg-St. Georg (Archivbild)

Foto: A2836 Carsten Rehder/ dpa/dpaweb

Die Basis einer gesunden Ordnung, sagte einst Kurt Tucholsky, sei ein großer Papierkorb. Im Deutschland des Jahres 2020 sind eher ein halbes Dutzend Ordnungsbehälter nötig. Hausmüll, Biomüll, Papiermüll, Altglas, Altkleider, Gelber Sack: Bürger sind angehalten, ihren Müll zu trennen, damit der möglichst umfassend recycelt werden kann. Theoretisch.

Praktisch sind die meisten von diesem Ideal noch weit entfernt. Laut einer Studie  des Umweltbundesamts (UBA) hat sich, dank Recycling, zwar die durchschnittliche Restmüllmenge pro Einwohner seit Mitte der Achtzigerjahren fast halbiert - von 239 auf 138 Kilogramm. Doch noch immer gehören zwei Drittel von dem, was in der Restmülltonne landet, dort nicht hinein.

Was bedeutet, dass wir deutschen Möchtegernmülltrennungsmeister bei der abfallspezifischen Behälterwahl auch 2020 noch oft nach dem Drei-Musketiere-Prinzip verfahren: Einer für alle. Oder, um im Kontext zu bleiben: Eimer für alle.

  • Fast 50 Kilogramm Bioabfälle schmeißt der Durchschnittsdeutsche demnach pro Jahr in den Restmüll - obwohl Garten-, Küchen- und Essensabfälle laut Kreislaufwirtschaftsgesetz schon seit 2015 getrennt entsorgt werden müssten.  

  • Hinzu kommen 35 Kilogramm Wertstoffe pro Einwohner, die einfach im Hausmüll landen: Neben Altpapier, Altglas, Altkleidern sind das vor allem Holz, Kork oder Elektrogeräte. Materialien also, die eigentlich zum Wertstoffhof gebracht werden müssten - wozu aber offenbar die meisten Menschen bisweilen zu träge sind.

  • Auch Plastik landet nach wie vor in beträchtlichen Dimensionen im Hausmüll. Laut Umweltbundesamt entsorgt jeder Einwohner im Schnitt 8,6 Kilo Kunststoffe pro Jahr im Restmüll. Insgesamt kommen jährlich rund 700.000 Tonnen Plastik zusammen, die nicht recycelt und zu neuen Kunststoffprodukten verarbeitet werden können.

Städter schneiden in Sachen artgerechte Müllhaltung übrigens am schlechtesten ab. Ihre jährliche Hausmüllmenge liegt laut UBA mit 151 Kilogramm weit über dem Durchschnitt - was vor allem daran liegt, dass sie die größten Mülltrennungsmuffel sind: Mehr als 64 Kilogramm Bioabfälle, knapp 12 Kilogramm Plastik, rund 10 Kilogramm Altpapier und 7,6 Kilogramm Altglas werden in urbanen Gebieten im Schnitt in den Restmüll gekippt.

"Die Mülltrennung in Deutschland ist gut, aber nicht sehr gut", fasste Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium (BMU) und Dienstherr des UBA, die Studienergebnisse in einer Videoschalte mit Journalisten zusammen. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen, bemühte er sich um eine diplomatische Formulierung.

Erklärtes Ziel des Staatssekretärs ist jetzt jedenfalls: Ran an den Dreck. Man müsse "gleichzeitig an möglichst vielen Stellschrauben des Systems drehen", um Restmüll zu minimieren, sagte Flasbarth. Handlungsoptionen sieht er vor allem auf drei Ebenen:

  • Verbraucher sollen stärker über Mülltrennung aufgeklärt werden. Dafür könnten unter anderem Informationszentren aufgebaut werden, die Kommunen mit gut aufbereiteten Materialien versorgen.

  • Die Zahl der Biotonnen in Deutschland soll deutlich wachsen. Kernfrage hierbei ist, wer das bezahlt. Vermieter sträuben sich bislang teils gegen die Anschaffung einer Biotonne. Das Umweltministerium führe zu diesem Punkt Gespräche mit dem Verband kommunaler Unternehmen, sagte Flasbarth. Sollten dabei keine "befriedigenden Antworten" herauskommen, könnte die Aufstellung von Biotonnen als ultima ratio gesetzlich vorgeschrieben werden.

  • Darüber hinaus müsse alles dafür getan werden, dass von vorneherein weniger Müll entstehe, sagte Flasbarth. Vielversprechende Ansätze seien die Reduktion von Einwegverpackungen in Handelsströmen und Verbote gegen die Vernichtung von Retouren im Einzelhandel.

Einen konkreten Zeitplan für seine Recycling-Offensive nannte der Staatssekretär nicht. Nur so viel ist klar: Es soll nicht noch einmal Jahrzehnte dauern, bis Restmüll größtenteils wirklich Restmüll ist.

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