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11. Mai 2011, 16:32 Uhr

Höhere Gebühren

Was der EC-Karten-Betrug die Kunden kostet

Von und

Deutschlands Banken haben ein Problem: Abzocker sammeln in großem Stil Kundendaten an Geldautomaten - darum müssen die Institute die Geräte austauschen und die Technologie der EC-Karten verbessern. Doch wer bezahlt den Aufwand? Und bringt der Umbau wirklich Sicherheit? Ein Überblick.

Hamburg - Die Banken ändern ihre Strategie: Bislang hatten Deutschlands Geldinstitute Schäden durch Betrug mit gestohlenen Kontodaten einfach beglichen. Das war billiger, als wirksame Strategien gegen den Nepp zu entwickeln. Doch in den vergangenen beiden Jahren hat das sogenannte Skimming, also das Ausspähen von Kundeninformationen am Geldautomaten, derart zugenommen, dass die Branche reagieren muss.

Rund 3200 Automaten haben Betrüger 2010 manipuliert. 300.000 Karten wurden vorsorglich gesperrt, teilte das Bundeskriminalamt mit. Seit dem 1. Januar des laufenden Jahres kann man an deutschen Geldautomaten deshalb nur noch mit Karten abheben, die mit der Chiptechnologie EMV ausgerüstet sind. Für die Geldhäuser geht das einher mit einem erhöhten Umrüstungsbedarf. Laut "Financial Times Deutschland" haben allein die Privatbanken im vergangenen Jahr 2500 Automaten ausgetauscht. Ein Gerät kostet Schätzungen zufolge 25.000 bis 50.000 Euro. Laut Bankenverband besitzen die privaten Institute etwa 11.500 Geldautomaten.

Die Banken verweisen zwar darauf, dass sie beständig Automaten austauschen, die Zahl vom vergangenen Jahr sei also keineswegs nur auf das Skimming zurückzuführen. Klar ist aber auch: Durch die Umstellung der Karten von Magnetstreifen- auf Chiptechnologie entstehen den Unternehmen hohe Kosten. Hinzu kommen Ausgaben für spezielle Fahnder, die die Unternehmen für derartige Betrugsfälle abstellen.

Was bedeutet das für den Verbraucher? Wie teuer ist das technische Aufrüsten für die Banken? Und wie sicher sind die neuen Bankautomaten und Kartensysteme wirklich? Die wichtigsten Fragen zum Kartenbetrug:


Worum geht es und wie groß ist der Schaden?

Zur Schadenssumme, die durch EC-Karten-Betrug entsteht, halten sich die Banken und die Herausgeber der Karten sehr bedeckt. Das Bundeskriminalamt hat eine Schätzung veröffentlicht, wonach im vergangenen Jahr rund 60 Millionen Euro durch Kartenbetrug von Konten abgezogen wurden. Viele Betroffene zeigen ihren Fall aber gar nicht an, da die Banken in der Regel den Schaden ersetzen. Geldinstitute und Kreditkartenfirmen wiederum legen ihre Zahlen nicht offen, weil sie fürchten, die Betrüger sonst noch anzuspornen.

Die Täter kommen durch das sogenannte Skimming (Abschöpfen) an die Daten der Kunden. Geheimzahlen von EC- oder Kreditkarten werden dabei häufig mit Minikameras ausgespäht - oder durch Attrappen, die über die Originaltastatur gelegt werden. Die Kartendaten wiederum werden durch aufgesetzte Lesegeräte an den Kartenschlitzen der Automaten oder an Türöffnern der Filialen ausspioniert. Auf den Magnetstreifen der Karten sind Informationen gespeichert, die ausreichen, um eine Kopie der Karte herzustellen und damit in Verbindung mit einer ausgespähten PIN-Nummer betrügerisch Geld abzuheben.

Eigentlich enthält jede Karte inzwischen auch einen Chip, der sich nicht so leicht kopieren lässt wie der Magnetstreifen. Doch weil es außerhalb Europas "Nicht-Chip-Länder" wie die USA gibt, sind die meisten deutschen Karten zusätzlich noch mit Magnetstreifen ausgestattet. Wenn darauf weiter alles zu finden ist, was Kriminelle zum Kartenklonen brauchen, bringen auch die sicheren Chips nichts.


Was kosten die Sicherheitsmaßnahmen?

Auch bei den Kosten für mehr Sicherheit am Geldautomaten geben sich die Banken verschlossen. Klar ist: Sie wollen das Problem lieber kleinreden, um die Kunden nicht zu verunsichern. Die Institute müssen mit großem Aufwand gegen die Betrüger ankämpfen. Sie beschäftigen sogar eigene Ermittlerteams, die zusammen mit der Polizei die Spuren der meist professionellen Banden verfolgen.

Auch die Automaten müssen die Institute auf den neuesten Stand der Technik bringen. Laut "FTD" mussten Privatbanken im vergangenen Jahr 2500 Automaten komplett austauschen. Bei einem Stückpreis von 25.000 bis 50.000 Euro würden die Gesamtkosten bei etwa 62 bis 125 Millionen Euro liegen.

Die Privatbanken sagen, dass Automaten im Rahmen der regelmäßigen Kontrolle und Wartung ausgetauscht werden. Auch der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband erklären, es habe keine großangelegte Austauschaktion von Geldautomaten wegen Skimmings gegeben. Man habe "kontinuierlich neue Standards umgesetzt". Dennoch ist klar: Umsonst sind die Maßnahmen nicht.


Was heißt das für den Verbraucher?

Auch wenn die Banken dies natürlich nie zugeben - die Kosten für die Sicherheits-Updates dürfte am Ende der Kunde tragen. "Es besteht die Gefahr, dass die Institute ihre Gebühren erhöhen", sagt Markus Feck, Finanzjurist bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. So leidet der Kunde auf jeden Fall unter den Machenschaften der Automatenbetrüger.

Direkt hingegen wird der Verbraucher bislang nicht geschädigt: Die Banken erstatten die Verluste nach einem Datendiebstahl in der Regel binnen weniger Tage. Man sollte das eigene Institut nur sofort informieren, wenn man einen Betrug feststellt, rät Verbraucherschützer Feck.

Wie hoch die zusätzlichen Gebühren für die Verbraucher wirklich ausfallen, hängt aber auch von der Größe der Bank ab. Institute mit vielen Privatkunden wie die Postbank und die Sparkassen haben Möglichkeiten, die Kosten so umzulegen, dass der einzelne kaum darunter leidet. Anders sieht es bei kleineren Privatbanken aus: Bei diesen ist vorstellbar, dass sie ihre Entgelte deutlich erhöhen, sagt Feck. Allerdings verweist er darauf, dass die Gebühren schon jetzt viel zu hoch seien - etwa für das Nutzen fremder Automaten.


Wie sicher sind die neuen Maßnahmen?

Verbraucherschützer Feck hält die aktuell veranlassten Maßnahmen durchaus für wirksam. Er rechnet damit, dass sich die Betrüger nun zunächst ältere Automaten aussuchen: "Das wird also kurzfristig schon was bewirken", sagt Feck. Allerdings bleibe der Kampf gegen das Skimming ein "Hase-und-Igel-Spiel". Die Kreditwirtschaft könne immer nur auf die neuesten Ideen der Betrüger reagieren. Doch die Kriminellen dürften schon an neuen Kniffen feilen, wie sie Bankkunden künftig um ihre Daten erleichtern.

Die Deutsche Bank teilte mit, man setze im Kampf gegen Skimming auch auf das Auslandslimit: Dieses sieht vor, dass man an ausländischen Geldautomaten, die nur mit Magnetstreifen funktionieren, nicht mehr abheben kann. Reist ein Kunde in ein Land, wo dies der Fall ist, könne er aber sein Auslandslimit über eine Service-Hotline freischalten lassen.

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