Grafiken zur Teuerung Inflation macht Grundnahrungsmittel deutlich teurer

Mit 7,9 Prozent erreicht die Inflationsrate im Mai den höchsten Stand seit fast 50 Jahren. Grafiken zeigen, welche Produkte zuletzt teurer geworden sind. Und ein Ende ist vorerst nicht in Sicht.
Mann im Supermarkt: »Preiserhöhungen in fast allen Bereichen«

Mann im Supermarkt: »Preiserhöhungen in fast allen Bereichen«

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Ina Fassbender / AFP

Das Leben in Deutschland hat sich in den vergangenen Monaten spürbar verteuert. Und Volkswirte machen Verbraucherinnen und Verbrauchern wenig Hoffnung, dass die Preise rasch wieder sinken werden.

Im Mai lagen die Verbraucherpreise um 7,9 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern muss man bis in den Winter 1973/1974 zurückblicken, um ähnlich hohe Werte zu finden. Damals waren die Energiepreise infolge der ersten Ölkrise gestiegen. Höhere Inflationsraten schmälern die Kaufkraft. Verbraucher können sich für einen Euro dann weniger leisten.

Auch bei den aktuellen Inflationsraten spielt der Faktor Energie eine wichtige Rolle. Im Mai mussten die Menschen in Deutschland für Energie 38,3 Prozent mehr zahlen als vor Jahresfrist. Heizöl war fast doppelt so teuer wie im Mai 2021. Erdgas verteuerte sich um mehr als die Hälfte. Auch die Preise für Kraftstoffe (41 Prozent) und Strom (21,5 Prozent) zogen deutlich an.

Entspannung ist nicht in Sicht

»Die Details für die Rekordinflation im Mai zeigen erneut, dass die Teuerung in Deutschland zum ganz überwiegenden Teil von äußeren Einflüssen getrieben wird und wenig mit einem Überhitzen der deutschen Wirtschaft zu tun hat«, sagte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Bei den Nahrungsmittelpreisen seien es ebenfalls vor allem globale Faktoren, die derzeit die Preise treiben. Mit dem Lieferausfall aus der Ukraine und den Sanktionen gegen Russland sind die Getreidepreise massiv gestiegen. »Das schlägt sich nun in höheren Preisen für Produkte wie Mehl, Nudeln, aber auch Eiern und Fleisch nieder, da ein beträchtlicher Teil des Getreides aus der Ukraine und Russland als Futtermittel genutzt wurde«, sagte Dullien.

Bei Lebensmitteln zogen die Preise im Mai um 11,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat an, meldete das Statistische Bundesamt. Damit verstärkte sich der Preisauftrieb nach 8,6 Prozent im April noch einmal kräftig. Besonders Speisefette und Speiseöle (plus 38,7 Prozent) sowie Fleisch und Fleischwaren (plus 16,5 Prozent) stachen heraus.

Es gebe »Preiserhöhungen in fast allen Bereichen«, stellten die Statistiker fest.

Eine Trendwende ist kurzfristig nicht in Sicht, sagte Ökonom Dullien. »Da sich bei den Preisen für Energie und Nahrungsmitteln auf dem Weltmarkt bislang keine Entspannung abzeichnet, dürfte auch die Inflation in Deutschland in den kommenden Monaten mindestens bis zum Jahresende hoch bleiben.«

Özdemir sagt weiter steigende Lebensmittelpreise voraus

Auch Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) rechnet mit weiter steigenden Lebensmittelpreisen in Deutschland. »Vieles kommt leider erst noch«, sagte Özdemir der »Rheinischen Post«. Die Lebensmittelindustrie habe etwa lange Einkaufsfristen für Energie. »Wir müssen im Herbst und Winter mit Steigerungen rechnen, weil sich der Handel jetzt mit teurer Energie versorgen muss und die Preissteigerungen an die Kunden weitergereicht werden.«

Özdemir hatte vorgeschlagen, die Mehrwertsteuer auf bestimmte Lebensmittelprodukte zu senken. »Dass das aktuelle Mehrwertsteuersystem einmal grundsätzlich auf den Prüfstand gehört, darüber kann es nicht ernsthaft Streit geben«, sagte er. Der Minister regte an, eine Reform »parteiübergreifend« anzugehen und das System vom Kopf auf die Füße zu stellen. »Logik, Einfachheit und Nachhaltigkeit sind dabei die Stichworte. Da landet man dann schnell bei meinem Vorschlag«, sagte Özdemir.

Dass die Teuerung bei Lebensmitteln noch weitergehen dürfte, zeigen auch weitere Daten von Statistikern. So haben die Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte ihre Preise im April im Rekordtempo angehoben. Sie stiegen um durchschnittlich 39,9 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Dies ist der höchste Preisanstieg gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1961. Im März hatte es mit 34,7 Prozent bereits einen Rekord gegeben. Pflanzliche Produkte verteuerten sich im April mit 45,7 Prozent besonders stark, tierische Erzeugnisse mit 35,8 Prozent etwas weniger kräftig.

Der Anstieg bei pflanzlichen Produkten ist unter anderem auf die nach oben schießenden Preise für Getreide zurückzuführen: Diese lagen im April um 77,6 Prozent über dem Vorjahresmonat und damit noch etwas höher als im März mit damals 70,2 Prozent: »Ausschlaggebend für die enorme Preissteigerung bei Getreide ist noch immer die Verknappung des Angebots infolge des Kriegs in der Ukraine«, teilten die Statistiker mit.

Vor der russischen Invasion am 24. Februar waren die Ukraine und Russland zusammen für fast ein Drittel der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. Weil die Ausfuhren über die Schwarzmeerhäfen der Ukraine praktisch zum Erliegen gekommen sind, sind die Lebensmittelpreise weltweit stark angestiegen. Hilfsorganisationen warnen vor Hungerkrisen in armen Ländern.

Linke warnt vor »Überlebenskampf«

Politiker in Deutschland treibt die Frage um, wie sich die Inflation hierzulande auf das soziale Gefüge auswirkt. Die Linkspartei sieht Millionen von Beschäftigten des Niedriglohnsektors angesichts der hohen Inflation »in einem finanziellen Überlebenskampf«. Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch beklagte in der »Neuen Osnabrücker Zeitung« einen »Inflationstsunami«. »Offensichtlich haben die Ampelparteien die Dramatik nicht begriffen«, sagte er weiter. Jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland verdiene unter 2500 Euro brutto in Vollzeit. Im Osten seien es über 40 Prozent.

Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums bezogen Stand Ende 2020 insgesamt 5,249 Millionen sozialversicherungspflichtige Vollzeitbeschäftigte in Deutschland ein Entgelt bis 2500 Euro. Das entsprach einem Anteil von 24,5 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten. Von Bundesland zu Bundesland gab es große Unterschiede. So betrug der Anteil in Hamburg nur 18 Prozent, in Schleswig-Holstein waren es 27,8 Prozent, in Niedersachsen 26,3 Prozent. In Ostdeutschland lagen die Werte außerhalb Berlins bei mehr als 40 Prozent. Am höchsten war der Wert in Mecklenburg-Vorpommern mit 43,5 Prozent.

Das Arbeitsministerium wies darauf hin, »dass die Coronapandemie im Jahr 2020 den deutschen Arbeitsmarkt stark beeinflusst hat«. Die Entgeltstatistik werde sowohl durch die starke Inanspruchnahme von Kurzarbeit als auch durch andere Effekte wie Coronazulagen und den Verzicht auf Gehaltserhöhungen beeinflusst, heißt es in der Antwort auf Bartschs Anfrage.

Bartsch warnte, Millionen Bürger hätten keinen Puffer, um Mehrkosten »und zum Teil unverschämte Abzocke wie bei den Spritkosten auszugleichen«. Die 300 Euro zu versteuernde Energiekostenpauschale für Arbeitnehmer sei richtig, aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. »Wir brauchen zeitnah ein großes Entlastungspaket III«, forderte der Linken-Fraktionsvorsitzende. »Die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel sollte zumindest zeitweise auf null gesetzt werden.« Die Konzerne müssten verpflichtet werden, die Steuersenkung weiterzugeben. Bartsch drängte zudem auf Tarifabschlüsse, »die die Inflation mindestens ausgleichen«.

mmq/Reuters/dpa/AFP