Daten des Statistischen Bundesamts Inflationsrate im Juni überraschend gesunken

Die Inflation in Deutschland hat im Juni überraschend nachgelassen. Waren und Dienstleistungen kosteten durchschnittlich nur noch 7,6 Prozent mehr als im Juni 2021. Preistreiber waren erneut Energie und Lebensmittel.
Einkauf im Supermarkt: Der Ukrainekrieg hat die Lebensmittelpreise steigen lassen

Einkauf im Supermarkt: Der Ukrainekrieg hat die Lebensmittelpreise steigen lassen

Foto: Martin Wagner / IMAGO

Der Preisauftrieb in Deutschland hat sich im Juni etwas verlangsamt. Die Verbraucherpreise stiegen gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,6 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden in einer ersten Schätzung mitteilte . Im Mai hatte die Jahresinflationsrate noch bei 7,9 Prozent gelegen und war damit so hoch ausgefallen wie seit dem Winter 1973/74 nicht mehr.

Von Mai auf Juni dieses Jahres stiegen die Verbraucherpreise den vorläufigen Zahlen zufolge insgesamt um 0,1 Prozent.

Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine sind insbesondere die Preise für Energie merklich angestiegen und beeinflussen die hohe Inflationsrate erheblich. So stiegen laut dem Statistischen Bundesamt die Energiepreise im Juni 2022 um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und damit in einem ähnlichen Ausmaß wie in den Vormonaten. Auch die Preise für Nahrungsmittel stiegen mit 12,7 Prozent überdurchschnittlich.

Im Vergleich zum Vormonat Mai waren Fahrkarten für den Nahverkehr sowie teilweise auch Kraftstoffe nach Angaben der Statistikämter einzelner Bundesländer aber günstiger. Inwiefern das 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt sich auf die Inflationsentwicklung ausgewirkt haben, lasse sich derzeit noch nicht sagen, hieß es. Auf diese Effekte werde das Statistische Bundesamt mit der Veröffentlichung der endgültigen Ergebnisse Mitte Juli eingehen.

Am 4. Juli will Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in einer sogenannten Konzertierten Aktion zusammen mit Spitzenvertretern der Arbeitnehmer und Arbeitgeber darüber beraten, wie die Preisentwicklung in den Griff zu bekommen ist.

Inflationsraten auf dem derzeitigen Niveau gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. In den alten Bundesländern gab es ähnlich hohe Werte im Winter 1973/1974. Damals waren die Mineralölpreise infolge der ersten Ölkrise stark gestiegen.

Höhere Teuerungsraten schmälern die Kaufkraft von Verbraucherinnen und Verbrauchern, weil diese sich für einen Euro dann weniger leisten können.

Experten sehen noch keine Trendwende

Ökonomen sehen die etwas moderatere Inflationsrate im Juni nicht als Wendepunkt. Der überraschende Rückgang sei kein Grund zur Entwarnung, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. »Denn im Juni wirkten Sonderfaktoren wie der Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket, das für sich genommen die Inflation fast um drei Viertel Prozentpunkte gesenkt hat.« Spätestens mit dem Ende dieser Entlastungen im September dürfte die Inflation wieder nach oben springen, prognostizierte Krämer. »Das gilt umso mehr, als die deutschen Unternehmen die massiv gestiegenen Materialkosten noch lange nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben haben.«

Wie sehr die steigenden Preise die Verbraucher belasten, zeigt eine Umfrage des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach wollen oder müssen sich viele Menschen in Deutschland – ob berufstätig oder arbeitssuchend – einschränken. Über alle Einkommensgruppen hinweg wollen laut der Umfrage 39 Prozent der Befragten künftig weniger Nahrungs- und Genussmittel kaufen, zehn Prozent von ihnen sogar »bedeutend weniger«.

Gefühlte Inflation ist viel höher

Einer Untersuchung der DekaBank zufolge steigen die Preise in der Wahrnehmung der Verbraucher deutlich stärker als in der offiziellen Inflationsstatistik ausgewiesen. Die gefühlte Inflationsrate liege derzeit bei fast 18 Prozent, sagte DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater bei der Vorstellung neuer Konjunkturprognosen. Dies sei ein historisch hoher Wert. »Das ist konjunkturhemmend«, sagte Kater zu der starken Verteuerung. »Das Verbrauchervertrauen ist eingebrochen.« Viele Haushalte müssten bereits auf Erspartes zurückgreifen, um über die Runden zu kommen. »Die Sparquote sinkt bereits.« Die Inflation drohe alle Bereiche der Wirtschaft zu erfassen.

Für Deutschland rechnet die DekaBank in diesem Jahr deshalb nur mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,6 Prozent. »Eine gefährdete Energieversorgung, rekordhohe Inflationsraten und eine schwächelnde Weltkonjunktur verlangen auch von den deutschen Unternehmen ihren Tribut«, sagte Kater. »Die Perspektiven für die deutsche Konjunktur werden sich im Jahresverlauf weiter verfinstern.«

mmq/Reuters/dpa
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