Tricks bei Packungsgrößen Verbraucherschützer warnen vor versteckten Preiserhöhungen

Manchmal schrumpft nur der Inhalt, oder die gesamte Packung wird kleiner: Angesichts höherer Kosten greifen Firmen laut Verbraucherschützern vermehrt zu versteckten Preiserhöhungen. Zwei Markenhersteller reden ganz offen.
Einkauf im Supermarkt: Achtung bei neuen Verpackungsgrößen

Einkauf im Supermarkt: Achtung bei neuen Verpackungsgrößen

Foto: Robert Michael / dpa

Wer in den nächsten Wochen im Lebensmittelhandel zu vertrauten Produkten greift, sollte genauer als sonst hinschauen. Denn es ist gut möglich, dass die vertraute Packung oder auch nur der Packungsinhalt geschrumpft ist, auch wenn der Preis der alte ist. »Wir erleben gerade die erste Welle solcher versteckter Preiserhöhungen«, sagte Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg, der Nachrichtenagentur dpa. »Aber ich denke, der Höhepunkt kommt erst noch.«

Valet beobachtet seit Jahren, wie Hersteller und Handel mit Packungsgrößen tricksen, um Preiserhöhungen zu verschleiern, und kürt alle zwölf Monate eine Mogelpackung des Jahres. Im Moment gebe es bei der Verbraucherzentrale Hamburg aber besonders viele Beschwerden über solche Tricksereien, sagte Valet.

Der Hintergrund: Die Lebensmittelpreise steigen deutlich. Im Juli waren Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke nach Angaben des Statistischen Bundesamts um 14 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Gestiegene Rohstoffpreise machen sich hier ebenso bemerkbar wie höhere Energiekosten oder Mehrausgaben für Logistik infolge der Coronapandemie und des Ukrainekriegs.

Da ist die Versuchung für Hersteller und Handel groß, die Preiserhöhung etwas zu kaschieren. Wenn die Packung ein wenig schrumpft, fällt das häufig weniger auf, als wenn der Preis steigt. Es gibt sogar schon ein Wort dafür: »Shrinkflation« – eine Verbindung des englischen Wortes für schrumpfen – »shrink« – und Inflation.

»Wir werden das in Zukunft öfter sehen als in der Vergangenheit«, sagt der Marketingexperte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU. Der Grund: Handel und Hersteller scheuten sich, die eingeübten Preisschwellen wie beispielsweise 1,99 Euro zu überschreiten. »Wenn eine solche Schwelle überschritten wird, erscheint ein Produkt plötzlich deutlich teurer, und es besteht die Gefahr, dass die Absatzmenge drastisch einbricht«, beschreibt Fassnacht das Problem.

Beispiele für solche »Schrumpfkuren« gibt es aktuell zuhauf.

Haribo etwa verkleinerte kürzlich seine Goldbärentüte von 200 auf 175 Gramm. Der empfohlene Preis von 0,99 Cent blieb gleich – trotz 12,5 Prozent weniger Inhalt. Das Unternehmen sei bereits seit Anfang des Jahres mit außergewöhnlich steigenden Kosten für Zutaten, aber auch für Folien, Verpackungsmaterialien, Kartonage sowie Energie und Logistik »im hohen doppelstelligen Bereich« konfrontiert, begründete Haribo den Schritt. Das Unternehmen passe Verpackungsgrößen und Preis an, um weiterhin erschwinglich zu bleiben.

»Wichtig war uns, dass wir nicht mehr ›Luft‹ im Beutel haben, also den Beutel in seiner Größe beibehalten, sondern auch den Beutel sichtbar verkleinern«, sagte ein Unternehmenssprecher. Dadurch sei die Verringerung der Füllmenge für die Kunden klar erkennbar.

Auch der Markenartikler Henkel ging bei seinem Weichspüler Vernel einen ähnlichen Weg. »Da wir die Kostensteigerungen in einigen Fällen nicht vollständig auffangen konnten, haben wir uns entschieden, die Füllmengen unserer Produkte teilweise anzupassen«, berichtete das Unternehmen.

Der Knabberartikelhersteller Intersnack sah sich ebenfalls durch den Kostenanstieg »zur Anpassung der Füllmenge der ültje Erdnüsse« gezwungen. Aber auch bei Marmelade, Margarine, Chips und sogar Tiefkühlpizza stießen die Verbraucherschützer in den vergangenen Wochen auf schrumpfende Packungsinhalte.

»Ich denke, dass da noch einiges auf uns zukommen wird«

Verboten sei das nicht, räumt Valet ein. Aber es sei natürlich eine Trickserei zulasten der Kunden. Auffällig ist nach seinen Worten, dass auch Supermärkte und Discounter bei ihren Eigenmarken immer öfter zu solchen versteckten Preiserhöhungen greifen. Dies habe in der Vergangenheit eher Seltenheitswert gehabt.

Gestiegen ist nach Angaben der Verbraucherzentrale Hamburg aber auch die Häufigkeit sogenannter doppelter Preiserhöhungen auf der Mogelpackungsliste des Verbands. Gemeint sind damit Produkte, bei denen nicht nur die Füllmenge reduziert, sondern zusätzlich auch der Preis vom Handel erhöht wurde. Betraf das in den vergangenen zwei Jahren durchschnittlich 18 Prozent der aufgenommenen Artikel, so waren es im ersten Halbjahr 2022 bereits rund 35 Prozent.

Verbraucherschützer Valet rechnet damit, dass viele Schrumpfkuren bei den Packungen erst noch bevorstehen. Der Handel brauche ungefähr ein halbes Jahr Vorlauf zur Umstellung der Etiketten und dem Abverkauf der alten Ware, rechnet er vor. »Ich denke, dass da noch einiges auf uns zukommen wird.«

Erzeugerpreise steigen im Rekordtempo

Auch aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts deuten darauf hin, dass es keine schnelle Entspannung bei den Verbraucherpreisen geben wird. Denn die deutschen Hersteller haben ihre Preise im Juli überraschend in Rekordtempo angehoben. Die Erzeugerpreise stiegen vor allem wegen teurer Energie um durchschnittlich 37,2 Prozent. »Dies war der höchste Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1949«, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte.

Von Juni auf Juli legten die Erzeugerpreise um 5,3 Prozent zu. »Das ist ebenfalls der höchste Anstieg gegenüber dem Vormonat seit Beginn der Erhebung«, hieß es dazu.

Die Produzentenpreise gelten als Vorläufer für die Entwicklung der allgemeinen Inflation. In der Statistik werden die Preise ab Fabriktor geführt – noch bevor die Produkte weiterverarbeitet werden oder in den Handel kommen.

Im Juli lagen die Verbraucherpreise 7,5 Prozent über dem Vorjahr, nachdem die Inflationsrate im Mai mit 7,9 Prozent den höchsten Stand seit dem Winter 1973/74 erreicht hatte. Tankrabatt und 9-Euro-Ticket drücken derzeit die Teuerung für die Verbraucher, doch laufen diese staatlichen Hilfen am Monatsende aus. Experten rechnen deshalb im Herbst mit höheren Inflationsraten.

Energie ist Preistreiber

Hauptverantwortlich für die starke Teuerung auf Erzeugerebene ist Energie, die seit Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine am 24. Februar erheblich mehr kostet. Hier lagen die Erzeugerpreise um 105,0 Prozent höher als im Juli 2021.

Erdgas verteuerte sich dabei um 163,8 Prozent, Strom um 125,4 Prozent. Mineralölerzeugnisse kosteten 41,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Leichtes Heizöl war mehr als doppelt so teuer wie ein Jahr zuvor (plus 107,9 Prozent), während für Kraftstoffe 31,6 Prozent mehr verlangt wurden.

Hohe Preissteigerungen gab es auch bei Vorleistungsgütern, vor allem bei Metallen, Dünge- und Futtermitteln sowie Industriegasen und Verpackungsmitteln aus Holz. Nahrungsmittel verteuerten sich um gut 21 Prozent.

Verbraucher schränken sich bereits ein

Laut einer aktuellen Umfrage haben die meisten Verbraucher in Deutschland ihr Kaufverhalten an steigende Preise angepasst: Sieben von zehn Befragten (70 Prozent) geben im aktuellen »Deutschlandtrend« für das ARD-»Morgenmagazin« an, bereits jetzt weniger Energie zu verbrauchen, um Kosten zu senken – nochmals mehr als bereits im April dieses Jahres (64 Prozent). Fast die Hälfte kauft im Alltag weniger ein (47 Prozent). Noch etwas höher (50 Prozent) ist der Anteil derer, die im Freizeitbereich sparsamer sind und beispielsweise seltener Restaurants, Kinos und Freizeiteinrichtungen besuchen. 43 Prozent der Bundesbürger sagen, dass sie sich in diesem Jahr bei Urlaubsreisen einschränken.

Einschränkungen bei Ausgaben machen sich vor allem bei weniger finanzstarken Haushalten bemerkbar. Rund zwei Drittel (66 Prozent) der Befragten mit eher niedrigem Einkommen (Haushaltseinkommen bis 1500 Euro monatlich) geben an, im Alltag weniger einzukaufen, seltener Restaurants, Kinos und Freizeiteinrichtungen zu besuchen (67 Prozent) und sich bei Urlaubsreisen in diesem Jahr einzuschränken (59 Prozent). Im Vergleich dazu macht das etwa die Hälfte der Befragten aus Haushalten mit mittlerem Einkommen (Haushaltseinkommen 1500 bis 3500 Euro monatlich). Bei der Senkung des Energieverbrauchs gibt es dagegen keine großen Unterschiede zwischen den Einkommensgruppen.

mmq/dpa/Reuters
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