Lebensmittellobbyist Minhoff "Wir können nicht die Welt retten"

Auf der Grünen Woche präsentieren sich die Spitzenverbände der deutschen Lebensmittelindustrie gemeinsam mit Großkonzernen. Seit einem Jahr ist der Ex-Journalist Christoph Minhoff Hauptgeschäftsführer der Verbände: Im Interview ärgert er sich über Kritiker und warnt vor der Revolution.
BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff: Vom Journalist zum Lobbyist

BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff: Vom Journalist zum Lobbyist

Foto: Matthias Martin/ dpa

Auf der weltgrößten Agrarmesse kuscheln die Konzerne wieder mit ihren Verbänden: Auf der Internationalen Grünen Woche präsentieren sich die Spitzenverbände der deutschen Ernährungsindustrie gemeinsam mit dem Fleischkonzern Bell, McDonald's, Kellogg's und dem Milchkonzern Arla Foods und dem Motto: "Informationen, Spaß und Genuss". In einer "Allee des Wissens" präsentieren die Verbände Filme, bei denen die industrielle Lebensmittelherstellung im Mittelpunkt steht: Fabriken, Fertigungsstraßen und Massenproduktion. Das Zeichen: Ehrlichkeit statt Idylle.

Am "virtuellen Tischlein deck' dich" kann der Verbraucher sich einen digitalen Teller mit Gemüse oder Pizza vollschaufeln und bekommt angezeigt, wie viele Kalorien, Fett oder Eiweiß die Mahlzeit hat. Hier wird es schon schwieriger mit der Transparenz: Die angezeigten Werte gelten nämlich nur für jeweils 100 Gramm des Lebensmittels, Messekunden sind verwirrt.

Dabei sollte sich genau das ändern: Mit dem Versprechen zu mehr Transparenz trat Christoph Minhoff vor gut einem Jahr sein Amt an. Als Hauptgeschäftsführer der Spitzenverbände Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE) und Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) soll der frühere Chef des Fernsehsenders Phoenix das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Ernährungsindustrie wieder herstellen. Verbraucherschützer werfen der Branche vor, Werbelügen zu verbreiten, Fleisch zu panschen und ganz generell aus Profitgier minderwertige Lebensmittel zu vertreiben. Im Interview gibt Minhoff zu, dass ihm die anhaltende Kritik zusetzt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Minhoff, Sie haben gesagt: "Sie werden Fleischproduzenten nicht zu Veganern machen können." Konnten Sie die Lebensmittelindustrie zu mehr Offenheit bewegen?

Minhoff: Die Branche hat eingesehen, dass sie auch mit den Verbrauchern reden muss. Unsere Verbände sind ja eher Interessenvertretungen, aber die Wirtschaft hat verstanden, dass man gesellschaftliche Mehrheiten nicht mehr in Hinterzimmern organisiert, sondern über eine offene Diskussion. Klassische Lobbyarbeit, wie man sie vor ein paar Jahrzehnten gemacht hat, können Sie heute gar nicht mehr machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren fast dreißig Jahre lang Journalist. Wer hat wen im vergangenen Jahr mehr verändert: Sie die Lebensmittelbranche oder die Branche Sie?

Minhoff: Ich glaube, der Schritt, den die Branche auf mich zugehen musste ist viel größer, als umgekehrt. Es war wirklich mutig, einen Journalisten zu holen - einen von der anderen Seite, aus einem Bereich, von dem man dachte, da kommt nichts Gutes her. Mich hat die Aufgabe auch verändert. Ich habe die Art, wie ich meinen Job als Journalist gemacht habe, anders in Erinnerung. Ich bin erstaunt über die Oberflächlichkeit der Medienbranche, den Zeitdruck und die Geschichten, die personalisiert und emotionalisiert werden und die Wirklichkeit oft nicht abbilden.

SPIEGEL ONLINE: Seitenwechsel sind ja nicht ungewöhnlich, meist geht es darum, mehr Geld zu verdienen. War das auch Ihr Antrieb?

Minhoff: Ich habe in meiner Zeit beim Fernsehen alles gemacht, was man in dem Medium machen kann. Zuletzt hatte ich meinen Anteil daran, dass Phoenix von einem kleinen, wenig profilierten Sender zum Marktführer der Informationskanäle aufgestiegen ist - und hatte dann noch 16 Berufsjahre vor mir. Ich wollte noch einmal etwas anderes machen - dass es am Ende diese Branche geworden ist, war Zufall. Zum Geld: Was man im öffentlich-rechtlichen Fernsehen so verdient, ist ja mittlerweile auch transparent. Ich musste auch damals keine Klimmzüge am Brotkasten machen. Der größte Unterschied zu meinem alten Job: Wenn man bei Phoenix arbeitet, ist man ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft und in der jetzigen Branche kommen einem auch mal Titulierungen wie Mafia- oder Drogenboss entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie von Medien und Verbraucherorganisationen genervt sind, zeigen Sie sehr deutlich in Ihrem Blog "Filetspitzen". Hilft dieses Zurückkeilen dem Dialog?

Minhoff: Viele wissen ja nicht, wofür ein Blog da ist. Das sind keine Pressemitteilungen, das ist auch keine offizielle Position eines Verbandes, sondern eine Möglichkeit, auch einmal selbst emotional zu werden. Ich sehe darin ein Lagerfeuer für die Branche, es hat etwas Solidarisierendes - sehr ambivalent, aber es funktioniert. Ein Blog hat auch eine Ventilfunktion, bei der man undiplomatisch sagen kann: "Freunde, das kann doch nicht wahr sein". Wenn zum Beispiel die Verbraucherzentrale bemängelt, dass Schokolade in Adventskalendern teurer ist, als in Standardverpackungen. Das ist doch logisch! Die "Verpackung" ist teurer, schließlich ist das der Adventskalender.

SPIEGEL ONLINE: Zur Eröffnung der Grünen Woche haben Sie erklärt: "Allein die industrielle Lebensmittelproduktion kann den hohen Verbraucheransprüchen gerecht werden". Und doch wirbt die Branche weiterhin mit glücklichen Kühen auf der Weide und handgerührtem Joghurt. Passt das zusammen?

Minhoff: Werbung schöpft natürlich nach wie vor die Freiräume so weit wie möglich aus. Natürlich wird da emotionalisiert, das ist aber auch im Journalismus so oder in der Politik. Ungewöhnlich ist nicht, auszuloten, wie weit man gehen kann, sondern dass man das Werbung vorwirft. Den Medien könnte man auch vorwerfen, dass sie solche Themen groß ausbreiten, obwohl sie die breite Masse der Verbraucher nicht zwangsläufig interessieren.

SPIEGEL ONLINE: Der neue Landwirtschaftsminister, Hans-Peter Friedrich, ist ja nicht mehr für Verbraucherschutz zuständig. Atmet die Lebensmittelbranche jetzt auf?

Minhoff: Das stimmt nicht ganz. Der Name ist weg, aber der gesundheitliche Verbraucherschutz, der für uns relevant ist, bleibt im Ministerium. Ich erhoffe mir aber vom Minister, dass er erkennt, dass die Landwirtschaft ein wichtiger Pfeiler der Lebensmittelbranche ist, dass aber Handwerk, Industrie und Handel auch wichtige Spieler sind. Das Landwirtschaftsministerium sollte für unsere Branche auch wieder stärker Wirtschaftspolitik betreiben als es früher der Fall war.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich "mehr Wertschätzung" für die Leistungen der Branche gewünscht und forderten "tendenziösen und haltlosen Anfeindungen" Einhalt zu bieten. Was meinen Sie damit?

Minhoff: Unsere Kritiker sollten aufhören, uns mit absurden Vorwürfen zu konfrontieren. Einem Unternehmen vorzuwerfen, dass es Geld verdienen will ist abstrus. Unternehmen können auch nicht alleine gesamtgesellschaftliche Aufgaben lösen, wir können nicht die Welt retten. Da muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen und darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Ich bitte auch um Verständnis für die Realität einer Branche, die so viele unterschiedliche Produkte unter nicht gerade leichten Bedingungen für einen Massenmarkt zur Verfügung stellen muss. Wenn das ausfällt, wäre die Reaktion nachhaltig. Es gibt in der Geschichte viele Beispiele dafür, meistens fangen die Revolutionen an, wenn das Brot zu teuer wird.