Irreführende Werbung Verbraucher reichen Tausende Beschwerden ein

Verwirrende Formulierungen, falsche Angaben, versteckte Klauseln: Wettbewerbshüter beklagen eine Zunahme von Werbung, mit der Konsumenten in die Irre geführt werden. Die Vergehen reichten von kleinen Flunkereien bis hin zu vorsätzlicher Verbrauchertäuschung.


Bad Homburg - Wie lang ist lebenslang? Darüber streiten sich der Autohersteller Opel und die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs. Grund ist eine Werbekampagne des Autobauers, in der er eine "lebenslange Garantie" beim Kauf eines Fahrzeugs anbietet. Während die Wettbewerbshüter der Meinung sind, dass lebenslang auch lebenslang heißen müsse, definiert Opel diese Zeitspanne anders: Die Garantie beziehe sich nicht auf ein Menschenleben, sondern reiche für etwa 15 Jahre und damit für "ein normales Autoleben".

Für die Zentrale zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, ein Verein, dem über tausend Unternehmen und Verbände angehören, ein klarer Fall von irreführender Werbung. Das Selbstkontrollgremium hat deshalb Klage beim Landgericht Darmstadt eingereicht. "Für uns ist lebenslang lebenslang, ohne Begrenzung", erklärte Reiner Münker, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied der Wettbewerbszentrale.

Der Streit mit Opel ist kein Einzelfall. Die Wettbewerbshüter verzeichnen eine Zunahme der Beschwerden über irreführende Werbung. Laut Münker sind im vergangenen Jahr rund 14.000 Beschwerden quer durch alle Branchen bei den Wettbewerbshütern in Bad Homburg eingegangen. Während die Zahl der unerlaubten Telefonanrufe seit der neuen Gesetzgebung 2008 um fast ein Viertel zurückgegangen sei, sei die Zahl der Beschwerden wegen irreführender Werbung 2010 um fünf Prozent auf 6500 gestiegen.

"Die Unternehmen kämpfen alle um die Kunden, und das geht über Qualität, Preis, Herkunft und Umweltargumente", sagte Münker. Dabei werde der Verbraucher hin und wieder an der Nase herumgeführt. So werde Importware aus Fernost als "Made in Germany" verkauft, angebliche Exklusivangebote eines Reiseveranstalters für Leser einer bestimmten Zeitschrift sind für Jedermann im Internet buchbar oder Preisgarantien von Stromanbietern verschweigen die tatsächliche Kostenentwicklung.

Konkurrenz schwärzt an

Konsumenten wollen aus Umweltgründen immer öfter regionale Produkte kaufen. Die Wettbewerbshüter raten zur Vorsicht: "Manche Hersteller und Händler bewerben ihre Produkte mit Herkunftsangaben, die tatsächlich nicht zutreffen", sagte Münker. So klage die Wettbewerbszentrale derzeit wegen einer Plakataktion, in der Fruchtsäfte unter der Bezeichnung "Heimische Früchte" beworben wurden. Die Früchte stammten jedoch nicht nur aus der Region, sondern auch aus Österreich und Mittelamerika. Ein weiterer Fall: Ein "namhafter Discounter" werbe mit dem Slogan "Kurze Lieferwege für die Umwelt" für seine Backwaren." Das nächstgelegene Supermarktregal lag nach Angaben der Wettbewerbshüter 135 Kilometer vom Backbetrieb entfernt.

Laut Münker bemerken Verbraucher die falschen Angaben der Werbung oft gar nicht - viele Beschwerden kommen von Konkurrenzunternehmen. Etwa im Fall eines süddeutschen Bekleidungsunternehmens, das Pullover mit einem Cashmere-Anteil von 100 Prozent bewarb - obwohl der Anteil der edlen Wolle nur 30 Prozent betrug.

Die Wettbewerbszentrale prüft alle eingehenden Beschwerden und einigt sich nach eigenen Angaben in 80 Prozent der Fälle außergerichtlich mit den betroffenen Unternehmen. Klappt das nicht, reicht sie als gemeinnützige Organisation von mehr als 1200 Unternehmen und über 600 Kammern und Verbänden Wettbewerbsklage ein. Knapp 90 Prozent der Verfahren habe man bisher ganz oder teilweise gewinnen können, sagte Münker.

"Wir wollen, dass der Verbraucher eine informierte Entscheidung treffen kann und nicht in die Irre geführt wird", betonte Münker. Das sei auch im Interesse der Industrie: "Unternehmen müssen sich das Verbrauchervertrauen tagtäglich erkämpfen. Das sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden."

seh/dpa/dapd



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