Schöngefärbte Broschüren und Berichte So gut haben es Tiere in Deutschland (sagt Ministerin Klöckner)

Wie geht es Schweinen, Hühnern und Rindern in deutschen Ställen? Bestens, wenn man den Publikationen des Agrarministeriums glaubt. Missstände werden kaum erwähnt, zeigt eine Analyse von Foodwatch.

Niemand kann behaupten, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) würde sich nicht ums »Tierwohl« kümmern. Seit Jahren veröffentlicht das Haus von Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) regelmäßig Texte, Studien, Broschüren, in denen das Wort vorkommt. Der Auftrag: Bürgerinnen und Bürger über die Nutztierhaltung informieren, aufklären.

Ein löblicher Ansatz, schließlich ist die Debatte für die meisten Verbraucher kaum noch zu durchschauen, und sie nimmt an Schärfe zu. Tierrechtler und Aktivisten prangern – auch über die Medien  Betriebe an, die gegen den Tierschutz verstoßen, Landwirte und Tierhalter fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Die von Landwirten häufig geäußerte Kritik, die Bürgerinnen und Bürger wüssten schlicht nicht mehr, wie Tierhaltung aussieht, ist nicht unberechtigt. Schuld daran dürfte aber auch das für sie zuständige Ministerium sein, das diese Realität nicht vermittelt.

Ein Bundesministerium sollte den Bürgerinnen Informationen zur Verfügung stellen, mit denen sie in der Lage sein sollten, einigermaßen fundiert zu beurteilen, wie die Lage ist und wie sie sich selbst dazu verhalten. Genau das sieht das dem BMEL unterstehende Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) als seine Aufgabe an , es »informiert Verbraucherinnen und Verbraucher unabhängig und neutral über Landwirtschaft«.

Doch das Klöckner-Ministerium sieht seine Aufgabe offenbar eher darin, die aktuell praktizierte Tierhaltung zu verteidigen und die Probleme kleinzureden. Das jedenfalls ist das Fazit einer systematischen Analyse der Verbraucherportale landwirtschaft.de, tierwohl.de und von Fachberichten der Bundesregierung, die die Verbraucherorganisation Foodwatch in Auftrag gegeben hat. Das Gutachten lag dem SPIEGEL vor Veröffentlichung vor. (Hier kann es jetzt heruntergeladen werden. )

»Die Bundesregierung hintertreibt dadurch den längst überfälligen gesellschaftlichen Diskurs über eine tiergerechte Nutztierhaltung«

Matthias Wolfschmidt, internationaler Strategiedirektor bei Foodwatch

Die Fragestellung lautete, »ob diese Portale sowie relevante Berichte des BMEL auch die Missstände in der Zucht, Unterbringung, Versorgung und Schlachtung von Tieren angemessen wiedergeben«. Das Ergebnis fasst Foodwatch so zusammen: Schönfärberei statt Fakten. Das BMEL verbreite tendenziöse Information über die Nutztierhaltung, Webseiten, Broschüren und Berichte der Bundesregierung beschönigten Zustände in Deutschlands Ställen.

Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner und internationaler Strategiedirektor bei Foodwatch, sagt, die deutsche Landwirtschaft mache »Abertausende von Nutztieren systematisch krank: Verhaltensstörungen, Krankheiten, Schmerzen und Leiden sind in vielen Ställen an der Tagesordnung«. Er kritisiert, dass in den BMEL-Publikationen von dem Tierleid keine Rede sei. »Die Bundesregierung hintertreibt dadurch den längst überfälligen gesellschaftlichen Diskurs über eine tiergerechte Nutztierhaltung«, sagt Wolfschmidt.

Eine Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen in der Wissenschaft und der Veterinärmedizin findet in den Veröffentlichungen tatsächlich kaum statt. Dabei machen unabhängig vom wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) Fachpublikationen seit Längerem auf »Produktionskrankheiten« der Tiere aufmerksam, also auf Krankheiten, die durch die Tierhaltung unmittelbar verursacht werden. Speziell im Tierschutzbericht 2019  der Bundesregierung erwartet man eine Übersicht über die Situation der Tiere, insbesondere die aktuell grassierenden Produktionskrankheiten, etwa Klauenseuche oder Euterentzündungen. Diese liefert der Bericht aber nicht.

Das BMEL lehnte eine konkrete Stellungnahme vor Veröffentlichung des Gutachtens ab, schrieb auf Anfrage aber: »Grundlage unserer Publikationen im Nutztierbereich und für den Begriff Tierwohl ist das TierschutzgesetzFür die Gestaltung unserer Broschüren ist das Corporate Design der Bundesregierung die Grundlage. Was den Inhalt betrifft, stellen wir den Sachverhalt objektiv dar.«

»Gutes Tierwohl« oder »schlechtes Tierwohl«?

Die Verwendung des Begriffs »Tierwohl« in den Publikationen ist besonders interessant, er ist in der Debatte über die Tierhaltung zu einem zentralen Begriff geworden – allerdings ohne je genau definiert worden zu sein. Im Gegensatz zum rechtlich definierten »Wohlbefinden« ist damit eigentlich kein positives Befinden gemeint. Sowohl der Beirat WBAE als auch landwirtschaft.de und tierwohl.de unterscheiden zwischen einer »guten Tierwohl-Situation« und »schlechtem Tierwohl«. Dem Verbraucher dürfte da auch ein staatliches »Tierwohl-Label« für Fleischprodukte kaum helfen zu verstehen, wie es den Schweinen, Rindern und Hühnern in ihren Ställen so ging.

Konkret gibt es dem Gutachten zufolge zwei Faktoren, die die Darstellung verzerrten: die direkte Beschönigung einzelner Maßnahmen sowie die Auslassung kritischer Aspekte. Ein paar konkrete Beispiele von landwirtschaft.de: Der Navigationspunkt »Nutztiere« soll zeigen, wie Rinder, Geflügel und Schweine in Deutschland zu Nahrungszwecken gehalten werden.

Unter dem Stichwort »Blick in den Stall« werden Beispiele für Tierhaltung in Deutschland gezeigt. Die Liste beginnt mit einem Betrieb, der Mutterkuhhaltung betreibt. Es entsteht hier ohne Vorwissen möglicherweise der Eindruck, es handele sich um einen typischen Beispielbetrieb, dabei repräsentiert die Mutterkuhhaltung nur einen kleinen Anteil an den Haltungsverfahren von Rindern. Die aus Tierschutzsicht problematische Anbindehaltung ist verbreitet, wird aber nicht in ihren negativen Auswirkungen auf Tiere anschaulich beschrieben. Es folgen weitere Positivbeispiele für Haltungspraktiken, die nicht repräsentativ für die herkömmliche Tierhaltung sind.

Unter der Überschrift »So leben Schweine« heißt es: »Ein geschlossener, klimatisierter Stall ohne Einstreu ist der Standard in der konventionellen Schweinehaltung. Von äußeren Einflüssen abgeschirmt ist es möglich, ein hohes Maß an Hygiene zu erreichen. Krankheiten werden nicht so leicht übertragen.« Was dagegen fehlt:

  • dass rund ein Fünftel aller in Deutschland gehaltenen Schweine (rund 13 Millionen Tiere), die Mastzeit nicht überleben und in Tierkörperbeseitigungsanlagen enden;

  • dass schätzungsweise 90 Prozent der in Deutschland gehaltenen Schweine Klauenkrankheiten entwickeln, knapp die Hälfte mit dem höchsten Schweregrad;

  • dass die genannten rechtlichen Mindestanforderungen an die Haltung in der Schweinemast aus wissenschaftlicher Sicht massiv unter Druck stehen;

  • die Feststellung des Oberverwaltungsgerichts in Magdeburg im Jahr 2016, dass ein Großteil der genutzten Kastenstände in Deutschland zum damaligen Zeitpunkt illegal war;

  • dass das Land Berlin die rechtlichen Anforderungen an die Schweinehaltung für unvereinbar mit dem Tierschutzgesetz und daher nicht für verfassungskonform hält;

Ähnlich selektiv ist die Auswahl bei den Rindern, unerwähnt bleiben beispielsweise

  • dass nahezu die Hälfe der Milchkühe in Deutschland Lahmheiten entwickelt;

  • dass immer noch jedes fünfte Rind in Deutschland in Anbindehaltung lebt und der Deutsche Bundesrat sich im Jahr 2016 in einer Entschließung für ein Verbot dieser Haltung ausgesprochen hat, da es sich um »kein tiergerechtes Haltungssystem im Sinne des §2 des Tierschutzgesetzes« handele;

  • dass laut einer Untersuchung in Deutschland und Österreich jedes zehnte Rind nach Abgabe des (ersten) Bolzenschusses noch wahrnehmungs- und empfindungsfähig ist.

»Zuweilen«, heißt es in dem Gutachten, »ähnelt auf den besagten Webseiten die Darstellung der Tierhaltung eher einer Marketing-Initiative denn einer objektiven Aufklärung. Die Perspektive der Tiere – und ihr erwiesen vielfaches Leid – wird weitgehend ausgeklammert.«

Jedenfalls sei es Verbraucherinnen und Verbrauchern auf dieser Grundlage nicht möglich, sich ein realistisches Bild der deutschen Landwirtschaft zu machen, geschweige denn eine informierte Kaufentscheidung im Supermarkt zu treffen, schreibt Foodwatch.

Verwunderlich ist die Darstellung in den Publikationen auch deshalb, weil sie nicht nur einen Teil der Fachpublikationen ignorieren, sondern auch der Einschätzung des eigenen wissenschaftlichen Beirats (WBAE) widersprechen, der »erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz« diagnostiziert  und deshalb »die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere für nicht zukunftsfähig« erachtet.

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