Kaufkraft-Analyse Drei Minuten arbeiten für ein Bier

Alles kostet immer mehr? Von wegen: Für einen Fernseher muss der Durchschnittsdeutsche nicht mehr Wochen arbeiten, sondern nur noch anderthalb Tage. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie erstaunlich billig unser Alltag inzwischen ist - in 50 Jahren ist Forschern zufolge nur ein Lebensmittel teurer geworden.

Hamburg - In Deutschland wird häufig geklagt, dass alles ständig teurer wird. Man muss immer länger arbeiten, um sich das Leben leisten zu können - oder nicht?

Eine Studie des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) beweist nun das Gegenteil: Ihr zufolge hat sich die Kaufkraft des Duchschnittsverdieners auf die Arbeitszeit gerechnet vervielfacht.

Basis der Berechnungen ist der Durchschnittsnettolohn, der 1960 geschätzt bei 1,27 Euro je Arbeitsstunde lag. 2009 waren es 14,05 Euro - die Deutschen verdienen also heute elfmal so viel wie vor fünf Jahrzehnten. Die Preise hätten sich im gleichen Zeitraum dagegen nur vervierfacht, sagt Christoph Schröder vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Deshalb seien fast alle vom IW untersuchten Produkte des Alltags günstiger geworden, wenn man ihre Preise ins Verhältnis zur Lohnentwicklung setzt.

Der Extremfall ist der Fernseher: 1960 musste der deutsche Durchschnittsverdiener noch mehr als zwei Wochen für ein Schwarzweißgerät arbeiten. Heute bekommt er einen einfachen Farbfernseher im Wert von knapp 190 Euro nach gerade mal anderthalb Tagen. Natürlich hinkt der Vergleich, weil mit der technischen Entwicklung Ansprüche wachsen - heute sind die Bedürfnisse andere als vor Jahrzehnten, ein einfacher Röhrenfernseher reicht in der Ära des 3-D-TV vielen nicht mehr. Doch der generelle Trend, dass die Kaufkraft trotz steigender Preise wächst, ist auch bei Produkten zu beobachten, die sich kaum verändert haben.

Wie sich die Preise wirklich entwickelt haben - Beispiele aus dem Alltag:

Einfache Lebensmittel wie Brot und Milch sind deutlich billiger geworden. Für ein halbes Pfund Butter musste der Durchschnittsverdiener 2009 nur noch vier Minuten arbeiten - vor fünf Jahrzehnten musste er dafür 39 Minuten seiner Arbeitskraft investieren.

"Die Lebensmittelpreise sind im vergangenen Jahr teilweise deutlich gesunken", sagt Schröder. Daher sei die Entwicklung bei ihnen besonders extrem. Doch auch für Kleider, deren Preis eigentlich deutlich gestiegen ist, muss der Arbeitnehmer weniger arbeiten. Hochhackige Damen-Pumps kosteten laut der IW-Studie 1960 circa 18,50 Euro und 2009 rund 77,50 Euro. Trotzdem kann man sie sich heute nach 5,5 Stunden Arbeit leisten - seinerzeit waren es 14,5 Stunden.

Einzige Ausnahme von der Regel: der Kabeljau. Um ein Exemplar der gefährdeten Fischart zu kaufen, musste man im vergangenen Jahr laut IW Köln 66 Minuten arbeiten. 1960 waren es zehn Minuten weniger.

cte
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