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Dokumentarfilm: Schmutzige Schokolade

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Kinderarbeit in Afrika Bittere Ernte

Kakaobauern in Westafrika beuten systematisch Kinder aus. Der ARD-Film "Schmutzige Schokolade" zeigt, wie das Geschäft der skrupellosen Menschenhändler funktioniert - und welche Schuld Industrie und Verbraucher tragen.

Hamburg - Ein Kind kostet 230 Euro. Der Kakaobauer aus der Elfenbeinküste sagt das, als ob Kinderhandel das Normalste auf der Welt wäre. "Wenn ihr meinem Bruder sagt, wie viele ihr braucht, dann besorgt er sie euch." Der Mann spricht über Sklavenarbeiter, Kinder zwischen 10 und 14 Jahren, die aus Mali und anderen Nachbarstaaten entführt werden, um auf den Plantagen der Elfenbeinküste zu arbeiten.

Bauern wie er beliefern die ganze Welt. 42 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion stammen aus der Elfenbeinküste. Schon lange verdächtigen Hilfsorganisationen die Schokoladenindustrie, von Sklavenhandel und Kinderarbeit in dem westafrikanischen Land zu profitieren. Der dänische Filmemacher Miki Mistrati ist nach Afrika geflogen, um Beweise zu finden. Und er fand sie: Seine Reportage "Schmutzige Schokolade" zeigt, wie das Geschäft der Menschenhändler funktioniert - und wie die Süßwarenkonzerne davon profitieren.

"Es war erschreckend einfach, Kinderarbeiter zu finden", sagte Mistrati SPIEGEL ONLINE. Zweimal ist er dafür nach Westafrika geflogen: "Ich war auf 17 verschiedenen Plantagen und überall arbeiteten Kinder." Die Rohstoffhändler und Schokoladenproduzenten verteidigten sich - neben dem Standardargument, nicht Eigentümer der Plantagen zu sein - damit, die Farmbesitzer würden ihre eigenen Kinder mitarbeiten lassen. Dagegen könne man nichts tun.

Doch diese Verteidigung entlarvt Mistrati mit weiteren Bildern aus Mali. In dem nördlichen Nachbarland der Elfenbeinküste verschwinden täglich Kinder, sie werden entführt und mit Bussen oder Motorrädern über die Grenze gebracht. Mit Einheimischen gelingt es dem Journalisten, die zwölfjährige Mariam aus den Händen der Menschenhändler zu befreien.

Eine Frau habe sie in den Bus Richtung Elfenbeinküste gesetzt, sagt das Mädchen. Sie habe ihr versprochen, dass sie auf den Plantagen Geld verdienen könne. Wie ihr geht es jeden Tag Dutzenden Kindern, allein in dem Dorf, in dem Mistrati filmt, seien in den zurückliegenden Wochen 170 Kinder verschwunden, sagt Moussa Coulibaly, ein Restaurantbesitzer, der das schmutzige Geschäft vor seiner Haustür miterlebt.

Auch ein Menschenhändler kommt in dem Film zu Wort: "Die Plantagenbesitzer geben uns Geld, damit wir die Kinder über die Grenze fahren", gibt er offen zu. "Ich habe das oft gemacht."

Jeder Deutsche isst im Jahr elf Kilo Schokolade

Für die Schokoladenindustrie ist Mistratis Film ein echtes Problem, mittlerweile hat er ihn in 18 Länder verkauft. Auch wenn die ARD die Dokumentation im Nachtprogramm versteckt, könnte sie in Deutschland eine Debatte auslösen, die die Konzerne gerne vermeiden möchten: Unter welchen Bedingungen wird der Kakao geerntet, den Nestlé, Ferrero, Ritter Sport, Mars und all die anderen zu Schokoriegeln, Tafeln und Pralinen verarbeiten?

Jeder Deutsche isst im Durchschnitt elf Kilo Schokolade pro Jahr. Hundert Gramm kosten in der Regel weniger als einen Euro. Dass die Bauern in Afrika für ihre Arbeit nicht fair entlohnt werden, kann sich jeder Konsument denken. Doch wie bei der Kleidung, die der Textildiscounter Kik in Bangladesch produzieren lässt und zu Niedrigpreisen in Deutschland verkauft, greift das System der kollektiven Verdrängung. Was eigentlich unvorstellbar ist, will man sich lieber nicht vorstellen.

Um wirklich etwas an den Bedingungen im Kakaohandel zu ändern, muss neben den Verbrauchern aber auch die Politik aktiv werden, fordert Mistrati. In seiner Heimat Dänemark wurde der Film schon im Juli gezeigt. Danach habe die Regierung einen Kodex verabschiedet, den die Schokoladenhersteller unterzeichnen müssen: Darin verpflichten sie sich, ihre Lieferanten künftig stärker zu beaufsichtigen. "Die Konzerne müssen für die Kinderarbeit verantwortlich gemacht werden", sagt der Filmemacher.

"Nicht akzeptabel, nicht förderlich"

Als einen Hauptgegner hat sich Mistrati Nestlé ausgeguckt: Der größte Lebensmittelkonzern der Welt macht im Jahr rund 80 Milliarden Euro Umsatz und über acht Milliarden Euro Gewinn. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagte ein Sprecher von Nestlé Deutschland: "Es gibt keine ersichtliche Verbindung zwischen den im Film gezeigten Szenen und der Lieferkette von Nestlé." Weiter gebe es "keine Hinweise, dass die im Film gezeigten Farmen Kakao für Nestlé liefern".

Zu der Kritik des Filmemachers, Nestlé habe ihm kein Interview gewährt, sagt der Sprecher, man habe ihm durchaus eine Stellungnahme zugeschickt, die er aber "bedauerlicherweise nicht aufgegriffen hat". Ein Interview vor der Kamera habe man ihm verwehrt, da die vorgegebenen Bedingungen "nicht akzeptabel waren und einer sachlichen Berichterstattung nicht förderlich erschienen".

Der Nestlé-Sprecher wirft Mistrati vor, der Film greife zu kurz, "da er weder die Ursachen für Probleme in der Lieferkette für Kakao noch die vorhandenen Lösungsansätze" aufgreife. Der Konzern habe mit dem sogenannten "Cocoa Plan" Maßnahmen in Angriff genommen, um die Probleme bei den Lieferanten zu lösen: "Dazu gehören vor allem die Bereitstellung von leistungsfähigen Pflanzen, die Schulung von Bauern sowie der Ausbau von Partnerschaften und Direkteinkauf", sagt der Sprecher. Dafür investiere Nestlé über zehn Jahre 82 Millionen Euro.

Tatsächlich hat der Film aber nicht den Anspruch, die Probleme auf dem Kakaomarkt sachlich aufzulisten. Mistrati emotionalisiert bewusst, er stellt die Bilder von arbeitenden Kindern neben die nach außen heile Welt der Schokoladenhersteller.

Wie geschickt er dabei seine Mittel einsetzt, zeigt der Däne bei der Schlussszene von "Schmutzige Schokolade": Er projiziert seine Aufnahmen der Kinder und Menschenhändler aus Mali auf eine Leinwand vor der Schweizer Zentrale von Nestlé. Statt einem Verantwortlichen des Lebensmittelkonzerns kommt aber nur die Polizei.


"Schmutzige Schokolade": Die ARD zeigt den Film am Mittwoch um 23.30 Uhr.