Kinderwagen-Test der Stiftung Warentest "Kaum Platz zum Strampeln"

Wie gut und sicher sind Kinderwagen? Die Stiftung Warentest hat 26 Modelle getestet - mit teilweise ernüchternden Ergebnissen. Hier erklärt Testleiterin Anne Kliem, warum vor allem Doppelkinderwagen so schlecht abgeschnitten haben.

Kinderwagen (Symbolfoto)
Felix Kästle / DPA

Kinderwagen (Symbolfoto)

Ein Interview von Arno Makowsky


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SPIEGEL: Frau Kliem, junge Eltern wollen unbedingt das Beste für ihr Baby. Worauf kommt es bei einem guten Kinderwagen an?

Anne Kliem: Vor allem auf die Ergonomie, der Wagen muss für das Kind wirklich geeignet sein. Für Neugeborene ist zum Beispiel wichtig, dass sie absolut gerade liegen können. Das heißt, die Liegefläche darf nicht angewinkelt sein. Außerdem muss der Wagen sicher sein, er darf nicht kippen oder ungewollt zusammenklappen. Und er muss frei von Schadstoffen sein.

SPIEGEL: Spielen die Bedürfnisse der Eltern auch eine Rolle?

Kliem: Klar, der Wagen muss praktisch und alltagstauglich sein und möglichst lange halten. Deshalb hat die Stiftung Warentest Kombi-Kinderwagen geprüft, die sind mit einer Wanne und einer Sitzeinheit ausgestattet. Im Optimalfall reicht das für Babys zwischen null und neun Monaten und danach für Kleinkinder bis vier Jahre.

SPIEGEL: Sie haben elf viel gekaufte Mono-Kinderwagen und drei Doppelkinderwagen getestet. (Hier geht es zum Testbericht bei der Stiftung Warentest). Mit welchem Ergebnis?

Kliem: Insgesamt sind die Ergebnisse erfreulich. In den letzten Jahren gab es immer große Probleme mit Kinderwagen, zum Beispiel in puncto Schadstoffe. Bei einem Test vor zehn Jahren musste die Stiftung Warentest zehn von 14 Kandidaten mit "mangelhaft" bewerten, weil sie schadstoffbelastet waren. Seitdem hat sich viel geändert. Sechs Modelle können wir wirklich empfehlen, der Testsieger ist mit 400 Euro sogar relativ preiswert.

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SPIEGEL: Welches Modell ist das?

Kliem: Der "Hauck Saturn R Duoset". Der hat eindeutig den besten Sitzkomfort und lässt sich schnell und intuitiv zusammenbauen.

SPIEGEL: Wie groß ist die Preisspanne bei Kinderwagen?

Kliem: Über 1000 Euro können Sie locker ausgeben, das teuerste Modell in unserem Test kostet 1260 Euro. Unsere Ergebnisse zeigen aber, dass man das keineswegs muss. Bei den mit "gut" bewerteten Kinderwagen ist sogar einer für 260 Euro dabei.

SPIEGEL: Ausgerechnet einer der teuersten, der "Bugaboo Donkey 2 Mono" für 1200 Euro, hat nur mit "ausreichend" abgeschnitten. Was war hier das Problem?

Kliem: Dieses Modell lässt sich zu einem Doppelkinderwagen verbreitern, in dem die Kinder nebeneinander fahren. Um das Ganze kompakt zu halten, sind die Babywannen aber ziemlich schmal gebaut - zu schmal. Von der Länge her passt das Kind gut rein, aber es fehlt ihm die Bewegungsfreiheit zur Seite. Mit Windeln und Winterklamotten ist kaum Platz zum Strampeln.

Testleiterin Anne Kiem, Stiftung Warentest
Jordis Antonia Schlösser/ Ostkreuz/ Stiftung Warentest

Testleiterin Anne Kiem, Stiftung Warentest

SPIEGEL: Tritt dieses Problem öfter auf?

Kliem: Bei einigen Modellen ergibt sich eine Lücke zwischen der Nutzung der Babywanne und der Sitzeinheit. Besonders auffällig war das beim Modell "Babyone T-Light". Bereits mit fünf Monaten kann die Wanne zu klein werden, aber in den Sitz können viele Babys erst ab neun Monaten umsteigen. Der T-Light war außerdem schadstoffbelastet und bekam deshalb ein "mangelhaft".

SPIEGEL: Welche Mängel sind Ihnen sonst noch aufgefallen?

Kliem: Bei einigen Kinderwagen ist das Aufklappen und Zusammenlegen ziemlich umständlich, weil man verschiedene Sicherungssysteme lösen muss. Das ist im Alltag unpraktisch. Bei anderen ist das Tragen und Transportieren mühsam, weil sie ziemlich schwer sind. Das gilt insbesondere für die Doppelkinderwagen. Darauf sollte man beim Kauf auch achten. Man muss ja ständig mit dem Wagen in den Bus einsteigen oder mal ein Hindernis auf der Straße überwinden, deshalb sollte er einfach handlich sein.

SPIEGEL: Doppelkinderwagen sieht man immer öfter im Straßenbild. Wie haben die bei Ihrem Test abgeschnitten?

Kliem: Nicht gut. Von den drei getesteten war einer "befriedigend", zwei bekamen nur "ausreichend". Egal, ob die Kinder nebeneinander liegen oder übereinandergestapelt werden - in jedem Fall gibt es Komforteinbußen sowohl für die Kinder wie für die Eltern. Mal ist die Wanne zu eng, mal lässt sich die Sitzeinheit nicht optimal einstellen. Außerdem sind diese Wagen schwer und unpraktisch in der Handhabung.

SPIEGEL: Früher haben sich große Frauen und Männer oft beklagt, dass der Lenker zu niedrig ist und sie beim Schieben immer mit dem Fuß an die Wagenräder anstoßen. Hat sich das geändert?

Preisabfragezeitpunkt:
27.09.2019, 10:52 Uhr
Ohne Gewähr

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Kliem: Nur ein Wagen im Test hatte damit ein Problem. Das war einer der Doppelkinderwagen. Bei dem sitzen die Kinder schräg übereinander, und die untere Wanne schränkt die Schrittfreiheit beim Schieben massiv ein. Da stößt man nicht gegen die Räder, sondern dauernd gegen die Wanne. Für das Kind ist das auch nicht angenehm.

SPIEGEL: Kinderwagentests sind ein Klassiker der Stiftung Warentest. Schon beim ersten Test 1972 titelte Ihr Magazin "Kinder auf der Kippe" - es ging um Sicherheitsmängel. Warum dauert es so lange, bis die Hersteller reagieren?

Kliem: Weil sich erst innerhalb der Gesellschaft etwas ändern muss. Bei Kinderwagen und Kinderprodukten allgemein ist die Sensibilität etwa für Schadstoffe oder Sicherheitsmängel heute einfach höher als vor Jahrzehnten. Es ist aber auch vieles besser geworden, weil wir der Branche auf die Finger schauen und - wenn notwendig - Probleme öffentlich machen.

SPIEGEL: Was könnten die Kinderwagen-Hersteller heute noch verbessern?

Kliem: Beim Sitzkomfort für die größeren Kinder zum Beispiel könnten sie etwas tun. Da lassen sich die Rückenlehnen nicht so weit zurückklappen, dass die Kinder eine wirklich ebene Liegefläche haben. Das ist aber wichtig, weil jedes Kind mal eine Pause braucht und dann auf einer ebenen Fläche schlafen sollte. Die Stiftung Warentest fordert das seit Jahren von den Herstellern. Die meisten Kinderwagen haben außerdem keine mitwachsenden Fußstützen. Die würden beim Sitzen den Druck aus den Kniekehlen der Kinder nehmen.

SPIEGEL: Wenn man durch Prenzlauer Berg in Berlin oder das Münchner Glockenbachviertel läuft, hat man den Eindruck, Kinderwagen sind nicht nur ein Transportmittel, sondern auch modisches Statement. Hat das Design bei Ihrem Test eine Rolle gespielt?

Kliem: Nein, die Stiftung Warentest schaut sich nur die Qualität der Produkte an. Natürlich haben wir darauf geachtet, dass die besonders angesagten Kinderwagen beim Test dabei sind. Aber ob das eine beliebte Luxusmarke mit schrillem Design ist, spielt für das Ergebnis überhaupt keine Rolle. Für uns kommt es vor allem darauf an, ob die Wagen für die Babys sicher und ergonomisch optimal gebaut sind.

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insgesamt 2 Beiträge
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irgendwas 04.10.2019
1. zu eng
Dieses Argument, dass die Doppelkinderwagen zu schmal sind, kann nur von Menschen kommen, welche noch kein Kind groß ziehen mussten und dabei täglich mit dem Kinderwagen unterwegs waren. Jedem anderen wäre es wichtiger, mit dem Gefährt noch durch die Haustür oder in den Aufzug zu kommen. Eine Stunde nicht strampeln können (btw. wenn mein Kind im Wagen gestrampelt hat, wollte es raus) ist völlig irrelevant, wenn man den Wagen nicht durch Engstellen bekommt und dann zwei Kleinkinder oder Babys ... ja was macht man dann eigentlich?
schnuddeler 05.10.2019
2. Kinderwagen-SUV's
Mich würde eher interessieren wie sich die Größe, Fläche und Volumen, seit 1972 verändert haben. Wenn zwei dieser überdimensionierten Kinderwagen in einem Gelenkbus (BVG: M44 z.B.) sind, hat noch nichtmal eine eingeschränkte Person die Möglichkeit einen der Sitzplätze für Eingeschränkte im Mittelsektor zu besetzen. Das funktioniert aber weiterhin wenn Rollstuhlfahrer an deren Stelle wären. Manche Obdachlose benötigen für ihren gesamten Haushalt im Einkaufswagen vielleicht genau so viel Fläche. Ich frage mich echt, wie meine Mutter es damals hinbekommen hat mit einem Teil, was weniger als die Hälfte des Platzes eingenommen hat, uns sieben Kinder ohne spätere Körperhaltungsschäden durch die Welt zu spazieren. Damals musste man aber weder Tablet für die Kinderbeschäftigung mitnehmen noch eine freie Hand für die Smartphonebedienung haben. Wenn man sich hier die Preise dieser Wagen anschaut, dann wäre doch sicherlich auch ein Aufpreis für Überdimensionierte wie beim Fahrrad auf dem Öffi-Ticket zu verkraften.
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