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20. November 2013, 17:17 Uhr

Koalitionsverhandlungen

Der Unsinn mit dem Dispo-Deckel

Ein Kommentar von

Wenn es um ihr Bankkonto geht, schauen die Deutschen ganz genau hin: Ob Geldautomat oder Kontoführung, alles soll kostenlos sein. In den Koalitionsgesprächen fordert die SPD nun auch noch einen Deckel für Dispo-Zinsen. Ein solcher Eingriff wäre ein Sieg der Bevormundungspolitik.

Was kann man einem erwachsenen Menschen zumuten? Dass er ab und zu auf seine Kontoauszüge schaut? Dass er merkt, wenn dort am Ende des Quartals hohe Überziehungszinsen abgebucht werden? Dass er sich überlegt, ob das vielleicht nicht so günstig für ihn ist?

Geht es nach der SPD, kann man das alles von einem erwachsenen Menschen nicht verlangen. Deshalb fordert die Partei in den Koalitionsverhandlungen mit der Union: Die Dispo-Zinsen, die Banken von ihren Kunden verlangen können, sollen bei rund acht Prozent gedeckelt werden. Im Schnitt verlangen die deutschen Kreditinstitute derzeit gut zehn Prozent.

Die Forderung ist populär. Ob Boulevardmedien, Verbraucherschützer oder Kneipenstammtisch: Wenn es gegen die "Zinsabzocke" geht, ist sich das Volk weitgehend einig. Und solche Einigkeit ist immer verdächtig.

Natürlich ärgert sich jeder Bankkunde zu Recht darüber, wenn das Konto mal wieder in die Miesen gerutscht ist und er dann auch noch horrende Überziehungszinsen zahlen soll. Und natürlich versuchen die Banken, bei den Dispo-Zinsen so viel wie möglich rauszuholen. Doch ist es wirklich Aufgabe des Gesetzgebers, die Zinsen zu deckeln?

Ein Dispo-Deckel ist kein Ersatz für Sozialleistungen

Kein Kunde wird dazu gezwungen, den teuren Notkredit in Anspruch zu nehmen. Er hat gleich mehrere Möglichkeiten, das Problem zu umgehen: Die einfachste ist, das Konto nicht zu überziehen. Er kann aber auch die Bank wechseln oder einfach einen normalen Kredit beantragen - zu deutlich günstigeren Zinsen.

Nun mag es wirtschaftlich schwache Menschen geben, bei denen das Geld einfach nicht reicht und die keinen normalen Kredit bei einer Bank bekommen. Aber es armen Menschen leichter zu machen, auf Pump zu leben, ist ja keine optimale Form der Sozialpolitik. Ein Dispo-Deckel darf nicht zum Ersatz für staatliche Sozialleistungen oder faire Löhne werden.

Die Deutschen haben ein merkwürdiges Verhältnis zu ihren Banken entwickelt: Sie erwarten, alles gratis zu bekommen, sei es die Abhebung am Geldautomaten oder die Kontoführung. Und wehe, es gibt zu wenig Zinsen aufs Tagesgeld! Dann verschiebt selbst der biederste Sparer sein Vermögen mal eben nach Island, wenn die Banken dort ein paar Zehntel Prozentpunkte mehr versprechen.

Nur nicht über den Tisch ziehen lassen, heißt die Devise - dabei schauen die Bankkunden ausgerechnet dort genau hin, wo die Institute ohnehin kaum mehr etwas verdienen. Gemessen an der Bilanzsumme der Banken ist der Zinsüberschuss - also der Gewinn aus Zinsgeschäften - seit 20 Jahren fast durchgängig rückläufig. Die Banken haben andere Bereiche entdeckt, in denen sich deutlich mehr verdienen lässt: Selbst kleine Institute zocken mittlerweile am Kapitalmarkt.

Während die Kunden bei allen Kosten, die ihr Konto betreffen, auf jeden Cent achten, scheint es ihnen auf der anderen Seite nicht besonders viel auszumachen, dass sie beim Kauf von Fonds oder Versicherungsprodukten regelmäßig saftige Gebühren und Provisionen zahlen, deren genaue Höhe sie im Gegensatz zum Dispo-Zins oft nicht mal kennen. Auch die Politik macht sich nur sehr langsam daran, diesen Missstand zu beheben - der Kampf gegen den "Zinswucher" lässt sich viel besser verkaufen.

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