Nassrasierer Mit dem Bartstoppelertrag gegen die Preisverwirrung

Ob Sensor, Hydro Power oder Mach3 Turbo - bei Nassrasierern kann man schon mal den Überblick verlieren. Unser Kolumnist sucht das Modell mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis.
Mann beim Rasieren

Mann beim Rasieren

Foto: imago

Im Bad eines Freundes fiel mir ein Nassrasierer auf. Der Griff sah aus wie der Steuerknüppel eines Sternzerstörers, im Kopf saßen fünf Klingen, ein Bartstoppelanheber, ein Aloe-Vera-Antiirritationstreifen und allerlei andere Gimmicks, deren Funktion sich mir nicht erschloss.

Ich hingegen verwende den Gillette Sensor Excel, seit den frühen Neunzigern. Der hat nicht einmal Bluetooth. Vielleicht wäre es mal nötig, eine zeitgemäßere Gesichtsfräse zu kaufen?

Zunächst suche ich einen Drogeriemarkt auf. Nachdem ich die Auslage begutachtet habe, erinnere ich mich, warum ich immer noch den Steinzeit-Gillette benutze: Die Klingen werden von Generation zu Generation teurer. Und die Auswahl ist verwirrend.

Allein von Gillettes neuestem Modell, dem Fusion, existieren sechs Versionen: Gillette Fusion, Gillette Fusion Power, Gillette Fusion Proglide, Gillette Fusion Proglide Power, Gillette Fusion Proshield und Gillette Fusion Proshield Chill.

Gechillt bin ich inzwischen nicht mehr. Wer soll da durchblicken, frage ich mich, dabei ist die Antwort offensichtlich: ich, natürlich! Tom König, Verbraucherkolumnist extraordinaire, kapituliert nicht vor einem Haufen überzüchteter, übervermarkteter Nassrasierer.

Excel hilft immer

In den folgenden Stunden hinterlege ich sämtliche Rasierermodelle im Tabellenkalkulationsprogramm Excel. Klingt bekloppt? Vielleicht. Aber ich war schon immer der Meinung, dass man dem Wahnsinn vorauseilen muss, um ihm zu entkommen. Wenn mir diese durchgeknallten Marketingfuzzis ein derart undurchsichtiges Preissystem vor den Latz knallen, werden sie schon sehen, was sie davon haben.

Der Preis des Rasierers ist natürlich unwichtig. Entscheidend ist, was die Klingenaufsätze kosten. Eine Achterpackung für den Gillette Fusion liegt beispielsweise bei 20,95 Euro. Die für den Gillette Fusion Power schlägt mit nur 17,95 Euro zu Buche, enthält allerdings lediglich fünf Aufsätze. Der erste Schritt ist folglich, den Preis pro Aufsatz zu errechnen. Das fördert zutage, dass ein Klingenaufsatz für den Wilkinson Sword Hydro 5 Sensitive 3,24 Euro kostet, der für den Wilkinson Sword Hydro 5 Groomer + Power Select (was nehmen die im Marketing bloß?) hingegen nur 2,99 Euro.

Welche Aussagekraft hat das? Die Aufsätze meines Gillette Sensor Excel sind mit 1,30 Euro zwar billiger als die des Gillette Mach 3 (2,06 Euro). Aber Letzterer rasiert aufgrund seiner Extraklinge vermutlich auch besser.

Im nächsten Schritt errechne ich deshalb den Preis pro Klinge. Dies führt zu der interessanten Erkenntnis, dass man beispielsweise beim Gillette Sensor Excel 0,65 Euro je Klinge berappen muss, beim Gillette Mach 3 0,69 Euro und beim Gillette Fusion 0,52 Euro.

Inzwischen habe ich einen halben Tag damit zugebracht, Rasiererrankings zu erstellen. Den besten Klingenpreis bietet demnach das Großvater-Modell Wilkinson Sword Klassik (0,33 Euro), am teuersten ist der Gillette Mach 3 Turbo (1 Euro).

Rasierklingenpreise

Rasierklingen für Modell PreisproPackung Aufsätzepro Packung KlingenproAufsatz PreisproAufsatz PreisproKlinge KöKK* RRQ**
Wilkinson Sword Quattro 6,45 € 4 4 1,61 € 0,40 € 1,96 0,2057
Wilkinson Sword Hydro 5 Power Select 9,95 € 4 5 2,49 € 0,50 € 2,3056 0,2158
Gillette Fusion 20,95 € 8 5 2,62 € 0,52 € 2,3056 0,2272
Wilkinson Sword Quattro Titanium Sensitive 7,45 € 4 4 1,86 € 0,47 € 1,96 0,2376
Wilkinson Sword Hydro 5 Groomer + Power Select 11,95 € 4 5 2,99 € 0,60 € 2,3056 0,2592
Wilkinson Sword Hydro 5 Sensitive 12,95 € 4 5 3,24 € 0,65 € 2,3056 0,2808
Gillette GII 9,95 € 10 2 1,00 € 0,50 € 1,6 0,3109
Gillette Fusion Power 17,95 € 5 5 3,59 € 0,72 € 2,3056 0,3114
Wilkinson Sword Hydro 3 7,45 € 4 3 1,86 € 0,62 € 1,96 0,3168
Boldking 10,00 € 4 4 2,50 € 0,63 € 1,96 0,3189
Gillette Fusion Proglide 29,95 € 8 5 3,74 € 0,75 € 2,3056 0,3248
Gillette Fusion Proglide Power 29,95 € 8 5 3,74 € 0,75 € 2,3056 0,3248
Wilkinson Sword Classic 3,25 € 10 1 0,33 € 0,33 € 1 0,3250
Gillette Mach 3 16,45 € 8 3 2,06 € 0,69 € 1,96 0,3497
Gillette Fusion Proshield 16,95 € 4 5 4,24 € 0,85 € 2,3056 0,3676
Gillette Fusion Proshield Chill 16,95 € 4 5 4,24 € 0,85 € 2,3056 0,3676
Gillette Sensor Excel 12,95 € 10 2 1,30 € 0,65 € 1,6 0,4047
Gillette Mach 3 Sensitive 11,95 € 5 3 2,39 € 0,80 € 1,96 0,4065
Gillette Mach 3 Turbo 14,95 € 5 3 2,99 € 1,00 € 1,96 0,5085
*KöKK=Königscher Klingen-Koeffizient;
**RRQ=Rasurrealeffizienzquotient;
Quelle: eigene Berechnung; alle Preise aus dem dm-Drogeriemarkt, 21.6.16

Gesetz des sinkenden Bartstoppelertrags

Fertig? Oh nein. Was in dieser Milchmädchenrechnung nämlich unberücksichtigt bleibt, ist das Gesetz des sinkenden Grenzertrags. Dieses ist, wie jeder Ökonom weiß, quasi ein Naturgesetz. Es besagt, dass mehr Input zwar zu mehr Output führt, der zusätzliche Output aber mit jeder Erhöhung des Inputs kleiner wird. Einfacher gesagt: Wenn auf einem Acker tausend Kartoffeln wachsen und man einen Laster Gülle draufkippt, wachsen fünfhundert Kartoffeln zusätzlich. Wenn man einen zweiten Laster Gülle draufkippt, bringt das immer noch etwas, aber nicht mehr fünfhundert Extraknollen, sondern nur zweihundertfünfzig. Der dritte Laster bringt sogar nur noch hundertfünfundzwanzig zusätzliche Kartoffeln an Grenzertrag und so weiter.

Es ist nicht einzusehen, warum das Ertragsgesetz nicht auch für Multiklingenrasierer gelten sollte. Der Ertrag, von dem wir reden, sind abrasierte Bartstoppeln. Deren Ausbeute wird mit jeder weiteren Klinge wachsen, aber eben nicht linear. Nun liegen mir zwar keine belastbaren Zahlen über die Grenzertragsabnahmefunktion bei Rasierklingen vor. Doch glücklicherweise bin ich Diplom-Sozialwissenschaftler, weswegen mir derlei methodische Feinheiten komplett schnuppe sind. Ich nehme einfach mal an, dass jede zusätzliche Klinge lediglich 60 Prozent des Grenzertrags der vorhergehenden erzielt.

Addiert man diese Grenzerträge pro zusätzlicher Klinge, erhält man den König'schen Klingen-Koeffizient (KöKK). Die mathematische Herleitung erspare ich Ihnen. Wichtiger ist die Erkenntnis, dass die Rasierleistung von fünf Klingen lediglich 2,3056 mal so hoch ist wie die einer Klinge. Folglich ist es notwendig, den Preis je Klingenaufsatz durch den KöKK zu dividieren, um so den Rasurrealeffizienzquotienten (RRQ) zu erhalten.

Dieser ermöglicht es uns nun (zumindest denen, die noch nicht eingeschlafen sind), den preisoptimalen Nassrasierer zu finden. Es ist der Wilkinson Sword Quattro. War doch nicht so schwer, oder?

Hatten auch Sie ein besonderes Serviceerlebnis? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de .