Konjunktursorgen in Deutschland Das Land mit der roten Laterne

Deutschlands Volkswirtschaft wächst derzeit so langsam wie kaum eine andere in Europa. Hält der Trend an, werden wir zum nächsten Problemfall für den Euro.

Baustelle in Berlin
Jan Woitas/ DPA

Baustelle in Berlin

Eine Kolumne von


Es wirkt wie ein Flashback. Deutschland ist wieder das Land, um das sich die Nachbarn Sorgen machen - nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen seiner wirtschaftlichen Schwäche.

Die derzeitige Konstellation weckt Erinnerungen an die frühen Nullerjahre. Damals fiel die Bundesrepublik scheinbar unaufhaltsam zurück. Es dauerte Jahre, bis die Strukturkrise überwunden war und Deutschland ab 2006 einen Daueraufschwung erlebte, den auch die Weltrezession von 2008/09 nicht abwürgen konnte.

Diese dynamische Phase ist vorerst vorbei. Die Stimmung bei den Unternehmen sinkt seit mehr als einem Jahr, und sie erfasst immer weitere Branchen: Industrie, Handel, Dienstleistungen. Nur auf dem Bau ist die Laune nach wie vor blendend, wie der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts zeigt.

Bereits im zweiten Halbjahr 2018 schaffte die deutsche Wirtschaft nicht mehr als Stagnation. Dieses Jahr soll sie um gerade mal 0,7 Prozent wachsen, hat der Internationale Währungsfonds (IWF) dieser Tage in seinem aktualisierten Wirtschaftsausblick vorhergesagt. Es ist der zweitniedrigste Wert aller großen westlichen Volkswirtschaften. Nur Italien wächst noch langsamer.

Sicher, die Prognose ist eine Momentaufnahme. Für nächstes Jahr stellt der IWF bereits wieder deutlich höhere Wachstumsraten in Aussicht. Und doch, die weltwirtschaftlichen Risiken, die der Fonds kommen sieht - weiter eskalierende Handelskonflikte, ein Brexit ohne Abkommen mit der EU, plötzliche Finanzmarktverwerfungen in den Schwellenländern -, würden die offene, exportorientierte deutsche Wirtschaft härter treffen als andere Länder.

Auch in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren gab es manchen konjunkturellen Fehlstart. Aufschwünge wurden vorhersagt, gerieten dann aber doch immer wieder ins Stocken. So ging das jahrelang.

Es lohnt sich, die damalige Situation noch einmal in Erinnerung zu rufen; nach den langen guten Jahren, in denen die Bundesrepublik von ökonomischem Selbstbewusstsein nur so gestrotzt hat, gerät ja manches in Vergessenheit.

Umrisse einer Strukturkrise

Vor knapp 20 Jahren war die Bundesrepublik das Land mit der "roten Laterne" - das Schlusslicht am Heck des europäischen Zugs. 2002 veröffentlichte Hans-Werner Sinn, damals Präsident des Münchner Ifo-Instituts, einen gleichnamigen Aufsatz. Darin diagnostizierte er eine umfassende Strukturkrise: eine schwächelnde Industrie, von internationalen Wettbewerbern bedroht, eine überalternde Bevölkerung, hohe Arbeitslosigkeit und steigende Staatsschulden, dazu eine Welle von Unternehmensinsolvenzen und eine schwelende Bankenkrise. Deutschland gab damals kein gutes Bild ab.

Glücklicherweise sind wir heute von einem derartigen Problemszenario noch weit entfernt. Die Beschäftigung ist hoch, die Arbeitslosigkeit niedrig. Die Verschuldung des Staates und der Unternehmen ist im internationalen Vergleich gering. Der außenwirtschaftliche Überschuss ist nach wie vor gigantisch, was für die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft spricht.

Dennoch stellen sich fundamentale strukturelle Fragen. Handelskrieg und De-Globalisierung treffen ins Herz des Geschäftsmodells großer Teile der exportlastigen deutschen Industrie. Die Alterung der Gesellschaft bleibt ein Thema, auch wenn seit 2010 die Zuwanderung insbesondere aus anderen europäischen Ländern das Problem überdeckt hat.

Bei der Digitalisierung hat die Bundesrepublik keine Führungsrolle. Das zeigt sich nicht nur bei der Netzinfrastruktur. Auch die Investitionen in geistiges Kapital sind vergleichsweise gering, während Risikokapital zur Finanzierung junger, innovativer Firmen relativ knapp ist, wie der IWF kürzlich in seinem jährlichen Länderbericht konstatiert hat.

Zwei Warnungen

Die deutsche Wirtschaft, so sieht es aus, steht am Ende eines langen Aufschwungs, der auf den traditionellen Stärken der hiesigen Industrie basierte: Maschinen- und Anlagenbau, Autos, Chemie. Deutschland hat im Angebot, was die Schwellenländer für ihre eigene Industrialisierung benötigen, dazu schicke Autos (mit großen Verbrennungsmotoren), die die Wohlhabenden rund um den Globus sich wünschen.

Doch dieser lange Zyklus flaut ab. Der Industriesektor, dessen Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland etwa doppelt so groß ist wie in vergleichbaren Ländern, muss sich in Teilen neu erfinden.

Beim Rückblick auf die letzte deutsche Strukturkrise drängen sich zwei Schlussfolgerungen auf:

  • Erstens,
    je rascher sich ein nötiger Wandel vollzieht, desto besser. In den Neunzigerjahren dauerte es sehr lange, bis die Problemdiagnose weithin akzeptiert war. Und es brauchte noch einmal Jahre, bis diese Erkenntnis zu tatsächlichen Veränderungen führten.
    Dazu zählen nicht nur die Hartz-Gesetze und die "Bündnisse für Arbeit", sondern auch die Verbesserungen des Bildungssystems infolge des "Pisa-Schocks" von 2000, der systematische Ausbau von Wissenschaft und Forschung, die schrittweise Erleichterung der Zuwanderung und vieles mehr.
    Die letzte Krise dauerte auch deshalb so lange, weil sich Mutlosigkeit und Pessimismus verfestigten - Gift für die gesellschaftliche Weiterentwicklung.
  • Zweitens,
    Deutschlands Probleme sind eine Belastung für ganz Europa. Allein wegen der Größe unserer Volkswirtschaft und der engen Zulieferverflechtungen beeinträchtigen Phasen deutscher Schwäche unsere Nachbarn. Das gilt insbesondere für die übrige Eurozone.

Man vergisst es heute gern, aber in den Nullerjahren, als Deutschland das Land mit der roten Laterne war, hielt die Europäische Zentralbank (EZB) gerade wegen der rechtsrheinischen Malaise die Zinsen niedrig - was ungesunde Booms in Euro-Ländern wie Spanien und Irland befeuerte, die später in die Eurokrise mündeten.

Auch jetzt lockert die EZB abermals ihre Geldpolitik. Sie begründet dies mit der schwachen Konjunktur in der Eurozone (neue Zahlen am Mittwoch) - und das heißt derzeit vor allem: in Deutschland. Wenn die hiesige Wirtschaft leidet, beeinträchtigt dies die gesamte Eurozone. Entsprechend sieht sich die EZB zum Handeln gezwungen, wenn es hierzulande nicht rund läuft - auch wenn das insbesondere in Deutschland heftig kritisiert wird.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche
Montag

Luxemburg - BMW-Subventionen vor Gericht - Der Europäische Gerichtshof urteilt über die Beihilfen für das Leipziger BMW-Werk. Der Autobauer hatte 2014 gegen eine Deckelung der Zahlungen durch die EU-Kommission geklagt.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von Siemens Healthineers und Ryanair

Dienstag

Karlsruhe - Euro-Verdikt - Das Bundesverfassungsgericht (BVG) verkündet sein Urteil zur Europäischen Bankenunion. Es geht um die Einrichtung einer zentralen Bankenaufsicht bei der EZB und die Modalitäten zur Abwicklung von Banken in Schieflage. Später am Tage verhandeln die Richter dann abermals über die Anleihekäufe durch die EZB. Das BVG hatte sich bereits vor zwei Jahren mit dem Thema befasst, dann aber den Europäischen Gerichtshof eingeschaltet, der befand, die Anleihekäufe seien rechtens.

Wiesbaden - Deutsche Inflation - Das Statistische Bundesamt legt Zahlen zur Entwicklung der Konsumentenpreise im Juli vor.

Berichtssaison II - Geschäftszahlen von Fresenius, FMC, Lufthansa, Bayer, L'Oreal, Apple, Procter & Gamble, Huawei, Pfizer, Eli Lill, Air Liquide, Siemens Gamesa, BP, Reckitt Benckiser, Merck & Co., AMD

Mittwoch

Washington - Unter Druck - Die US-Notenbank Fed entscheidet über die Geldpolitik. Fed-Offizielle haben eine Zinssenkung in Aussicht gestellt. Eine heikle Entscheidung für eine unabhängige Notenbank, die vom US-Präsidenten massiv angegriffen wurde.

Luxemburg - Europas Schwäche - Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht eine vorläufige Schätzung zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im Euroraum und in der EU im zweiten Quartal.

Nürnberg - Jobs, Jobs, Jobs - Die Bundesagentur für Arbeit legt neue Zahlen vom deutschen Arbeitsmarkt vor. Schlägt sich die schwache Konjunktur inzwischen nieder?

Berichtssaison III - Geschäftszahlen von Samsung, Osram, General Electric, BNP Paribas, Qualcomm, Swiss Re, Credit Suisse, Airbus, Air France-KLM

Donnerstag

Berichtssaison IV - Geschäftszahlen von Siemens, BMW, Infineon, Zalando, ArcelorMittal, Société Générale, Evonik, AXA, Shell, General Motors

Freitag

Berichtssaison V - Geschäftszahlen von Allianz, Vonovia, ZF, Lanxess, Chevron, Exxon Mobil, Credit Agricole International Airlines Group, Royal Bank of Scotland, BT Group



insgesamt 450 Beiträge
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Seite 1
spon-1169332508199 28.07.2019
1.
Nachdem es jetzt jahrelang übermäßig nach oben ging, mit allen Konsequenzen für Wohnen, Straßen etc. jetzt gleich den Teufel an die Wand zu malen wie wenn es uns gleich in den Abgrund reißt... Vielleicht tut uns eine Stagnation auf dem hohen Niveau mal gar nicht so schlecht. Zumindest hier in Bayern ist alles dermaßen überhitzt, keiner findet mehr Mitarbeiter und wenn finden die keine Wohnung
karlo1952 28.07.2019
2. Na gut, dsnm geht's halt jetzt
wieder für die nächsten 12 Jahre ezwas bergab. Das hatten wir doch schon öfters und ist der normale Lauf der Wirtschaftszyklen. Mit den 5 Mio. Arbeitslose in den Nullerjahren sind wir doch auch über die Runden gekommen und haben noch Aufbau Ost gemeistert. Also bitte jetzt mal nicht so schwarz malen. Ein bischen Husten ist noch kein Grippe.
robin-masters 28.07.2019
3. Problem erkennen
jahrelanger Stillstand durch GroKo... gescheiterte Energiewende, explodierende Sozialausgaben und immer mehr Bürokratie (Antidiskriminierungsgesetz, Entgelttransparenzgesetz, DSGVO etc.), mangelnde Infrastrukturausgaben, enorme Bauvorschriften... Es gibt soviel Blockaden... das mich wundert das die Wirtschaft überhaupt läuft.
tommit 28.07.2019
4. Willkommen Herr Müller
am Ende der WIrtschaftstheorie und des wirtschaflichen Wachstums ... Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei, für die westlichen Gesellschaften wird es jetzt Zeit Stellung zu beziehen und die nächste Stufe zu betreten .. EIne die nicht so absolut an einem dutzend selbstgebastelten Kenngrössen hängt .. OB diese möglich ist solange andere noch unseren Konsum nicht erreicht haben .. werden wir sehen.. jedenfalls mit der Strategie der stillen Demokratisierung der Welt sind wir krachend gescheitert.
Drehmoment 28.07.2019
5. Die erste Krise der Welt,...
...die aktiv herbei geschrieben wird, weil man meint, es könne doch nicht angehen, dass es mehr als 10 Jahre kontinuierliches Wachstum gibt, ohne dass der nächste Einbruch kommt.
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