Hermann-Josef Tenhagen

Beitragserhöhungen 2021 Teuer, teurer, Krankenkasse

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Viele gesetzliche Krankenkassen erhöhen die Beiträge – das kann mehrere Hundert Euro pro Jahr ausmachen. Die gute Nachricht: Wechseln wird so leicht wie nie, und das kann sich richtig lohnen.
Foto: Inderlied / imago images / Kirchner-Media

2021 wird das Jahr der Krankenkassenwahl. Aus zwei Gründen:

Erstens werden viele Krankenkassen gleich zum 1. Januar teurer – aber nicht alle. Das finanzielle Motiv, die Krankenkasse zu wechseln, wird also stärker. Umso mehr vor dem Hintergrund angespannter Haushaltskassen wegen Corona-Kurzarbeit oder Auftragsmangel.

Zweitens hat der Gesetzgeber den Wechsel der Krankenkasse deutlich vereinfacht. Künftig wird das funktionieren wie beim Stromanbieterwechsel.

Ab 2021 suchen Sie sich einfach eine neue Kasse aus und teilen der Krankenkasse mit: Ich will zu euch. Die neue Kasse kümmert sich dann um die Kündigung der alten. Sie müssen nur noch dem Arbeitgeber formlos mitteilen, wo Sie künftig krankenversichert sein werden. Die formale Bescheinigung schickt die neue Krankenkasse dem Arbeitgeber elektronisch. Wenn Sie Anfang Januar den Wechsel anstoßen, können Sie zum 1. April in der neuen Kasse sein.

Noch schneller geht es nur, wenn Sie den Arbeitgeber wechseln, dann können Sie sofort die Kasse wechseln – ohne jede Wartezeit.

Selbst wenn beim Wechsel etwas schiefgeht, kann nichts Schlimmes passieren. Wie beim Strom. Denn schon bislang gilt: Dann muss sich die alte Kasse weiter kümmern. Sie können nicht nicht versichert sein.

Wenn der Wechsel aber per se geklappt hat, Sie jedoch mit der neuen Kasse nicht zufrieden sind, müssen Sie künftig nur noch zwölf Monate ausharren, bevor Sie weiterziehen können. Bislang waren es 18 Monate.

Sollte Ihre Kasse irgendwann den Beitrag erhöhen, haben Sie ohnehin weiter ein Sonderkündigungsrecht.

Corona und der Beitragssatz

Warum sind die Kassen teurer geworden? Zum einen verursacht die Coronakrise natürlich auch bei Krankenkassen zusätzliche Kosten. Selbst wenn man unterstellt, dass manche teure, aber nicht lebensnotwendige Operation 2020 verschoben worden ist, dann wird sie eben 2021 stattfinden und kostet dann das Geld der Kassenpatienten.

Schlimmer noch: Mancher Krankenhausbesuch, der aus Sorge wegen Corona unterblieben ist, wird teure Spätfolgen haben. Wenn der kleine Herzinfarkt und der kleine Schlaganfall nicht ordentlich behandelt wurden, drohen gesundheitliche Folgen, die später ordentlich ins Geld gehen. Im Frühjahr sind in den Kliniken zeitweise fast 30 Prozent weniger Herzinfarkte behandelt worden. Aber die waren ja trotzdem da. Gesundheitliche Spätfolgen können langwierig sein und einen Haufen Geld kosten .

Noch viel wichtiger aber ist, dass Millionen von zahlenden Mitgliedern der Krankenkassen 2020 in Kurzarbeit waren, viele sind es noch. Sie zahlen teils viel weniger Beitrag bei den Kassen ein. Zehntausende Mitglieder sind – zumindest zeitweise – arbeitslos geworden. Auch sie zahlen weniger . Hinzu kommen immer schon allein bei den AOKs mehr als sechs Millionen Familienmitglieder, die bei den Krankenkassen versichert sind, aber keine Beiträge zahlen. Bei den Ersatzkassen wie der Techniker oder der Barmer sind es knapp sechs Millionen.

Tatsächlich haben gerade einige Dickschiffe unter den Krankenkassen zum 1. Januar die Beiträge erhöht. Die Techniker will von ihren knapp acht Millionen Mitgliedern 0,5 Prozentpunkte mehr, die Barmer verlangt von mehr als sieben Millionen Mitgliedern 0,4 Prozentpunkte mehr. Auch die AOK Plus und die AOK Nordost langen kräftig zu und wollen 0,6 Prozentpunkte mehr .

So viel kosten Beitragssteigerungen

Eine Gutverdienerin mit 5000 Euro Bruttoeinkommen im Monat zahlt zum Beispiel bei der Techniker jetzt 764 Euro statt bislang 717 Euro im Monat. Auf dem Gehaltszettel sieht sie Monat für Monat 23 Euro weniger, den Rest bezahlt der Arbeitgeber. Neben dem Beitragssatz ist auch die Beitragsbemessungsgrenze gestiegen; die Angestellte muss den erhöhten Satz jetzt für 4837,50 Euro ihres Gehalts zahlen und nicht nur wie 2020 für 4687,50 Euro monatlich .

Aber auch wer etwa als Teilzeitkraft 1500 Euro im Monat verdient, muss mehr zahlen. Statt 229,50 Euro werden 237 Euro fällig.   

Und die Techniker ist bei Weitem nicht die teuerste Kasse. Die BKK Herkules aus Kassel zum Beispiel verlangt 2021 einen Beitragssatz von 16,3 Prozent. Dabei hat die Kasse ihren Beitrag zum Jahreswechsel sogar um einen halben Prozentpunkt gesenkt. 16,3 Prozent, das sind 788 Euro für die Angestellte mit 5000 Euro brutto und 244,50 Euro für die Teilzeitkraft.

Am günstigsten bietet bundesweit die HKK aus Bremen ihre Kassenleistungen an, eine der kleineren Ersatzkassen mit rund 550.000 Mitgliedern. Der Beitragssatz beträgt dort 2021 nur 14,9 Prozent – oder 720 Euro beziehungsweise 223,50 Euro für unsere beiden Beispielfälle .

Weil Arbeitgeber die Hälfte der Krankenkassenbeiträge zahlen, haben sie ein elementares Interesse, dass ihre Mitarbeiter in eine günstige Kasse wechseln. Deshalb erlaubt der Gesetzgeber auch den sofortigen Kassenwechsel, wenn Sie bei einem neuen Arbeitgeber anfangen. An dieser Stelle muss aber Ihr Interesse als Versicherter nicht immer deckungsgleich mit dem Interesse Ihres Arbeitgebers sein.

Auf die Leistungen achten

Denn das eigene Portemonnaie darf und sollte bei der Kassenwahl zwar eine wichtige Rolle spielen, aber nicht die einzige. Wer etwa als chronisch Kranker gute Erfahrungen mit der Betreuung durch die eigene Krankenkasse gemacht hat oder wer die Außenstelle der Krankenkasse in der eigenen Kreisstadt schätzen gelernt hat, der sollte eher nicht wechseln. Auch wer freiwillige Zusatzleistungen seiner Kasse etwa für Sportkurse wichtig findet, sollte vor dem Wechsel mindestens prüfen, ob es die bei der neuen Kasse auch gibt.

Die wesentlichen Leistungen müssen zwar alle Krankenkassen in Deutschland anbieten, aber im Detail unterscheidet sich der Service manchmal schon deutlich. Die eine Kasse bezahlt die Schutzimpfung für die Tropen, die andere unterstützt junge Familien mehr oder bietet in der Alternativmedizin nicht nur Osteopathie-Behandlung. Hier unterscheiden sich sogar die besseren Kassen noch. Und beim letzten Test schnitten die IKK Classic und die HEK hier besonders gut ab. Der nächste Test kommt im Januar .

Deswegen lohnt sich für alle Kassenmitglieder, die auf besondere Leistungen Wert legen, neben dem Blick auf den Beitragssatz die Prüfung der Extraleistungen. Die analysieren wir bei Finanztip in jedem Jahr neu – einen Blick auf das Leistungsverhalten der Kassen inklusive. Bei manchen Kassen muss man bei Leistungsverweigerungen erst mal Widerspruch einlegen oder sogar zum Sozialgericht, um eine Reha oder den passenden Rollstuhl zu bekommen. Legendär ist eine Studie aus dem Jahr 2017, wonach Krankenkassen häufig Rehaleistungen zunächst ablehnen, nach einem Widerspruch der Mitglieder in mehr als der Hälfte aller Fälle aber doch zahlen.

2021 wird das Kassenwahljahr. Und Wählen ist ganz einfach. So gehen Sie vor:

  1. Die eigene Kasse für sich persönlich bewerten.

  2. Beitragssatz vergleichen und eine bezahlbare Kasse finden.

  3. Persönlich wichtige Leistungen abklären und das Angebot als passend oder unpassend bewerten.

  4. Wechseln (oder eben nicht).

Das können Sie ganz sicher auch! 

Und wenn Sie danebengelegen haben, wird die Korrektur Ihres Irrtums ab 1. Januar deutlich einfacher.