Umstrittene Bonitätsbewertung Wie Sie die geheime Schufa-Formel knacken können

Mietvertrag, Telefonanschluss, Bankkredit - die Schufa entscheidet überall mit. Anhand geheimer Berechnungen bewertet sie die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern. Doch nun können Sie helfen, den Algorithmus offenzulegen.
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Fast jeder Vermieter will sie sehen. Versandhändler und Banken rufen sie ab, ohne dass der Betroffene etwas mitbekommt: die Schufa-Auskunft zur Bewertung der Kreditwürdigkeit. Die Daten sollen Aufschluss darüber geben, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand seine Rechnungen begleichen, die Miete zahlen oder einen Kredit bedienen kann.

Die Schufa selbst sieht sich als Dienstleister, um Tausenden Unternehmen zu soliden Geschäftsabschlüssen zu verhelfen. In den Augen vieler Verbraucher wiederum ist die Schufa eine Datenkrake, die auf undurchsichtige Weise zu Bewertungen kommt, die sich direkt auf ihr Leben auswirken können.

So kann ein negatives Ranking bei der Schufa dazu führen, dass Banken Verbrauchern keinen Kredit gewähren - oder nur einen zu höheren Zinsen. Oder dass Telekommunikationsfirmen sich weigern, einen Internetanschluss bereitzustellen.

Zu ihren Bewertungen kommt die Schufa durch das sogenannte Scoring. Der Weg zum Kreditprofil von Verbrauchern ist deshalb so umstritten, weil die Schufa dieses Profil mit einer geheimen Formel berechnet.

Kritiker werfen der Auskunftei Intransparenz vor. Es sei unklar, welche Daten in welcher Gewichtung ins Scoring einfließen. Verbraucherschützer meinen entschlüsselt zu haben, dass Bürger besser bewertet werden, je weniger Konten oder Handyverträge sie haben. Und dass häufige Umzüge eher zu einer negativen Bewertung beitragen.

Die Schufa sieht die Algorithmen, die zur Bewertung des Scores führen, als "schützenswertes Geschäftsgeheimnis". Dieses sei "nicht jedermann gegenüber offenzulegen". Sie verweist auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs, der im Januar 2014 die Klage einer Frau abgewiesen hatte.

Die Frau wollte infolge einer negativen Schufa-Auskunft erfahren, wie es zu der Bewertung gekommen war. "Als einzige Auskunftei Deutschlands hat die Schufa ihre Score-Verfahren inklusive der verwendeten Variablen nicht nur der zuständigen Datenschutzbehörde, sondern bereits 2010 auch gegenüber den Datenschutzbeauftragten aller Bundesländer und des Bundes offengelegt", schreibt das Unternehmen auf eine entsprechende Anfrage.

Doch es gibt auch eine Chance für die breite Öffentlichkeit, Einblick zu erhalten. Die beiden Nichtregierungsorganisationen AlgorithmWatch und die Open Knowledge Foundation rufen mit der Initiative OpenSchufa  zur Datenspende auf. Sie wollen möglichst viele Schufa-Auskünfte sammeln, um mehr über das Schufa-Scoring herauszufinden. Datenjournalisten des SPIEGEL und des Bayerischen Rundfunks werden die Daten anschließend auswerten.

Zwar gibt es neben der Schufa noch weitere Auskunfteien wie etwa Creditreform oder Arvato Infoscore. Doch für die meisten Verbraucher ist die Schufa die bekannteste. Manche halten sie sogar für eine Behörde. Doch die Schufa ist eine Aktiengesellschaft, deren Anteile aber nicht an der Börse gehandelt werden.

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Die Schufa selbst erklärt in einem Video am Beispiel eines Immobilienkredits  nur grob, wie der Score-Wert zustande kommt. Demnach bekommt die Auskunftei von Tausenden Unternehmen Daten über das Zahlungsverhalten von Verbrauchern. Also darüber, ob etwa Kredite beantragt oder zurückgezahlt oder ob Rechnungen beglichen werden.

"Diese Daten stellt die Schufa mithilfe eines etablierten und geprüften Rechenmodells den Daten anderer Kreditnehmer gegenüber - und zwar Hunderttausenden", heißt es. So könnten die Score-Werte erstellt werden. Laut Schufa werden sie je nach Branche und aufgrund unterschiedlicher Daten berechnet. So können Scores sich bei ein und demselben Verbraucher unterscheiden, je nachdem ob eine Bank oder ein Versandhändler Auskunft über die Kreditwürdigkeit haben möchte.

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Der beste Score-Wert liegt theoretisch bei 100 Prozent. Diesen Wert gibt es laut Schufa aber in der Realität nicht. Ihren Angaben zufolge gilt etwa ein Wert von rund 98 Prozent als gut.

Die Auskunftei legt Wert darauf, dass sie keine Daten zu Nationalität, Beruf, Einkommen oder Familienstand besitzt. Auch der Wohnort, also das sogenannte Geo-Scoring, soll unerheblich sein. "Es spielt keine Rolle, ob Sie in einer 'guten' oder 'weniger guten' Gegend wohnen", schreibt die Schufa. Und schränkt dann doch ein: "Lediglich in wenigen Ausnahmefällen - nämlich wenn uns zu einer angefragten Person keinerlei Informationen vorliegen - greifen wir auf Adressdaten zurück - und nur dann, wenn dies von unserem Kunden explizit gewünscht wird." Wobei mit Kunde das Unternehmen gemeint ist, das die Infos haben möchte.

Neben der Intransparenz beim Scoring-Verfahren monieren Verbraucherschützer auch , dass die Schufa teils veraltete Daten verwendet. In diesem Fall ruft die Schufa Verbraucher sogar auf, dies der Auskunftei zu melden . Denn veraltete Datensätze können zu einer schlechteren Bewertung führen.

Verbraucher sind Wirtschaftsauskunfteien nicht völlig ausgeliefert. So hat jeder das Recht, einmal im Jahr eine kostenlose, schriftliche Auskunft von sämtlichen Auskunfteien zu erhalten . Dies ist sogar gesetzlich geregelt (§ 34 Absatz 8 Satz 2 BDSG).

Die Auskunfteien müssen also Verbrauchern mitteilen, welche Daten sie über sie speichern - doch wie sie daraus eine Bonitätsnote errechnen, dürfen die Unternehmen für sich behalten. Das könnte sich mit OpenSchufa ändern. Sie als Verbraucher können ihre kostenlose Selbstauskunft nutzen , um das Projekt zu unterstützen. Wie das genau funktioniert, erfahren Sie auf der Projektseite .

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Disclaimer: Der Schufa-Mitbewerber Arvato gehört zum Bertelsmann-Konzern. Dessen Tochter, der Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ist mit 25,5 Prozent am SPIEGEL beteiligt. SPIEGEL ONLINE berichtet natürlich trotzdem redaktionell unabhängig.

Die Bertelsmann-Stiftung gehört zudem zu den Unterstützern der NGO AlgorithmWatch. Das Open-Schufa-Projekt soll aber davon unabhängig mit einem Crowdfunding finanziert werden. Die Idee hinter dem Projekt entstand als Kooperation zwischen AlgorithmWatch und der NGO Open Knowledge Foundation. Ziel ist es, zunächst den Score zu untersuchen, der den größten gesellschaftlichen Einfluss in Deutschland hat.