Nestlé, Humana, Rossmann, Novalac Labors finden Mineralölrückstände in Milchpulver für Säuglinge

In Babymilchpulver wurden erneut Spuren von Mineralölen nachgewiesen - nun von staatlichen Laboren. Die Ergebnisse sind erst deshalb bekannt geworden, weil Foodwatch die Herausgabe beantragt hat.
Babymilchpulver: Rückstände von aromatischen Mineralölen in Produkten von vier Herstellern

Babymilchpulver: Rückstände von aromatischen Mineralölen in Produkten von vier Herstellern

Foto: dragana991/ Getty Images/iStockphoto

Im vergangenen Oktober forderte Bundesernährungsministerin Julia Klöckner wieder einmal mehr Transparenz von der Lebensmittelbranche: "Wenn sich herausstellt, dass Baby- oder Säuglingsmilch der Gesundheit unserer Kleinsten schaden könnte, darf sie nicht im Supermarkt landen", sagte die CDU-Ministerin , Lebensmittel müssten sicher sein. Foodwatch hatte damals in mehreren Milchpulverprodukten für Säuglinge potenziell krebserregende Mineralöle gefunden. Nun gibt es neue Testergebnisse – von staatlichen Laboren.

Bei Dutzend verschiedenen Milchpulverprodukten haben die Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUA) Münster und Stuttgart Spuren von gesättigten Mineralölkohlenwasserstoffen (MOSH) gefunden, bei elf Produkten sogar aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH). Die Ergebnisse wurden aber nicht veröffentlicht. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat die Resultate über das Verbraucherinformationsgesetz angefordert und verfügbar gemacht .

Keine akute Gesundheitsgefahr

Demnach hat das CVUA Münster in allen 50 untersuchten Proben  MOSH nachgewiesen, zudem MOAH in 14 Proben von insgesamt elf unterschiedlichen Produkten. Das Labor in Stuttgart fand den Ergebnissen zufolge  in 17 Proben keine MOAH-Verunreinigungen, wies jedoch in zwölf Proben MOSH nach. Foodwatch zufolge sollten MOAH aufgrund ihrer Gefährlichkeit in Lebensmitteln auch nicht in kleinsten Spuren vorkommen. Gesättigte Mineralöle (MOSH) sollten demnach nach wissenschaftlicher Einschätzung zumindest weitestgehend vermieden werden: Sie reichern sich in Körpergeweben und Organen an, ihre genauen Auswirkungen sind wissenschaftlich noch unklar.

Eine akute Gesundheitsgefahr besteht zwar nicht, auch gibt es für die Stoffe bisher keine gesetzlichen Grenzwerte. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA stehen MOAH aber im Verdacht , Krebs auszulösen und das Erbgut zu schädigen.

Nestlé, Humana, Rossmann, Novalac

Das CVUA Münster fand MOAH

  • in sechs Nestlé-Produkten: "BEBA Pro HA 2", "BEBA Supreme Pre, von Geburt an", "BEBA Optipro 2", "BEBA Optipro 1", "BEBA Pro HA 1, von Geburt an" und "BEBA Pro HA Pre"),

  • in je zwei Produkten der Hersteller Novalac: "Säuglingsmilchnahrung PRE 400g" und "BK, Blähungen und Koliken"

  • und Humana: "SL Spezialnahrung bei Kuhmilchunverträglichkeit" und "Anfangsmilch 1 von Geburt an"

  • sowie in einem Produkt der Rossmann-Eigenmarke Babydream: "Kinderdrink ab 1 Jahr".

Unklar ist, ob die untersuchten Produktchargen noch im Handel sind. Nach Meinung von Foodwatch belegen die Laborergebnisse aber, dass die Hersteller mit ihren Produktionsabläufen die Unbedenklichkeit ihrer Babyprodukte nicht garantieren konnten.

Die Hersteller weisen das auf Anfrage zurück. Die Humana-Mutterfirma Deutsches Milchkontor (DMK) schreibt in einer sehr ausführlichen Stellungnahme, dass sie "keine verunreinigten Produkte auf den Markt bringen", jeden Hinweis auf Verunreinigung "sehr ernst" nehmen und mit den Rohstoff-Lieferanten daran arbeiteten, "mögliche Einträge so weit wie möglich zu reduzieren".

Die Testergebnisse der CVUA waren dem Unternehmen bekannt, aber die Behörden hätten daraus "explizit keinen Handlungsbedarf abgeleitet und kein Verbraucherrisiko erkannt". DMK verweist zudem darauf, dass MOSH und MOAH in der Umwelt weitverbreitet und die Analytik "sehr komplex" seien.

Nestlé antwortete auf die SPIEGEL-Anfrage, dass es sich bei den Testergebnissen um Rezepturen handele, die nicht mehr produziert würden. Auch dem Lebensmittelkonzern waren die Ergebnisse bekannt, die Behörden hätten jedoch keine Gesundheitsgefahr gesehen. Im Übrigen gebe es "durch die Komplexität der Analyse auf Rückstände von Mineralöl" je nach Labor Schwankungswerte. Rossmann und Novalac beantworteten die SPIEGEL-Fragen nicht.

Foodwatch fordert Rückruf

Foodwatch forderte Bundesernährungsministerin Klöckner auf, die Produkte umgehend vom Markt nehmen zu lassen und sicherzustellen, dass nur noch unbelastete Säuglingsmilch in den Handel gelangt. "Frau Klöckner darf die Untersuchungsergebnisse nicht länger ignorieren, sondern muss dafür sorgen, dass mineralölbelastete Babymilch sofort aus dem Handel geräumt wird", sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker.

Das hatten die Verbraucherschützer schon im Oktober 2019 nach den selbst initiierten Tests  verlangt. Sie werfen dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) Untätigkeit vor. Tatsächlich räumte das BMEL bereits im Dezember auf eine schriftliche Anfrage der Bundestagsabgeordneten Amira Mohamed Ali ein, dass es von weiteren MOAH-Funden wusste. Etwas umständlich heißt es in der Antwort, die Untersuchungsergebnisse zeigten, "dass von aktuell 26 untersuchten Proben Säuglingsmilchnahrung von zehn Inverkehrbringern 15 Proben keine Rückstände von MOAH aufweisen." Im Klartext: 11 Proben waren belastet.

Allerdings habe Nestlé bei Eigenkontrolluntersuchungen keine MOAH nachweisen können. Foodwatch-Geschäftsführer Rücker wirft Ernährungsministerin Klöckner vor, konkrete amtliche Untersuchungsergebnisse zu verschweigen. "Dass die Bundesregierung die Geschäftsinteressen von Nestlé & Co. über den Gesundheitsschutz von Säuglingen stellt, ist ein Skandal."

Eine Sprecherin des BMEL verwies darauf, dass die Lebensmittelüberwachung in Deutschland "in die alleinige Zuständigkeit der Länder" falle - das Bundesministerium sei also nicht verantwortlich. Und weiter: "Werden MOAH in Säuglingsnahrung nachgewiesen, müssen die zuständigen deutschen Behörden je nach Einzelfall geeignete Maßnahmen im Sinne des vorsorgenden Verbraucherschutzes ergreifen."

Bei den aktuellen Testergebnissen war das, wie aus den Antworten der Hersteller hervorgeht, nach Meinung der Landesbehörden offenbar unnötig. Notwendig wären laut BMEL "lebensmittelrechtliche Regelungen zu Mineralölbestandteilen in Lebensmitteln" - die aber, das betont das Ministerium bei vielen Gelegenheiten, "auf EU-Ebene" ergriffen werden müssten.