Lebensmittel Gutes aus der Gegend

Wissen Sie, woher ihre Lebensmittel kommen? Neue Onlinedienste liefern via Mausklick Produkte aus der Region.
Von Christiane Langrock-Kögel
Buntes Gemüse: "Man muss online mit offline koppeln"

Buntes Gemüse: "Man muss online mit offline koppeln"

Foto: Jens Wolf/ dpa

Es gibt kaum noch einen Supermarkt, der nicht mit Lebensmitteln "Aus der Region" wirbt. Mit eigens geschaffenen Siegeln und hübschen Namen werden sie als gute Portion Zuhause angepriesen. Doch im Prinzip sagt der Begriff "regional" außer einer gewissen geografischen Nähe erst einmal nichts über die Produkte und ihre Qualität aus. Auch in der Region lässt sich vieles falschmachen. Ein paar Start-ups wollen nun mit Online-Lieferdiensten für Lebensmittel aus der Region mehr Transparenz schaffen - und dem Kunden jeden einzelnen Hersteller erklären.

Aber wie definieren sie Regionalität? Wie konsequent sind sie? Und ist der Kunde überhaupt dazu bereit, wirklich regional zu konsumieren?

Was heißt eigentlich regional?

Jeder Regionalwarenhändler definiert selbst, was der Begriff für ihn bedeutet. Ulf Schönheim ist Vorstand der Hamburger Regionalwert AG, einer Bürgeraktiengesellschaft, die sich für eine lokale Landwirtschaft und Wertschöpfungskette starkmacht. Er sagt: "Es gibt Produkte, bei denen man einen Radius von 100 bis 150 Kilometern braucht, zum Beispiel Feinkost, Spirituosen oder Salz. Brot, Milch und Kartoffeln muss man aber nicht von so weit herholen."

So nah wie möglich, so weit wie nötig also? "Unser Radius beträgt rund hundert Kilometer um Hamburg", sagen Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer, die mit dem Lieferdienst Frischepost im April 2015 online gegangen sind. Christian Eggert hingegen, Geschäftsführer des Berliner Start-ups Bonativo, findet eine Kilometergrenze zu starr. "Das Meiste für unsere Kunden kommt aus Berlin und Brandenburg. Wenn es ein bestimmtes Produkt aber erst in Mecklenburg-Vorpommern in der gewünschten Qualität gibt, ist das für uns auch in Ordnung." Wichtig ist Eggert, dass die Herkunft seines gesamten Sortiments transparent ist. Dann könne der Kunde selbst entscheiden.

Gilt bei Lebensmitteln: regional = gut?

Die Verbraucherzentrale hält die Sehnsucht nach regionalen Produkten für eine Reaktion auf die Globalisierung des Lebensmittelmarkts. Regionale Produkte wirken authentisch. Der Kunde glaubt, dass lokal Hergestelltes durch kurze Transportwege das Klima schont, Landwirtschaft und Arbeitsplätze in der Region sichert und einfach frischer schmeckt.

Doch stimmt das? Was das Klima betrifft, fällt die Bilanz bei jedem Produkt anders aus und hängt vor allem von den Produktionsmethoden ab. Der vielzitierte Apfel aus Neuseeland kann klimagünstiger sein als ein heimischer Apfel aus dem Kühlhaus. Entscheidend ist auch, ob Lieferdienste für Regionalwaren ihre Produkte energieeffizient transportieren - zum Beispiel auf optimierten Routen und mit dem Elektroauto.

Ansonsten gilt: Regional allein reicht nicht aus, es braucht zusätzliche Qualitätskriterien. Ein Kohlrabi, der zwar in der Nähe gewachsen ist, dessen Saatgut aber aus Ostasien stammt und den osteuropäische Landarbeiter für einen Hungerlohn geerntet haben, ist noch lange kein gutes Produkt. Regionalwert-Mann Schönheim sagt: "Ökologisch, sozial und regional ist die beste Kombination."

Was ist neu an den Onlineshops mit regionalen Waren?

Die Biokiste vom Bauernhof vor den Toren der Stadt gibt es schon lange. Die meisten Höfe haben ihre eigenen Produkte aber um eine breite Palette zugekaufter Lebensmittel ergänzt - sie haben also häufig ein Angebot, in denen überregionale Produkte vorherrschen. Das Gemüse vom eigenen Hof macht inzwischen oft den kleinsten Teil der Biokiste aus.

Die Hamburger Firma Frischepost oder Bonativo aus Berlin konzentrieren sich wesentlich stärker auf regionale Waren - mehr als 80 Prozent ihres jeweiligen Sortiments stammen aus der selbst definierten Region. In ihren Shops kommt der Kunde an Lebensmittel heran, die er selbst vermutlich nie entdeckt hätte - weil kleine Höfe oft nicht auf Wochenmärkten zu finden sind und keinen eigenen Onlineshop haben. "Wir recherchieren für unsere Kunden, wo es die besten Produkte aus ihrer Region gibt", sagt Bonativo-Gründer Eggert. "Natürlich ist es wunderbar, wenn jemand die Zeit hat, zum Hofladen hinauszufahren oder über den Markt zu schlendern. Wir richten uns an Menschen, die das leider nicht schaffen - aber trotzdem genau wissen wollen, wo ihr Essen herkommt."

Profitieren kleine Höfe von den Onlinehändlern?

"Produzenten ganz ohne Vermarktung gibt es nicht", sagt Schönheim von Regionalwert. "Aber viele kleine Höfe verkaufen nur im Ort und im Nachbarort. Wer mehr produzieren und auch nach weiter weg verkaufen will, dem sind die neuen Onlinelieferdienste gute Partner." Ein Milchhof, der nur Milch und Joghurt verkauft, kann damit zwar keinen Hofladen oder Marktstand bestücken - macht sich aber gut im Sortiment eines Regionalwarenshops. "Wir übernehmen für unsere Hersteller das Marketing, machen Fotos von Aussaat oder Ernte, schreiben Hofporträts und drehen kleine Videos", sagt Eggert von Bonavito. Die Höfe der Frischepost liefern ihre Waren in ein Lager in der Hamburger Hafencity. Für kleinere Produzenten, die nicht eigens in die Stadt fahren, organisiert das Team aber schon einmal eine Mitfahrgelegenheit bei anderen Lieferanten.

Regionale Waren im Internet bestellen - ein Widerspruch?

Holt man sich Kartoffeln oder andere Produkte aus der Region, kann man ihre Produzenten kennenlernen. Nach dem Motto: "Schüttele die Hand, die dich ernährt." Reine Versandlösungen hält Ulf Schönheim für schwierig. Er baut selbst einen kleinen Onlineshop für Hamburger Regionalwaren auf - sucht aber auch nach einem Laden. "Man muss online mit offline koppeln", sagt er. "Lebensmittel möchte man probieren. Im Internet kann man dann ja nachbestellen." Den direkten Kontakt zum Bauern ersetzen die Onlineshops durch Hof-Porträts und Newsletter. "Da erzählen wir, warum die Gurken krumm sind und die Eier jetzt Größe S haben", sagt Frischepost-Gründerin Eichblatt.

Wollen sich die Konsumenten überhaupt regional ernähren?

Essen nur aus der Region - im Winter heißt das: Das einzige Obst sind Äpfel und Birnen. Beim Gemüse kann man zwischen Kartoffeln, verschiedenen Kohlsorten und Zwiebeln wählen, überspitzt ausgedrückt. "Es gibt das ganze Jahr über gute Sachen", sagt Schönheim, der ziemlich konsequent regional lebt. Aber wer macht das sonst schon? "Wandel kommt immer von den Rändern", sagt er.

Eggert von Bonativo hingegen verfolgt gar kein 100-Prozent-Ziel. "Dafür müssten sich die Kunden stark umstellen. Sie sind von den großen, stets verfügbaren Supermarkt-Sortimenten geprägt. Aber wir wollen niemanden belehren." Auch Bonativo verkauft - in kleinem Maß - überregionale Produkte. Nach einer Kundenumfrage und langen Diskussionen hat Frischepost das Sortiment gerade erweitert: "83 Prozent unserer Kunden waren für die Orangen aus Sizilien", sagt Eva Neugebauer. "Wir beschreiben den italienischen Hof aber genauso detailliert wie die Höfe unserer regionalen Bauern. Wir wollen wirklich ausschöpfen, was unsere Region bietet. Aber darüber hinaus halten wir Verzicht nicht für den Weg."

Hier kann man bestellen:

  • Frische Post : Das Hamburger Start-up liefert regionale Köstlichkeiten aus einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern
  • Bonativo : Die Berliner Firma bringt den Wochenmarkt ins Netz - mit einem Berliner und einem Hamburger Onlineshop
  • Landkorb : Der Lindenhof vertreibt über 500 eigene und zugekaufte regionale Bioprodukte aus Brandenburg
  • Lieferladen : Essen aus der Region für Konsumenten in Stuttgart und in Ulm
  • Regionalwaren : Milchprodukte, Fleisch und Honig aus dem Hamburger Raum

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".

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