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Lebensmittel-Label: Wie sich Ampel und Aigners Modell unterscheiden

Foto: BMELV

Lebensmittelampel Wie Aigner die Verbraucher mit einer Umfrage täuschte

Ilse Aigner sonnt sich in ihrem Image als stramme Verbraucherschützerin. Doch im Streit um die Lebensmittelampel vertrat sie knallhart die Interessen der Industrie. Um ihre Linie zu verteidigen, führte sie stets eine Umfrage an - wobei sie wichtige Details verschwieg.

Hamburg - Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Dieser Spruch, der in kaum einem Buch über Statistik fehlt, könnte auf CSU-Ministerin Ilse Aigner angewandt heißen: Trau keiner Umfrage, die das Verbraucherministerium für seine Zwecke interpretiert.

Darum geht es: Aigners Vorgänger, der heutige CSU-Chef Horst Seehofer, hat im Frühjahr 2008 eine Umfrage präsentiert, bei der die Zustimmung der Verbraucher zum sogenannten "1 plus 4"-Modell abgefragt wird. Dieses Modell zur Kennzeichnung von Zucker-, Fett-, Salz- und Kaloriengehalt von Lebensmitteln entspricht den Wunschvorstellungen der Lebensmittelindustrie (siehe Fotostrecke oben). Das von Verbraucherzentralen, Ärzten und Krankenkassen bevorzugte Ampelmodell lehnen die Hersteller dagegen ab. Die Befürchtung: Die Signalfarbe Rot bei hohem Zucker- oder Fettanteil gefährde den Absatz.

Überraschenderweise ergab Seehofers Umfrage jedoch eine hohe Zustimmung zum Modell des Ministeriums. Über 80 Prozent der Befragten nannten das Siegel informativ, verständlich und übersichtlich.

Wenn Aigner und ihre Staatssekretärin Julia Klöckner (CDU) gefragt werden, warum sie sich nicht für die Ampel einsetzen, verweisen sie gerne auf die Umfrage von 2008. So verteidigt Aigner ihr Label auf abgeordnetenwatch.de: "Das '1 plus 4'-Modell wird durch die Verbraucher positiv beurteilt. Dies ergab eine im März 2008 im Auftrag des Ministeriums durchgeführte repräsentative Meinungsumfrage. Über 80 Prozent der Befragten beurteilten die Darstellung nach diesem Modell als informativ, verständlich und übersichtlich." 

55 Prozent lassen sich durch Farben beeinflussen

Fast wortgleich äußert sich Klöckner im Juli - ebenfalls auf abgeordnetenwatch.de. Sie finde es "erfreulich, dass das '1 plus 4'-Modell bereits in großem Umfang angewendet" werde und "immer mehr Lebensmittel mit den Angaben nach diesem Modell versehen werden".  Und wieder der Verweis auf die Studie: "Über 80 Prozent der Befragten" würden das Modell für "informativ, verständlich und übersichtlich" halten.

Nun der Haken: Das Institut Infratest dimap hat gar nicht die Zustimmung zum bestehenden "1 plus 4"-Modell der Regierung abgefragt. Tatsächlich sind die Angaben für Zucker, Fett und Salz in der Umfrage farblich unterlegt - grün, orange und rot. Just mit jenen Ampelfarben also, die Aigner so vehement ablehnt, da sie angeblich zu stark vereinfachen und den Konsumenten in die Irre führen würden.

Im Klartext: Aigner macht mit einer Umfrage gegen die Ampel Stimmung, die im Kern die Vorteile der farblichen Kennzeichnung belegt. Sie argumentiert mit einer Studie, die für sie eigentlich unerfreuliche Ergebnisse gebracht hat. Dazu kommt: In der Infratest-Umfrage geben 55 Prozent der Befragten sogar an, die farbliche Gestaltung beeinflusse konkret ihr Einkaufsverhalten.

Industrie warnte Seehofer vor Umschwenken

Horst Seehofer überlegte im Frühjahr 2008 tatsächlich, das "1 plus 4"-Modell farblich zu unterlegen, was bei der Lebensmittelindustrie prompt für Entsetzen sorgte. In einer Pressemitteilung vom 30. Mai 2008 warnte der Lobbyverband Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) den Minister vor einem Umschwenken. Der BLL stellte die Studienergebnisse in Frage und bezeichnete die farbliche Kennzeichnung als verwirrend und wissenschaftlich nicht haltbar: "Sie gibt falsche Signale und ist eine Täuschung der Verbraucher."

Im Oktober 2008 wurde Ilse Aigner Seehofers Nachfolgerin. Für sie kam weder das Ampelmodell in Frage noch die farbliche Kennzeichnung des "1 plus 4"-Modells. Stattdessen setzte sie auf das"1 plus 4"-Modell in Reinform. Doch für die öffentliche Diskussion rund um dieses Siegel führte Aigner stets die Umfrage ihres Vorgängers an.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch sieht in Aigners Verhalten eine systematische Fehlinformation der Bürger. "Wir erwarten, dass sie das richtigstellt", sagt Foodwatch-Sprecher Martin Rücker. Die Ministerin habe viele Bürger enttäuscht, die sich für die Lebensmittelampel ausgesprochen hätten. "Und dann verkehrt sie eine solche Umfrage noch ins Gegenteil. Das ist wirklich dreist."

"Nichts Falsches gesagt"

Im Verbraucherministerium ist man sich dagegen keiner Schuld bewusst. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE sagte eine Sprecherin, man habe mit der Umfrage doch nur die Zustimmung zum "1 plus 4"-Modell belegen wollen. Und wie passt das mit der farblichen Unterlegung in der Umfrage zusammen? "Man kann Umfragen ja unterschiedlich auslegen. Die Ministerin hat nichts Falsches gesagt."

Das vielleicht nicht. Aber sie habe die Umfrage schon sehr verkürzt dargestellt, sagt die Grünen-Abgeordnete Nicole Maisch. Sie wirft Aigner vor, gegen die Ampel zu argumentieren, um die Industrie zu schützen. "Dazu passt, dass die Umfrage offenbar so konzipiert wurde, dass möglichst gute Ergebnisse herauskommen." Und diese habe Aigner dann zu ihren Gunsten ausgelegt.

Derzeit verhandeln die Minister der EU-Mitgliedsländer über eine europaweite Verordnung für die Lebensmittelkennzeichnung. Dort könnte sich Aigner tatsächlich für ein farblich gestaltetes Modell einsetzen - wenn sie denn wollte. Doch davon ist nicht auszugehen.

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