Lebensmittelskandal Tierfutter schon seit Monaten mit Dioxin verseucht

Mit Dioxin belastete Industriefette sind schon seit dem vergangenen Frühjahr zu Tierfutter verarbeitet worden. Das bestätigte das Landwirtschaftsministerium in Kiel. Im gesamten Land wurden inzwischen mehr als 4700 Höfe gesperrt.
Hühner im Mastbetrieb: Vorsorglich wurden mehr als 4700 Höfe geschlossen

Hühner im Mastbetrieb: Vorsorglich wurden mehr als 4700 Höfe geschlossen

Foto: REUTERS

Berlin - Verseuchte Industriefette sind schon seit längerem zu Tierfutter verarbeitet worden. Ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Kiel bestätigte am Morgen einen Bericht der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung", wonach bereits am 19. März 2010 ein privates Labor in einer Probe des Fettlieferanten Harles und Jentzsch doppelt so viel Dioxin gemessen wurde wie erlaubt. Das Agrarministerium habe erst am 27. Dezember von der Grenzwertüberschreitung erfahren, heißt es in dem Bericht.

Das positive Ergebnis stammt dem Bericht zufolge aus einer Eigenkontrolle des Unternehmens - und wurde den Behörden nicht mitgeteilt. Die schleswig-holsteinische Futtermittelüberwachung in Uetersen habe die Probe am 29. Dezember beschlagnahmt und der Staatsanwaltschaft übergeben. Auch nach dem März 2010 habe es bei Eigenkontrolluntersuchungen des Unternehmens Auffälligkeiten gegeben, die ebenfalls unterschlagen worden seien, sagte ein Ministeriumssprecher der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Dem Bericht zufolge hat auch das Unternehmen aus dem niedersächsischen Dinklage, das den Skandal durch eine Selbstanzeige im Dezember ins Rollen gebracht hatte, schon Wochen vorher von der Verunreinigung gewusst. Die Zeitung beruft sich dabei auf Informationen aus dem Bundesagrarministerium. Das Laborergebnis habe bereits am 27. November vorgelegen.

Zahlreiche Bauernhöfe gesperrt

Deutschlandweit sind nach Angaben des Verbraucherministeriums in Berlin inzwischen insgesamt 4709 Betriebe vorsorglich gesperrt worden.Die meisten Höfe, die möglicherweise Mischfutter mit belastetem Futterfett bekommen haben, liegen in Niedersachsen. Dort sind 4468 Unternehmen betroffen, darunter vor allem Schweinemastbetriebe. Die Sperrungen seien aber zunächst reine Vorsichtsmaßnahmen, heißt es.

"Auch wenn ein Teil der ersten Proben unauffällig war, hat der vorsorgende Gesundheitsschutz absoluten Vorrang", hieß es in einer Erklärung des Ministeriums.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) forderte europaweite Regelungen zum besseren Schutz der Lebens- und Futtermittelkette. Wie ihr Ministerium mitteilte, sprach sie sich in einem Telefonat mit EU-Verbraucherkommissar John Dalli für europaweit verbindliche Standards zur Trennung gesundheitsgefährdender Stoffe aus. "Betriebe, die Futterfette herstellen, dürfen nicht auf dem selben Firmengelände gleichzeitig Stoffe für die technische Industrie produzieren", so Aigner.

An welcher Stelle der Produktion das Dioxin in die Futtermittelkette gelangte, ist immer noch nicht geklärt. Laut Ermittlern ist bei Harles und Jentzsch mit Dioxin verunreinigtes Industriefett in Tierfutterfett geraten. Gerüchte um eine drohende Insolvenz wies die Firma am Donnerstag zurück.

Obergrenze um das Zehnfache überschritten

Unabhängige Untersuchungen hatten eine hohe Dioxinbelastung in Waren von Harles und Jentzsch bestätigt. Bei neun von 20 ausgewerteten Proben des Betriebs habe der Dioxingehalt den zulässigen Höchstgehalt von 0,75 Nanogramm überschritten, teilte das schleswig-holsteinische Landwirtschaftsministerium mit.

Der höchste gemessene Wert der Proben lag demnach bei 10,05 Nanogramm und war damit zehnmal höher als die zulässige Obergrenze. Die betroffenen neun Proben seien "wegen der Höchstgehaltüberschreitung nicht für die Futtermittelherstellung geeignet", hieß es. Die untersuchten Proben waren von der Firma selbst entnommen worden.

Laut Bundesregierung wurden bis zu 150.000 Tonnen Futter für Hühner, Puten und Schweine mit dem Gift verseucht. Das von Harles und Jentzsch gelieferte Fett war von 25 Futterherstellern eingemischt worden.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat bisher keine Erkenntnisse über gesundheitliche Auswirkungen bei den Verbrauchern. Am Donnerstag wurden auch in Rheinland-Pfalz erstmals mehr als 500 Eier aus einem Betrieb entdeckt, der mit dioxinhaltigen Futtermitteln beliefert wurde. Damit hat der Skandal 13 Bundesländer erreicht. Nach Hessen wurden Ferkel geliefert, die zuvor mit belastetem Futtermittel gefüttert worden waren. In Baden-Württemberg gibt es ebenfalls Hinweise, dass möglicherweise dioxinbelastete Ware ins Land gelangt ist.

Bei in Bayern sichergestellten Eiern bestätigte sich der Verdacht auf Dioxin. Belastetes Fertigfutter ging an Legehennen- und Schweinemastbetriebe in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.

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Dioxin im Futter: Verseuchte Lebensmittel?

Foto: Joern Pollex/ Getty Images
ler/dpa/AFP
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