Aus für Garantiezins Ist die Lebensversicherung jetzt am Ende?

Die Bundesregierung will bei neuen Lebensversicherungen keinen Garantiezins mehr vorgeben. Weil der als Hauptargument für die Policen galt, steht der Altersvorsorgeklassiker vor dem Aus. Ein Überblick über die Folgen für Verbraucher und die Branche.
Vergoldeter Lebensabend? Die Lebensversicherung lohnt sich nur noch selten

Vergoldeter Lebensabend? Die Lebensversicherung lohnt sich nur noch selten

Foto: Matthias Balk/ dpa

Die klassische Kapitallebensversicherung mit Garantiezins steht vor dem Aus: Künftig soll der bisher für alle Lebensversicherer verbindliche Zins nur noch für einige kleine Assekuranzen gelten. Größeren Unternehmen will das Bundesfinanzministerium den Zins, mit dem Neukunden sicher rechnen können, laut Referentenentwurf nicht mehr vorgeben.

Was bedeutet die Änderung der Bedingungen für den Altersvorsorgeklassiker für Verbraucher und die Versicherungsbranche? Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Was ist der Garantiezins?

Mit dem Garantiezins können Besitzer von Kapitallebensversicherungen nach Abzug der Vertragskosten sicher rechnen. Ein Großteil der mehr als 90 Millionen laufenden Verträge basiert auf diesem Modell. Die Höhe wird bisher vom Bundesfinanzministerium auf Empfehlungen von Versicherungsmathematikern und der Finanzaufsicht Bafin festgelegt. Die Änderungen gelten jeweils nur für Neuverträge.

Versicherer dürfen den Kunden weniger bieten, aber nicht mehr. Sie sollen so ihre langfristigen Versprechen auch in der Zukunft erfüllen können. Die garantierte Rendite - auch Höchstrechnungszins genannt - ist angesichts der Niedrigzinsen am Kapitalmarkt von einst 4 Prozent auf mittlerweile 1,25 Prozent gesunken.

Warum kippt die Bundesregierung den Garantiezins?

Das Bundesfinanzministerium verweist auf die schärferen Eigenkapitalvorschriften "Solvency II" von 2016 an, mit denen die Versicherungsbranche krisenfester gemacht werden soll. Danach müssen Versicherer für langfristige Versprechen an Kunden wie den Garantiezins mehr Eigenmittel zurücklegen.

Der bisherige Höchstrechnungszins werde für Zwecke der Aufsicht nicht mehr benötigt, heißt es im Finanzministerium. Versicherer könnten aber weiterhin Garantieversprechen abgeben.

Lohnt sich die Lebensversicherung jetzt noch?

Ohne einen Garantiezins macht die Lebensversicherung als Altersvorsorge aus Sicht des Bundes der Versicherten keinen Sinn mehr. "Der Garantiezins war der Hauptgrund dafür, dass es immer noch rund 90 Millionen Verträge in Deutschland gibt", sagt Sprecherin Bianca Boss. Als Schutz vor finanziellen Risiken durch den Todesfall reiche eine Risiko-Lebensversicherung völlig aus. Sie ist deutlich günstiger als eine kapitalbildende Lebensversicherung, da sie nur den Todesfall absichert und die eingezahlten Beiträge nicht erstattet werden.

Die Versicherer argumentieren hingegen, dass neue Lebensversicherungen mit einer flexiblen Verzinsung sogar mehr Gewinn abwerfen könnten als die klassischen Verträge, weil die Versicherer bei der Anlage der Kundengelder mehr Spielraum hätten.

Sollte man alte Lebensversicherungen kündigen?

Der Bund der Versicherten warnt vor Hysterie: Denn bestehende Versicherungsverträge, in denen ein Garantiezins zugesagt wird, seien von der geplanten Neuerung nicht betroffen. Wer noch eine Lebensversicherung aus alten Zeiten in der Schublade habe, könne sich sogar freuen: Mitte der Neunzigerjahre sicherten die Versicherer den Kunden noch eine Verzinsung von vier Prozent zu - über die gesamte Versicherungsdauer.

Wie reagiert die Branche?

Zwar ist die klassische Lebensversicherung mit einem lebenslangen Garantiezins bereits ein Auslaufmodell. Dennoch will die Branche keinen endgültigen Schlussstrich ziehen. Der Branchenverband GDV fordert, dass der Höchstrechnungszins weiterhin für alle Lebensversicherer gelten soll. Auch die Versicherungsmathematiker der einflussreichen Deutschen Aktuarvereinigung machen sich für eine Beibehaltung der Vorgabe bei klassischen Lebensversicherungsprodukten stark - allerdings mit Anpassungen.

Wie geht es weiter?

"Die Unternehmen müssen sehen, welchen Zins sie anbieten können und wollen", sagt Reiner Will von der Ratingagentur Assekurata. Den meisten Kunden seien Garantiezusagen wichtig. Die Versicherer werden diese nach seiner Einschätzung künftig allerdings sehr unterschiedlich ausgestalten. "Das erhöht die Vielfalt, macht die Vergleichbarkeit aber schwieriger. Für Kunden wird die Welt komplexer." Der Bund der Versicherten fürchtet, "dass im Neugeschäft zukünftig nur die neuartigen und besonders intransparenten Tarife angeboten werden".

nck/Reuters