Hohe Gewinnausschüttungen Klamme Lebensversicherer müssen Millionen an Mutterkonzerne schleusen

34 deutschen Lebensversicherern drohen laut Finanzaufsicht finanzielle Probleme - dennoch führten diese Unternehmen nach neuesten Zahlen der Bundesregierung 2017 Rekordgewinne an ihre Eigentümer ab. 32,8 Millionen Verträge sind betroffen.
Foto: Jan Woitas/ dpa

Die deutschen Lebensversicherer sind seit Jahren im Leidensmodus. Die Niedrigzinsen machen ihnen zu schaffen - und das bekommen vor allem die Kunden zu spüren: Die Prognosen für das, was sie am Ende einmal rausbekommen sollen, sinken von Jahr zu Jahr.

Einige Lebensversicherer scheinen dabei sogar so klamm, dass die Finanzaufsicht BaFin sie unter "intensivierte Aufsicht" gestellt hat. Dies betreffe 34 von insgesamt 87 Lebensversicherern in Deutschland, hieß es in einem Bericht des Finanzministeriums , der im Juni für viel Aufsehen sorgte: "Unternehmen, bei denen es sich aus der jährlichen Prognoserechnung ergibt, dass sie mittel- bis langfristig finanzielle Schwierigkeiten haben könnten", wie es damals hieß.

Nun wird deutlich, dass viele der klammen Unternehmen offenbar doch noch relativ viel Geld zu verteilen haben - wenn auch nicht unbedingt an ihre Kunden, sondern an die eigenen Mutterkonzerne. 276 Millionen Euro Gewinn führten die 34 betroffenen Versicherer alleine 2017 ab - so viel wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.

Auch in den Vorjahren waren die Gewinnabführungen der betroffenen Unternehmen durchaus üppig, wie die Grafik zeigt.

Aus der Antwort der Bundesregierung wird auch erstmals klar, wie viele Verträge bei den 34 besonders intensiv beaufsichtigten Versicherern betroffen sind: "Ende 2017 bestanden bei den genannten Lebensversicherern laut BaFin 32,8 Millionen Verträge mit einer Versicherungssumme von 1.085.428 Millionen Euro", heißt es in dem Schreiben, das dem SPIEGEL in Auszügen vorliegt. Es geht also um mehr als eine Billion Euro. Alleine im vergangenen Jahr zahlten die Kunden 26,5 Milliarden Euro neue Beiträge ein.

"Die Verträge von Millionen von Menschen stehen unter intensivierter Aufsicht", sagte Gerhard Schick, Finanzexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, dem SPIEGEL. "Sie haben erstens ein Recht auf mehr Transparenz und zweitens auf eine faire Lastenteilung." Die Versicherer täten sich schwer, die gegebenen Versprechen zu erfüllen, so Schick. "In solchen Zeiten erwarte ich, dass nicht Geld aus gefährdeten Lebensversicherungsunternehmen abfließt, sondern dieses zur Stabilisierung genutzt wird. Eigentlich müsste das Eigenkapital der Unternehmen deutlich erhöht werden."

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wies den Vorwurf zurück. Der Großteil des erwirtschafteten Geldes sei in den vergangenen Jahren an die Versicherten gegangen, lediglich 3,7 Prozent an die Unternehmen. Allerdings beziehen sich die Zahlen auf den Zeitraum zwischen 2011 bis 2017.

Das 2014 verabschiedete Lebensversicherungsreformgesetz untersagt es den Versicherungsunternehmen eigentlich, Gewinne an ihre Anteilseigner auszuschütten, wenn die Leistungen für die Versicherten gefährdet sind. So sollten die Versicherer stabilisiert und die Lasten der Niedrigzinsen fairer zwischen Unternehmen und Versicherten geteilt werden.

In der Praxis wird diese Regelung aber offenbar weitgehend umgangen. So haben die 34 Versicherer unter intensivierter BaFin-Beobachtung seit 2014 zwar keine Gewinne mehr an ihre Eigentümer mehr ausgeschüttet, dafür aber weiter fleißig Millionen über den Weg von Gewinnabführungsverträgen an ihre Muttergesellschaften weitergereicht.

Für die Kunden bleibt die klassische Kapitallebensversicherung dagegen ein eher schlechtes Geschäft. 2018 liegt die laufende Verzinsung durchschnittlich bei gerade mal noch 2,4 Prozent. In den Neunzigerjahren waren es noch mehr als sieben Prozent.

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