Lebensversicherungen Geld verbrennen leicht gemacht

Zu teuer, zu unklar, zu wenig Rendite: Das Verkaufskonzept von Lebensversicherungen ist unfair. Nun sinkt der Garantiezins noch auf ein Rekordtief. Was gilt es zu beachten?

Lebensversicherungspolice (Symbolbild)
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Lebensversicherungspolice (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Von der Lobbyzentrale des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bis zum Bundesfinanzministerium sind es kaum 50 Meter Luftlinie. Und doch haben die Versicherungslobbyisten offenbar den Kontakt verloren.

Im Finanzministerium hat man nämlich sehr zum Missfallen der Branche vorgeschlagen, dass Versicherer ihren Kunden ab 2017 statt 1,25 Prozent nur noch maximal 0,9 Prozent Verzinsung garantieren dürfen - auf die Ersparnisse, die die Kunden in neu abgeschlossenen klassischen Lebens- und Rentenversicherungen künftig parken. Das Finanzministerium kann solche Entscheidungen per Verordnung treffen.

Die Senkung im nächsten Jahr mache die Versicherungsprodukte unattraktiv, barmt die Branche nun. Doch das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Das zentrale Problem der klassischen Lebens- und Rentenversicherungen sind nicht niedrige 1,25 Prozent oder künftig noch niedrigere 0,9 Prozent Garantiezinsen auf den Sparanteil der Versicherungsverträge. Die nehmen sich noch luxuriös aus im Vergleich zu den 0,01 Prozent Zinsen, die viele Sparkassen oder die Deutsche Bank ihren Kunden aktuell zahlen.

Das eigentliche Problem der Lebensversicherer sind die Kosten ihrer Produkte und die Art, wie diese Kosten beim Kunden abgerechnet werden. Wer nämlich mit einer Lebensversicherung nicht nur als Risikoschutz Angehörige absichert, sondern selbst fürs Alter sparen möchte, zahlt zunächst drauf. Erst nach einigen Jahren beginnt das Sparen. Seit Jahrzehnten ziehen die Versicherungsunternehmen den Sparwilligen gleich zu Beginn des Vertrags die gesamten Kosten für Vertrieb und Betreuung über die kommenden 15, 20 oder 30 Jahre ab. Früher auf einen Schlag, inzwischen in Tranchen über fünf Jahre. Damit können Vertriebsvorstände hungrige Verkäufer bezahlen. Ob die in Zukunft ihre Kunden wirklich gut betreuen, ist in diesem System dagegen herzlich egal.

Für Kunden bedeutet das, sie starten einen solchen Lebensversicherungsvertrag mit roten Zahlen. Und wenn man sofort wieder kündigen würde, wäre ein Gutteil des eingezahlten Geldes weg.

Die Branche nennt das Zillmerung (nach einem Mathematiker des 19. Jahrhunderts) und begründet das Verfahren damit, dass der Hauptteil der Arbeit der Vertriebsleute ja auch am Anfang erforderlich sei, um Kunden von der Sinnhaftigkeit der Verträge zu überzeugen - also ihnen die Verträge aufzuquatschen. Kunden, die erst unterschreiben und dann nach sechs oder sieben Jahren ohne rechte Beratung den Vertrag beenden, dürfen demnach ruhig mit finanziellen Verlusten bestraft werden. Sie haben dann zwar das Kostenpaket für 30 Jahre bezahlt, erhalten aber keine Rendite mehr.

Man könnte einfach sagen: Das Konzept ist antiquiert und wird sich überleben. Leider aber ist es noch viel mehr. Es ist unfair. Unfair gegenüber den Kunden und unfair auch gegenüber allen engagierten Beratern der Lebensversicherungsbranche. Und es schadet der zusätzlichen Altersvorsorge, die doch dringend notwendig ist.

Bis zu fünf Prozent pro Jahr kündigen einen Vertrag vorzeitig

Die Rating-Agentur Assekurata hat 2015 bei 62 Lebensversicherern ausgerechnet, welche effektive Beitragsrendite sich nach Kosten ergibt: Im Durchschnitt bleiben für einen Vertrag, der 25 Jahre lang bespart wird, von den bisher jährlich garantierten 1,25 Prozent nur 0,42 Prozent übrig. Es gab sogar Fälle, in denen die garantierte Rendite negativ war.

Zwischen drei und fünf Prozent der Kunden kündigen einen solchen Vertrag pro Jahr vorzeitig. Über 25 Jahre sind das weit mehr als die Hälfte der Kunden. Die Vertriebsvorstände der deutschen Lebensversicherer haben also Produkte auf den Markt gebracht, bei denen die Mehrzahl der Kunden anfangs für eine Leistung bezahlt, die sie nicht in Anspruch nimmt.

Gleichzeitig haben die Vorstände ein Modell gebaut, in dem ihre Berater für spätere Dienstleistungen am Kunden nicht mehr bezahlt werden, solange sie ihm nicht ein neues Produkt aufschwatzen.

Was können, ja, was müssen Kunden angesichts der Pläne aus dem Finanzministerium nun tun?

  • Die meisten Kunden müssen nichts tun. Wer einen der Zigmillionen alten Lebens- oder Rentenversicherungsverträge hat, sollte diesen Vertrag fortführen. Er hat die unfaire Kostenbelastung am Anfang des Vertrags schon bezahlt und kann in der nächsten Zukunft wenigstens von (im Vergleich zum aktuellen Zinsniveau) relativ hohen Garantiezinsen für das jetzt schon Ersparte profitieren. Das gilt für klassische Lebens- und Rentenversicherungen, aber auch für Riester-Rentenversicherungen, Rürup-Verträge und Direktversicherungen in der betrieblichen Altersvorsorge. Verträge, die Anfang des Jahrtausends abgeschlossen wurden, garantieren Kunden bei gleicher Einzahlung häufig doppelt so hohe Renten wie neuere Verträge . Damals lag der Garantiezins auf die Sparanteile des Vertrags bei 3,25 Prozent. Ob es sich im Einzelfall lohnt, einen solchen Vertrag zu kündigen oder zu verkaufen, können Sie hier ausrechnen.

  • Wer jetzt vor der Entscheidung steht, einen neuen Versicherungsvertrag als Vorsorge fürs Alter abzuschließen, sollte auf die Lebensversicherung verzichten. Er sollte verzichten auf die klassische Police mit nunmehr Mini-Garantie, aber auch auf die neue Vertragsgeneration ohne Renditegarantie, wie Allianz, Axa, Ergo und Talanx sie immer öfter anbieten. Ein Vertrag, bei dem der Kunde deutlich in den Miesen anfängt, muss schon ganz schön frisiert sein, damit der Kunde ihn überhaupt erwägt. Im Augenblick sind maximal Versicherungsverträge (betrieblich und Riester) mit staatlicher Förderung so attraktiv, dass sie die Nachteile in der Produktgestaltung wettmachen.

  • Auch wer einen Versicherungsvertrag ohne Garantie, aber auf Basis von Fonds unterschrieben hat, muss sich wegen des geplanten niedrigeren Garantiezinses nicht grämen. Die Garantien ziehen dort ohnehin nicht. Diese Verträge kann man mit etwas Geschick sogar besser machen. Genau genommen handelt es sich bei der fondsgestützten Versicherung nur um ein teures Chassis, unter dem die Fonds als Motor die Arbeit der Kapitalvermehrung übernehmen. Das Risiko, ob das klappt, liegt allein beim Kunden. Deshalb sollten sich Kunden ihren Motor genau anschauen und im Zweifel die Fonds auswechseln und durch preiswertere und bessere ersetzen. Ein solcher Austausch ist bei vielen Fondspolicen kostenlos, und mit Indexfonds lassen sich Loser-Produkte leicht ersetzen. Wer die Versicherungsmechanik gut versteht, kann sogar regelmäßig ans Auswechseln denken, muss aber bei anderen als Indexfonds die Motorqualität regelmäßig prüfen.

Die Bemühungen der Branche in den vergangenen zwei Jahren, auf Druck des Gesetzgebers die Abschlusskosten von Lebensversicherungen zu senken, reichen nicht. Solange es die Versicherungswirtschaft nicht schafft, die Kosten für Beratung und Verkauf von Lebens-und Rentenversicherungen, deren Qualität sich erst nach 10 oder 30 Jahren zeigt, auch auf den Zeitraum gleichmäßig zu verteilen, sollten Kunden neue Kapitallebensversicherungen und Rentenversicherungen meiden.

Geld verlieren kann man anderswo besser gestalten - etwa auf der Trabrennbahn.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.


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nano-thermit 07.05.2016
1. Erstaunlich...
Und warum tut das Finanzministerium die Mindesteinkommen auf 0.9% runter? Man könnte eher meinen das geschieht im Einvernehmen mit den Versicherungen. Der Artikelschreiber tut aber so als geschehe das gegen den Willen der Versicherungen. Was hat die reGIERung davon, den garantizins zu senken? Wer profitiert davon? Ja wohl nur die Versicherungen und die künftigen Politiker die bei eben solche. Versicherungen arbeiten werden. Deren Gehälter muss man jetzt eben verdienen, daher die Zinssenkung?
thomas.meyer 07.05.2016
2. Halbgarer Artikel
Der Artikel ist aus meiner Sicht völlig unvollständig. Zum einen hätte man konkreter darauf eingehen müssen, daß der Bundesgerichshof 2013 die Klauseln bei LV Verträgen zur Zillmerung für unwirksam erklärt hat. Der Artikel hätte auch dazu Stellug nehmen müssen, daß der Staat seit einigen Jahren die noch verbleibenden Erträge aus einer LV anders als früher, teilweise der Besterung unterwirft.
steinbock8 07.05.2016
3. Es ist doch ganz einfach
Ich mache einen Vertrag und wenn er sich ungünstig entwickelt ändere ich ihn mit Hilfe der Bundesregierung zu meinen Gunsten Super Geschäftsidee
karend 07.05.2016
4. .
"Geld verbrennen leicht gemacht" Das könnte gut die Schlagzeile für Gabriel zum Schuldenerlass Griechenlands sein.
ArndtH 07.05.2016
5. Kurzes Gedächtnis
Das schöne an Leuten wie Herrn Tenhagen ist, dass sie nicht dazu in der Lage sind, die eigenen Aussagen kritisch zu reflektieren. Schon in den 0er-Jahre riet Tenhagen mit genau denselben Argumenten von Lebens-/Rentenversicherungen ab. Heute empfiehlt er den Lesern, die damals seinem Rat nicht gefolgt sind, diese hochverzinslichen Altverträge auf jeden Fall zu behalten. Schließlich kriegt man solche Zinsen heute nirgends mehr. Was denn nun? Wenn es damals doch schon ein so schlechtes Produkt war, wie kann es dann heute gut sein. Leider haben ja weder Finanztest, noch Tenhagens Finanztip die Funktionsweise einer Lebensversicherung wirklich verstanden (Stichwort: Wie funktioniert eigentlich die Überschussbeteiligung?). Man erinnere sich zudem auch an die unsägliche Geschichte mit der Empfehlung von fairriester durch Finanztip. Geld verlieren kann man auch durch Herrn Tenhagen. Wie die meisten "Verbraucherschützer" empfiehlt er seinen Kunden gerne den Renditeselbstmord aus Angst vor dem Kostentod. Haften muss er für den Quatsch, den er da verbreitet, ja leider auch nicht.
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