Buchläden, Baumärkte, Modehändler Wo die Geschäfte auch im Shutdown laufen – und wo ein Ladensterben droht

Restaurants sind geschlossen, Geschäfte bleiben offen: Die Deutschen sollen auch im Shutdown weiter shoppen. Doch haben sie in Zeiten von Pandemie und Kontaktbeschränkungen überhaupt noch Lust dazu?
Gähnende Leere in der Mall of Berlin am Leipziger Platz

Gähnende Leere in der Mall of Berlin am Leipziger Platz

Foto: Michael Kröger / DER SPIEGEL

Vom Gedränge normaler Tage ist in der Mall of Berlin wenig zu spüren. In den kleineren Boutiquen verlieren sich einzelne Kundinnen, und auch in den großen Filialen von Zara über H&M bis Sport Scheck sieht es nicht besser aus. Direkt am Leipziger Platz gelegen, ist das Einkaufscenter mit 76.000 Quadratmetern und rund 300 Geschäften eigentlich eines der größten der Stadt. Jetzt hängen in auffällig vielen Schaufenstern Plakate, die die Geschäftsaufgabe oder die Schließung der Filiale ankündigen. "Seit Anfang der Woche ist hier nichts mehr los", erklärt die Verkäuferin dort. Noch sei die Mannschaft vollzählig, fügt sie hinzu. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis einige von ihnen wieder nach Hause geschickt würden.

Auch in der dritten Etage, wo viele kleine Restaurants Spezialitäten aus aller Welt anbieten, wirken die wenigen Grüppchen an diesem Tag Anfang November verloren auf der großen Fläche. Normalerweise herrscht hier um die Mittagszeit Hochbetrieb. Heute ist es anders: Hier sind zwei Chinesinnen mit dem Verkäufer ins Gespräch vertieft, dort diskutiert ein Pärchen, wo man den Burger am besten verzehren solle. Denn Stühle und Tische fehlen – Pizza, Hühnercurry oder Hamburger dürfen nur "außer Haus" verkauft werden.

Seit dem 2. November gilt der "Shutdown light" - Kneipen, Restaurants, Kino, Theater und Fitnessstudios sind geschlossen, der Einzelhandel aber darf weiter öffnen. Doch haben die Leute in einer solchen Situation überhaupt Lust aufs Shoppen? Oder geben die neuen Einschränkungen den Läden und Einkaufszentren jetzt den Rest?

Stefan Genth vom Handelsverband Deutschland (HDE) hat verheerende Zahlen parat: Um 35 Prozent lagen die Umsätze der Einzelhandelsgeschäfte in den Innenstadtlagen laut einer aktuellen HDE-Trendumfrage in der ersten Novemberwoche unter dem Vorjahreswert. Die Frequenz, also die Anzahl der Kunden, sei um 42 Prozent zurückgegangen. Bei den Modehändlern sieht es noch dramatischer aus: minus 43 Prozent beim Umsatz, minus 58 Prozent bei den Frequenzen. "Die Erholung ist mit der Ministerpräsidentenkonferenz abrupt abgerissen", sagt Genth.

"Die meisten Geschäfte machen jeden Tag Verlust"

Auf der Konferenz am 28. Oktober  hatten Merkel und die Ministerpräsidenten den neuen Shutdown beschlossen – verbunden mit dem Aufruf, zu Hause zu bleiben. Das nehme sich besonders die ältere Käuferschicht zu Herzen, die sonst verstärkt Mode- und Kaufhäuser besuchten, so Genth. Dazu kommen die Kontaktbeschränkungen, die Arbeitstermine, Feste und andere Termine aus unserem Kalender löschen – und damit den Grund, neue Kleidung zu kaufen. Das galt so ähnlich zwar auch schon in den vergangenen Monaten, doch im erneuten Shutdown fällt nun auch der spontane Lustkauf weg, der grade langsam wiedergekommen war. "Wir befürchten natürlich, dass sich das in den nächsten drei Wochen auch nicht ändert." Bis zu 50.000 Geschäfte seien in ihrer Existenz gefährdet , sagt Genth.

Die besonders betroffene Modebranche schlägt Alarm. "Aktuell machen die meisten Geschäfte jeden Tag Verlust, weil die Umsätze nicht mal die anfallenden Kosten decken", sagt Steffen Jost, Präsident des Handelsverbands Textil (BTE). In etlichen Fällen kämen Modehändler derzeit nicht mal auf die Hälfte ihrer üblichen Umsätze. Auch der Onlineverkauf sei kein Allheilmittel: Amazon oder Zalando nähmen eine Provision von rund 20 Prozent bei stationären Modehändlern, das sei bei einer durchschnittlichen Umsatzrendite von rund drei Prozent einfach zu teuer.

Ein düsteres Bild zeichnet auch das GfK Konsumklima, dessen Wert von -1,7 Punkten im Oktober auf prognostizierte -3,1 im November fallen wird. Das Barometer bildet die Stimmung der Verbraucher in Deutschland ab und gibt einen Ausblick für den Folgemonat. "Die Erholung des Konsums, die wir im Sommer gesehen haben, ist jetzt endgültig abgebrochen", sagt Rolf Bürkl, GfK-Konsumexperte.

Die Gründe dafür seien weniger die Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg: "Die Leute haben dank der staatlichen Unterstützungsprogramme nicht unbedingt weniger Geld in der Tasche – die Kaufkraft bleibt stark. Aber sie haben weniger Lust, einkaufen zu gehen, weil sie Angst vor Ansteckung haben. Zudem schränkt die Maskenpflicht das Einkaufserlebnis zusätzlich ein", sagt Bürkl.

Getroffen vom Shutdown sind neben Mode- und Schuhhäusern auch Bücherketten oder Elektronikmärkte in Innenstadtlagen. Wie sehr, das zeigt die Leere der Mall of Berlin und anderer Geschäfte in zentralen Lagen. Auf den Gehsteigen der Hamburger Mönckebergstraße etwa herrscht in diesen Tagen zwar durchaus Betrieb. Doch es sind nur rund zwei Drittel der sonst üblichen Frequenz, wie das Portal "Hystreet" zeigt, das Frequenzen in Einkaufsstraßen in Echtzeit misst.

Supermärkte, Baumärkte und Möbelhäuser boomen

Doch längst nicht bei allen Händlern läuft es schlecht. Supermärkte, Baumärkte oder Möbelhäuser sind bisher immun gegen die Coronakrise: Ihre Umsätze haben seit Beginn der Pandemie sogar enorm zugelegt. Zusammen mit dem stark wachsenden Onlinegeschäft habe dies den Einzelhandel insgesamt wachsen lassen, er stehe nun sowohl über Vorkrisenniveau als auch über Vorjahr, sagt Bürkl.

Ein Modegeschäft in der Mall of Berlin

Ein Modegeschäft in der Mall of Berlin

Foto: Michael Kröger / DER SPIEGEL

Auch dort, wo es lokaler und persönlicher zugeht als in den reinen Einkaufsstraßen der Innenstädte, läuft es jetzt in der Krise besser. Die Boutique "Steen" im wohlsituierten Hamburger Stadtteil Othmarschen etwa kann nicht klagen. In dem hellen Laden mit geöffneter Tür gibt es edle Cashmere-Tücher für 199 Euro oder sandfarbene Daunenmäntel für 499 Euro. "Ich kann keinen Unterschied zu letzter Woche feststellen", sagt die Mitarbeiterin bei einem Besuch Anfang November und zeigt auf einen silbriggrünen Mantel im Schaufenster. "Den habe ich gerade einer Kundin verkauft, die Tochter hat dann spontan denselben in Silber genommen. Hier hat sich eine Art Corona-Routine eingestellt."

Auch nebenan im Buchladen "Quotes" hat man kaum eine Veränderung bemerkt. "Uns kleinen Buchhandlungen geht es in der Pandemie relativ gut", sagt Buchhändlerin Beate Kreidel. "Die Leute haben mehr Zeit zu Hause und kaufen mehr Bücher. Und wir profitieren von unserer sehr engen Kundenbindung."

Insgesamt hätten kleinere Städte und Standorte weniger Probleme als die großen innerstädtischen Modehäuser mit 4000 Quadratmeter Fläche, meint Verbandsvertreter Genth. "Die Leute bleiben gern in ihrem Viertel, statt in die Innenstädte zu fahren." Und nicht zuletzt spielt der Frischluftfaktor in Pandemiezeiten an Einkaufsstraßen auch eine Rolle – gegenüber geschlossenen Einkaufszentren.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Damit die Innenstädte nicht zugrundegehen, fordern die Verbände direkte Hilfen vom Staat. So sollen die sogenannten Novemberhilfen, die bisher für direkt vom Shutdown betroffene Unternehmen wie Restaurants, Kneipen oder Hotels vorgesehen sind, auf den Einzelhandel ausgeweitet werden. "Nicht pauschal mit der Gießkanne, aber nach Bedarf", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Genth. Und den Bedarf sieht er kommen, besonders in der Vorweihnachtszeit: "Viele Geschäfte machen 25 Prozent ihres Jahresumsatzes im Weihnachtsgeschäft."

Weihnachtsgeschäft könnte sogar wachsen

Das Geschäft mit den Geschenken könnte zwar durchaus positiv ausfallen: Der HDE rechnet dank der guten Kaufkraft in diesem Jahr mit Weihnachtsumsätzen von rund 104 Milliarden Euro – das wären 1,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Und die GfK geht davon aus, dass zum Jahresende Verbraucher noch die Möglichkeit des Einkaufens mit reduzierter Mehrwertsteuer nutzen werden. Doch davon dürften weit weniger als sonst die Innenstadtläden profitieren. In einer repräsentativen Umfrage gaben 53 Prozent der Befragten an, in diesem Jahr "wegen der Coronakrise seltener für Weihnachten einkaufen gehen" zu wollen, 44 Prozent wollen die "Weihnachtseinkäufe verstärkt online tätigen". Für den Onlinehandel erwartet der HDE deshalb im Weihnachtsgeschäft 19 Prozent mehr Umsatz.

Aufgeben wollen viele Läden in den Einkaufszentren deshalb trotzdem nicht. In der Mall of Berlin dekoriert an diesem Novembertag eine junge Verkäuferin ein Regal mit Geschenkartikeln im Designerladen um. "Jetzt ist ein bisschen Zeit dafür", sagt sie, und man erkennt, wie sie den Mund hinter ihrer Maske zu einem schiefen Lächeln verzieht. Nach dieser Art von Ruhe sehnt sich hier eigentlich niemand. "In der nächsten Woche kommen wieder mehr Kunden", sagt sie voraus. "Das war schon im März so, nachdem die ersten Vorschriften des Lockdowns gelockert wurden."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.