Hermann-Josef Tenhagen

Mehr Netto vom Brutto So kriegen Sie Ihre Steuerermäßigung schnell genug, um die Gasrechnung zu zahlen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Wer seine Steuererklärung macht, bekommt im Schnitt tausend Euro zurück. Doch für 2022 bekommen Sie die Erstattung frühestens im nächsten Frühsommer. Wenn Sie jetzt schon mehr Netto brauchen, gibt es einen Trick.
Papierkram erledigen: Sie können jederzeit einen Antrag auf Lohnsteuerermäßigung stellen

Papierkram erledigen: Sie können jederzeit einen Antrag auf Lohnsteuerermäßigung stellen

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Cavan Images / Getty Images

Viele Bürgerinnen und Bürger machen sich Sorgen, ob sie demnächst ihre Energierechnungen werden bezahlen können. Sie kratzen ihr Erspartes zusammen – und trotzdem reicht es vielleicht nicht. Die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben aber noch ein weiteres Ass im Ärmel, das es sich zu ziehen lohnt: den Antrag auf Lohnsteuerermäßigung.

Wenn Sie arbeiten und halbwegs verdienen, zahlen Sie dafür Monat für Monat Lohnsteuer. Am Jahresende haben Sie dann ungefähr die passende Einkommensteuer für das Jahr gezahlt. Dieses System übersieht aber, dass viele zum Teil erhebliche Kosten zum Absetzen und damit Senken der Steuer haben. Diese werden aber immer erst nach Abgabe der Steuererklärung im nächsten Jahr berücksichtigt. 88 Prozent der Steuerzahler, die eine Steuererklärung abgeben, bekommen anschließend Geld vom Staat zurück. Im Schnitt sind das mehr als 1000 Euro .

Dieses Steuergeld für das Jahr 2022 würden Sie mit der Steuererklärung erst frühestens im Frühsommer 2023 zurückholen können. Doch viele brauchen das Geld schon jetzt. Dann holen Sie sich dieses Geld doch am besten sofort!

Der Trick: Wenn Sie einen Antrag auf Lohnsteuerermäßigung stellen, ziehen Sie einen Teil der Steuerbetrachtung mit der Steuererklärung schon auf den monatlichen Gehaltscheck vor. Sie können dazu all die Argumente vorbringen, die zur Senkung Ihrer Einkommensteuer führen werden, wenn Sie 2023 die Steuererklärung machen. Das Finanzamt trägt dann einen entsprechenden Freibetrag auf Ihrer elektronischen Steuerkarte (Elstam) ein. Und schon zieht Ihr Arbeitgeber Monat für Monat weniger Steuern vom Bruttolohn ab. Gesetzlich geregelt ist das in § 39a des Einkommenssteuergesetzes.

Sie können jederzeit so einen Antrag stellen. Das amtliche Formular dafür bekommen Sie bei jedem Finanzamt, aber auch online als Formular bei »Mein Elster« oder im Formularmanagementsystem der Bundesfinanzverwaltung .

Auf dem Hauptvordruck – so heißt das im Finanzamtsdeutsch – können Sie dann die Kosten eintragen, die regelmäßig oder verlässlich in diesem Jahr anfallen und zur Absenkung Ihrer Steuerlast im Laufe des Jahres führen. Sie sollten für den Antrag mindestens 600 Euro an Kosten geltend machen können, damit das Finanzamt den Antrag überhaupt annimmt.

Weil Sie als Arbeitnehmer ohnehin 1200 Euro Arbeitnehmerpauschbetrag auf der Steuerkarte stehen haben, müssen die anrechenbaren Werbungskosten also mindestens 1800 Euro betragen. Handwerkerkosten und Kosten für haushaltsnahe Dienstleistungen können Sie aber schon ab dem ersten Euro angeben. Es gibt ein paar Ausnahmen. Details finden Sie im Finanztip Ratgeber .

Klassische Kosten, die Sie für die Lohnsteuermäßigung angeben können, sind

  • Ausgaben rund um ihren Job wie Kosten des Arbeitsweges (Entfernungspauschale), der doppelten Haushaltsführung, einer beruflichen Fortbildung oder für Arbeitsmittel wie einen Computer. Auch Kosten für ein Arbeitszimmer, Fachliteratur und Berufskleidung zählen. Ein Beispiel: Nach zwei Jahren Homeoffice müssen Sie jetzt wieder 60 Kilometer mit dem Auto zu Ihrer Arbeitsstätte fahren und das an 200 Arbeitstagen im Jahr. Das sind 12.000 Kilometer – für die Berechnung zählt hier nur die Entfernung, nicht der Hin- und Rückweg. Für 4000 Kilometer (jeweils die ersten 20 Kilometer) können Sie 30 Cent pro Kilometer als Kosten (Entfernungspauschale) anrechnen lassen, für die restlichen 8000 Kilometer sogar 38 Cent. Das macht insgesamt 1200 + 3040 Euro, also 4240 Euro, die Sie abzüglich der Pauschale von 1200 Euro nach den neuen Steuerregeln von Ihrem zu versteuernden Jahreseinkommen abziehen können .

  • Sonderausgaben  wie Unterhaltsleistungen an den gerade geschiedenen oder getrennten Ehepartner, Kinderbetreuungskosten, Spenden oder die Kirchensteuer.

  • Wenn Sie zu Beginn des Jahres etwa eine große Zahn-OP gehabt haben und ein Implantat eingesetzt werden musste und dabei sind 5000 Euro Kosten entstanden, können Sie auch diese Kosten ab einer zumutbaren Belastung absetzen. Außergewöhnliche Belastungen  heißt das im Amtsdeutsch. Hier würden Sie auch die Kosten von Unwettern und Überschwemmungen eintragen, wenn Sie von solcher Unbill betroffen sind.

  • Eine sichere Bank für die Argumentation beim Finanzamt sind auch hohe Handwerkerkosten, die Sie 2022 schon in Ihrem Haushalt bezahlt haben. Wenn Sie beispielsweise für 10.000 Euro das Bad umgebaut haben und dabei sind 6000 Euro Lohn- und Fahrtkosten angefallen, können Sie diese 6000 Euro geltend machen und bekommen dafür 1200 Euro vom Finanzamt zurück. 6000 Euro, das ist auch der Maximalbetrag, den Sie in einem Jahr als Handwerkerkosten  beim Finanzamt angeben können.

  • Etwas geht auch bei den Kosten für haushaltsnahe Dienstleistungen , insgesamt 2040 Euro. Wenn Sie also das Jahr über eine Putzfirma beschäftigen, die jeden Monat 200 Euro von Ihnen bekommt, können Sie davon 2040 Euro schon mal geltend machen, hier gäbe es dann 510 Euro zurück.

  • Auch Alleinerziehende können mit dem Antrag auf Lohnsteuerermäßigung einen ordentlichen Schub für Ihr Nettoeinkommen erhalten. Sie haben einen Entlastungsbeitrag  von 4008 Euro, der in der Steuerklasse 2 automatisch berücksichtigt wird.

Sind Sie sich recht sicher, dass Sie auch 2023 ähnliche Kosten zum Absetzen haben, können Sie im Formular gleich ein Häkchen bei »Zweijährige Gültigkeit des Freibetrags« setzen. Fallen 2023 aber voraussichtlich deutlich weniger Kosten zum Absetzen an, lassen Sie das lieber. Denn Sie sind verpflichtet, dem Finanzamt Änderungen mitzuteilen – und die schöne Ersparnis an Bürokratie wäre dahin.

Gleich loslegen und vielleicht schon im September profitieren!

Wenn Sie jetzt gleich loslegen, können Sie das noch in den letzten Augusttagen fertigstellen. Vielleicht sind Sie ja sowieso gerade dabei, Ihre Steuererklärung fürs Vorjahr zu machen, dann sind Sie gerade gut im Flow.

Schicken Sie also das Formular für die Lohnsteuerermäßigung entweder über »Mein Elster« elektronisch an die Finanzverwaltung, oder geben Sie das von Hand unterschriebene Formular beim Finanzamt ab. Sie können das Formular zwar online herunterladen, aber einschicken müssen Sie es außerhalb von Elster nach wie vor ganz klassisch. Wer schnell ist, hat gute Aussichten, schon mit dem Septembergehalt mehr netto ausgezahlt zu bekommen.

Der errechnete Freibetrag wird auf die restlichen Monate des Jahres verteilt, wenn Sie etwa auf einen Freibetrag von 4000 Euro kommen, haben Sie für jeden der vier Monate bis zum Jahresende einen Tausender mehr, den Sie steuerlich geltend machen können. Abhängig von Ihrem Einkommen bringt das leicht ein Drittel mehr Gehalt. Ein Beispiel: Wer als Single ohne Kinder durchschnittlich verdient, also rund 3500 Euro brutto im Monat, hat mit diesem zusätzlichen Freibetrag rund 300 Euro netto mehr in der Tasche – in jedem der vier Monate bis Jahreswechsel.

Das ist in diesem September sogar besonders charmant, weil Sie ja wegen des Energiegeldes schon 300 Euro mehr brutto verdienen, auf die Sie aber auch Steuern zahlen müssen. Mit Energiegeld und weniger Einkommensteuer aufs Gehalt kann ihr Septembernetto 2022 tatsächlich deutlich höher ausfallen, und Sie haben die erste Rate Ihrer eisernen Reserve, die Sie für die Energiekosten in den kommenden Monaten zur Seite legen müssen.

Wenn Sie mehr verdienen, ist der Steuervorteil noch größer, verdienen Sie weniger, ist der Steuervorteil entsprechend geringer.

Gibt es noch einen Nachteil? Nicht wirklich. Der Vorteil ist ja vor allem, dass Sie die Steuererstattung jetzt schon zurückbekommen und nicht auf das kommende Frühjahr warten müssen. Dieser Vorteil ist in Zeiten hoher Energiepreise und damit hoher Inflation besonders beachtlich.

Ihre Steuererklärung müssen Sie allerdings im kommenden Jahr trotzdem bis zum 2. Oktober abgeben. Da wird das alles von Finanzamt noch mal haarklein nachgerechnet. Sehr wahrscheinlich kriegen Sie dann nicht mehr besonders viel zurück, aber ein kleiner Nachschlag von zum Beispiel 30 oder 40 Euro sollte drin sein.

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